Nach und nach hat Marcel van Eeden sich eine neue Vergangenheit erzeichnet: Er sammelt Bilder, die vor seiner Geburt entstanden sind, setzt sie neu zusammen und kehrt so den Zeitfluss um. In art schreibt Till Brieglieb über den niederländischen Künstler.

Der niederländische Künstler Marcel van Eeden sammelt Bilder und setzt sie in einen neuen Kontext© Ute Mahler/Ostkreuz
Als junger Mann spielte Marcel van Eeden Bass in einer Betriebsfest-Combo, die mit Cover-Versionen von Hits ihr Geld verdiente. Jeden Abend trat er in niederländischen Zelten und Brauhäusern auf, bis er eine Freundin fand. Die stellte ihn vor die Alternative: die Band oder ich. Van Eeden entschied sich für die Frau. Von Cover-Versionen konnte er trotzdem nicht lassen. Allerdings nicht im musikalischen Feld, sondern im geschichtlichen - und zwar mit dem Bleistift.
Auf mittlerweile rund 5000 Blättern hat van Eeden Fotos abgezeichnet, die er in Zeitschriften, Büchern, Alben gefunden und auch von Internet-Standbildern abfotografiert hat. Einzige Bedingung: Sie müssen vor dem 22. November 1965 entstanden sein, seinem Geburtstag. Seit 1993 zeichnet der in Den Haag geborene Künstler jeden Tag mindestens ein Blatt der Vergangenheit. Seit 2001 stellt er die Bilder danach sofort ins Netz.
Vieles in Marcel van Eedens Welt ist klein. Die Formate (stets 19 mal 28 Zentimeter), das Salär (1600 Euro pro Blatt, davon die Hälfte für die Galerie). Er selbst ist auch kein Riese, und die Berliner Hinterhofwohnung, in der er arbeitet, ist geradezu winzig. Sein Bilderfundus dagegen ist riesig. Ihn interessiere alles - wobei aber nicht jedes Motiv aufgenommen werde. Er vermeidet es zum Beispiel, berühmte Abbildungen oder Personen der Zeitgeschichte zu zeichnen. New York etwa hält Marcel van Eeden für ein Klischee und deswegen für ein Motiv ohne Erzählung.
"Am liebsten verwende ich Fotos von Geschichten und Menschen, die vergessen sind", erzählt van Eeden. Er wählt architektonische Ansichten, Landschaften, Stadtpanoramen, aber auch Menschen in unspektakulären Situationen. Dazwischen streut er immer wieder Darstellungen von Katastrophen, und Krieg. Einzelobjekte wie Pistolen oder Gurken finden ebenso Eingang wie skurrile Motive von folkloristischen Bräuchen. Aus diesen Einzelgliedern flicht van Eeden eine lange Kette atmosphärischer Eindrücke, mit der er sich ein Vorleben erfindet, das es so niemals gab.Marcel van Eedens künstlerisches Konzept basiert auf der Idee, den Tod durch eine neue Vergangenheit zu besiegen. Seit 1993 entsteht jeden Tag ein Stück fremde Vergangenheit, die er sich über ein Gefühl von Sympathie als seine aneignet.
Der Kurator einer Ausstellung in Den Haag hatte für van Eedens Arbeit mal den Begriff „Enzyklopädie des Todes“ geprägt. Doch der Künstler empfindet die Metapher längst als lästig: „Ich will nicht, dass die Arbeit eine solche Schwere bekommt.“ Trotzdem fasziniert ihn die Frage, warum der Mensch so viel Angst vor dem Tod hat. „Aber ich selbst bin überhaupt kein depressiver Mensch“, erklärt van Eeden mit Bestimmtheit. Und seine Bildfolgen sind es trotz des Todesthemas und der oft tiefen Schwärze seines Stils ebenso wenig.
In der Serie "K. M. Wiegand - Life and Work", die van Eeden im Sommer 2006 auf der Berlin-Biennale ausstellte und die ihm den künstlerischen Durchbruch verschaffte, konstruiert er eine abstruse Hochstaplergeschichte von großem Humor: Auf 139 Blättern erzählt er in scheinbar zusammenhangslosen Einzelszenen die Geschichte eines Mannes, der Elizabeth Taylor heiratet, eine Pazifikflotte befehligt, ein großer Künstler und ein großer Verbrecher ist, Staatsmänner interviewt und Warenhäuser entwirft, professionell boxt, taucht und Motorradrennen fährt. Dieser Tausendsassa der Moderne markiert auch in van Eedens Werk eine Zäsur, denn seit "K. M. Wiegand" strukturiert er seine Blätter zu Zyklen, die er mit Text klammert.
Marcel von Eeden im art-Magazin Neben dem Porträt über Marcel von Eeden finden sind Berichte über den deutschen Messemarathon des Frühjahrs, über Kunst als Geldanlage und das Privatmuseum der Kunstsammlerin Julia Stoschek in art - Das Kunstmagazin