Von wegen Stillstand im Land - die Deutschen bewegen sich. Sie üben ganz wie früher Cha-Cha-Cha, Discofox, langsamen Walzer. Und schon vor der Premiere bricht das Musical "Dirty Dancing" alle Rekorde.

Hitzige Begegnung: Im Musical "Dirty Dancing" geht Tanzlehrer Johnny Castle (Martin van Bentem) mit Penny Johnson (Rachel Marshall) aufs Ganze© Achim Multhaupt
Es ist nicht leicht, ein Mythos zu sein. Ein mambotanzender Mythos in schwarzen Hosen und Muskelshirt. Martin van Bentem balanciert barfuß auf dem Baumstamm, er holt tief Luft. Unter ihm soll Wasser sein, und gleich kommt diese Hebefigur, diese berühmte Hebefigur. Dann rutscht er ab, man hört ein lautes "Fuck!" Van Bentem steht auf der Bühne des leeren Theaterhauses Neue Flora in Hamburg, sie proben für das Musical "Dirty Dancing". Und, wie gesagt: Es ist nicht leicht.
Der holländische Profitänzer spielt Johnny Castle, den Tanzlehrer und Frauenschwarm. Er muss sich auf der Bühne jeden Abend neu verlieben, in Baby, das junge Ding mit der Wassermelone im Arm, den Turnschuhen, dem Watschelgang, und er muss akzentfrei schnauzen "Mein Baby gehört zu mir, ist das klar!"
17 Jahre lang hat Eleanor Bergstein, die Autorin des Kultfilms von 1987, sich bitten lassen, bis sie das Drehbuch für die Bühnenversion schrieb. Jetzt ersteht Kellerman's biederer Ferienclub in Hamburg wieder auf, und die prüde Atmosphäre der frühen 60er kollidiert mit den verheißungsvollen Beckenschüben der Tänzer unter Anleitung des Proleten Johnny. Der bringt der braven Arzttochter Baby zuerst den Mambo bei - und entreißt sie dann den Fängen ihrer versnobten Familie. Bestimmt 30-mal hat Van Bentem sich in den vergangenen Wochen den Film angeschaut, es ist seine erste Hauptrolle, und jeden Tag rufen mehr Journalisten an. Es sind meistens Frauen. Frauen, die mit ihm tanzen wollen. Die Fernsehmoderatorin Kim Fisher war schon da und Caroline Beil von Sat 1. Van Bentem musste ihnen den Merengue beibringen, sie spielten diese Szene mit dem Hinunterstreichen, dazu lief der Schmachtsong "Hungry Eyes".
Eigentlich könnte sie jetzt in Urlaub gehen, sagt Gabriele Jokl, die Pressemanagerin. Es ist schon jetzt der erfolgreichste Start eines Musicals in Europa: 300.000 verkaufte Tickets - und das eine Woche vor der Premiere am 26. März. "Wir fragen uns auch schon, was da los ist", sagt Jokl. Liegt das nur am Sog des Films? Oder hat eine neue Tanzwelle Deutschland erfasst?

Auf Tuchfühlung: Baby und Johnny im Musical "Dirty Dancing"© Achim Multhaupt
Vielleicht begann alles im Herbst, mit diesem rührenden Mann auf Pro-Sieben. Er trug einen hautengen Samba-Anzug und versuchte, den Schritten seiner Tanzpartnerin zu folgen, er schwitzte und rang um Körperspannung, er war eckig und elefantös, er taumelte.
Bei näherem Hinsehen erkannte man Stefan Raab.
Früher wäre Raab wohl eher nackt in einen Jauchekübel gesprungen, als sich in einen rot-schwarzen Turniertanzanzug zu zwängen und sich von einem Profi namens Lydia vor einem Millionenpublikum den Samba beibringen zu lassen. Früher.
Vielleicht war Raab das erste Signal.
Denn es ging weiter: In den Wochen darauf suchte der Musiksender Viva den "Dance Star 2005", die Sender Vox, Arte und ZDF starteten Serien, die vom Traum handeln, sich unsterblich zu tanzen. Bald wird Antonio Banderas im Kinofilm "Take the Lead" einen feurigen Tanzlehrer geben, und vom 3. April an zeigt RTL "Let's Dance", eine Show, in der Promis im Paartanz gegeneinander antreten und die in den USA, aber auch in Österreich, schon Quotenrekorde erzielte. Moderiert von Hape Kerkeling, treten unter anderem Heide Simonis, Jürgen Hingsen, Wayne Carpendale und Heike Henkel jeweils mit einem Tanzprofi an.
Die deutschen Tanzschulen haben schon 2005 einen Anmeldeboom erlebt, für dieses Jahr rechnen sie noch einmal "mit einer Steigerung um 20 Prozent", sagt Uwe Körber vom Allgemeinen Deutschen Tanzschulverband. Schon jetzt bieten die Schulen die Originalfiguren und Schritte aus dem "Dirty Dancing"-Musical an, nehmen den Mambo, den Merengue, den Cha-Cha-Cha wieder ins Programm.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 13/2006