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Vapiano - in der Pastavorhölle

stern-Stimme Micky Beisenherz nimmt in seiner Kolumne kein Blatt vor den Mund. Heute beschäftigt er sich mit der pseudomediterranen Sättigungsfabrik Vapiano.

Von Micky Beisenherz

  Eine Filiale der Restaurantkette Vapiano

Eine Filiale der Restaurantkette Vapiano

Stellen Sie sich vor, Sie müssten essen gehen mit einer Gruppe von Leuten. Und die Vorstellung, das tun zu müssen, ist Ihnen so sympathisch, wie den Hinterausgang vom Frankfurter Hauptbahnhof zu reinigen - mit der Zunge. Verwandte, zum Beispiel. Kleiner Tipp: Gehen Sie doch ins Vapiano!

Mit ein wenig Glück kommen Sie dort nie in die Verlegenheit, mit allen gleichzeitig am Tisch sitzen zu müssen. Zumal von sitzen erst einmal gar keine Rede sein kann. Die Nahrungsbeschaffung nimmt einen Gutteil der Verweildauer dort ein.

Die pseudomediterrane Sättigungsfabrik ist schon seit einiger Zeit sehr beliebt bei Menschen, die sich zu fein für McDonald's, aber zu geizig für anständige Restaurants sind. Vermutlich, weil viele Essen weniger als Zelebration, denn als reine Nahrungsaufnahme begreifen, ist die Kette gerade hierzulande sehr beliebt. Möglicherweise auch deshalb, weil der Deutsche Anstehen als Ausgleichssport begreift. Und Anstehen kann man bei Vapiano reichlich. Mit einem Blick, so leer wie das Tablett in den Händen. Gut, andere ritzen sich.

Will man beispielsweise einen Salat, stellt man sich an. Fällt einem dann ein, dass man auch noch eine Pizza mag, stellt man sich in die nächste Schlange. Und überkommt einen dann noch die Lust auf einen Cappuccino, geht es mit dem Tablett an die nächste Theke. Man verbringt mehr Zeit mit Tablettschleppen als Schauspielerinnen in Berlin-Mitte.

Das Publikum in der Pastavorhölle kann eigentlich nur aus Menschen bestehen, die lange bei einer Versicherung gearbeitet haben und stockholmsyndromartig nicht mehr von dem Industriekantinenfeeling loskommen. Würde man einem Franzosen von seinen Erfahrungen in diesem Laden berichten, er würde sich vermutlich entsetzt kulikazemäßig das Brioche in die Luftröhre rammen.

Roman Weidenfeller im Basilikumgestrüpp

Essen muss ja nicht zwingend gleich bedeuten, dass man sich von einem Albaner, der einen italienischen Akzent imitiert, alle Gerichte von einer Tafel inklusive Garzeiten und medizinischer Daten des Kochs runterbeten lässt, während eine blonde Sopranistin zwischen den bekerzten Tischen lang flaniert und die Burrata weich jallert. Aber essen bedeutet sicher nicht, dass in einer Fünferrunde alle Nase lang einer wie Dr. Noodles aufspringt, weil der hauseigene Beeper auf dem Tisch ihm brummend bedeutet, dass seine Pizza fertig zur Abholung ist. Schrecklich, wie während einer Unterhaltung alle gebannt auf ihre Beeper gucken. Man kommt ja kaum noch dazu, aufs iPhone zu starren.

Richtig gut war die Blendkantine eigentlich nur einmal: Als Dortmunds Keeper Roman Weidenfeller beim Nudelgang an den Falschen geriet und zwischen drei Ohrlaschen mit dem Kopf im Basilikumgestrüpp auf dem Tisch landete. Die "Bild" titele damals "BVB Torhüter bei Edel-Italiener angegriffen" - das fand ich schon wieder amüsant. EDEL-Italiener. Gut, die lassen ja auch Franz-Josef Wagner täglich seinen verbalen Katheterbeutel auf Seite 2 ausleeren.

Von drei Angriffen konnte Weidenfeller übrigens nur zwei abwehren. Und auch keinen festhalten.

Die Jack-Wolfskin-Jacke unter den Restaurants

Das war dann schon fast Eventgastronomie nach meinem Geschmack. Dass man als Prominenter bei Vapiano essen geht, kann ich mir eigentlich nur mit akuter Selfieunterdeckung erklären. Selbstredend gibt es für etwas derartig Steriles wie Vapiano und seine kulinarischen Epigonen auch einen Begriff: Systemgastronomie. System... Gastronomie.

Das verströmt in etwa so viel Sinnlichkeit wie "Beschlafungsfeinmechanik". Was im Land von "Bundeskegelbahn", "Befindlichkeitskultur" und "Vergnügungssteuer" auch nicht mehr weiter überraschend ist.

Wenn einem ein übellauniger Spanier (Tautologie) teilnahmslos den Café con leche auf den Tisch knallt, DAS ist authentisches mediterranes Gastro-Feeling. Vapiano ist das Laminat-Imitat, die Jack-Wolfskin-Jacke unter den Restaurants.

Wer das gut findet, legt beim Sex auch 'ne Plane dazwischen.

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