Martin, ab in die Ecke, und schäm dich

23. Februar 2013, 08:50 Uhr

Er soff, rauchte, durchtanzte die Nächte und nahm keine Rücksicht. Der Maler Martin Kippenberger führte ein extrem intensives Leben. Mit 44 war es vorbei. Nun widmet ihm Berlin eine große Ausstellung. Von Anja Lösel

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Die Skulptur "Martin, ab in die Ecke, und schäm dich" kann sogar sprechen. Zu sehen sind die Werke von Martin Kippenberger Berliner Museum Hamburger Bahnhof.©

Er tobte durch die Kneipen, zerbiss Gläser, tanzte bis zum Umfallen und trank sehr, sehr viel. Wenn der Maler Martin Kippenberger bis in die Morgenstunden in Berlin unterwegs war, in der Paris Bar oder im SO36, dann erwartete er von seinen Freunden, dass sie mithielten. Wer das exzessive Leben nicht aushielt, war kein Freund, da war er gnadenlos.

"Er war ein Süchtiger", erzählt seine Schwester Susanne. "Süchtig nach Drogen, später nach Alkohol, süchtig nach Anerkennung und Aufmerksamkeit, nach Liebe, Fernsehen und Nudelauflauf." Und alles verwandelte er in Kunst, auch den Nudelauflauf. Kunst war für ihn Leben und Leben war Kunst. Da konnten nicht viele mithalten, am Ende auch er selbst nicht mehr. Mit 44 Jahren starb Martin Kippenberger an Leberkrebs, es war einfach alles zu viel gewesen.

Skulptur gegen Kost

Am Montag wäre er 60 Jahre alt geworden. Um das zu feiern, räumte das Museum Hamburger Bahnhof in Berlin den riesigen Flick-Trakt frei und zeigt alles, was Kippenberger ausmacht: sie Laterne, die sich wie ein Betrunkener krümmt. Die kleinen, feinen Zeichnungen auf Hotelbriefpapier. Die Bilder "Sympathische Kommunistin" und "Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken". Die sprechende Skulptur "Martin, ab in die Ecke und schäm dich!" Und auch die 56-teilige Florenz-Serie, die er eintauschte gegen lebenslanges Gratisessen und Trinken in seiner Lieblingskneipe, der Paris Bar.

Auch das große Restaurantbild, das dort jahrelang hing, bevor es für mehr als zwei Millionen Euro versteigert wurde, ist natürlich zu sehen. Kippenberger hat es gar nicht selbst gemacht, sondern bei einem Plakatmaler in Auftrag gegeben. Ist aber eigentlich egal, irgendwie war es doch seins.

Unterhose mit Eingriff

Auf der Einladungskarte zur großen Eröffnungsparty prangt Kippenbergers Foto – in riesigen Schießer-Unterhosen mit Eingriff, unkleidsam hoch über den Bauch gezogen. Nein, eitel war er nicht. Einmal wurde er von Punks zusammengeschlagen, und schon kurz danach ließ er sich mit Kopfverband, verschwollenem Gesicht und schiefer Nase fotografieren. Später malte er sich genau so und nannte das Bild "Dialog mit der Jugend".

"Du kannst Dich benehmen wie 'n Arschloch, aber du sollst es auf keinen Fall sein", sagte er mal. Viele wollten das nicht begreifen. Weil er rumpöbelte, fiese Sprüche klopfte und sich schlecht benahm, hielten sie ihn für einen Chauvi, Rassisten und Schwulenhasser. "Dabei wollte er ihnen nur den Spiegel vorhalten", so Schwester Susanne. "Er wollte der wandelnde Widerspruch sein."

Als Künstler wurde er lange Zeit nicht ernstgenommen. Seine Bilder seien schlecht, er selbst ein unterhaltsamer Angeber, so dachten viele über ihn. Erst als er kurz vor seinem Tod die "Medusa"-Bilder malte, die ihn krank, aufgequollen, hässlich und völlig fertig zeigten, kamen die Kritiker ins Grübeln. Schonungslos und brutal ging er mit sich selbst um, und malen konnte er, nun sahen es plötzlich viele, wie ein ganz großer Meister. Aber da war es für Kippenberger schon zu spät.

Jetzt feiern sie ihn, 16 Jahre nach seinem Tod. Er war einer von denen, die für die Kunst brennen. Seine New Yorker Galeristin meinte schlicht: "Martin war hyper. Hyperaktiv, hyperintelligent, hypersensibel."

Ausstellung "sehr gut/very good", Berlin, Hamburger Bahnhof, bis 18. August

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