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16. Mai 2011, 20:12 Uhr

Eine Nacht in Baku

Berti Vogts verliert kein schlechtes Wort über seine Wahlheimat Aserbaidschan. Dabei gibt es aus dem Gastgeberland des nächsten Eurovision Song Contest nicht viel Positives zu berichten. Von Niels Kruse

Vermutlich hätten sich viele Grand-Prix-Stammzuschauer dann doch einen anderen Gewinner erhofft als ausgerechnet Aserbaidschan. Schließlich heißt es, der Eurovision Song Contest sei die Fußball-Weltmeisterschaft der Schwulen - doch Homosexualität kommt dort, in Südkaukasien, traditionell nicht sonderlich gut an. So fragt sich die Homosexuellen-Community bereits, ob sich Schwule und Lesben überhaupt auf offener Straße zu ihrer Sexualität werden bekennen können. Sicher ist schon jetzt: Freizügige ESC-Partys, wie zuletzt in Oslo und Düsseldorf, wird es in dem islamischen Land wohl kaum geben.

Dabei bietet Baku zwei perfekte Zutaten für die große Feierei: Die Temperaturen werden bei über 20 Grad liegen und durch die Zeitverschiebung von drei Stunden wird der ESC mitten in der aserbaidschanischen Nacht stattfinden.

Erst zum vierten Mal hat der kleine eurasische Staat an dem gigantischen Schlagerevent teilgenommen - und sich ziemlich schnell durchgesetzt: Nach einem achten, einem dritten und einem fünften Platz war nun die Topposition an der Reihe. "Das ist ein Sieg, ein absoluter Sieg der aserbaidschanischen Kultur und Musik", sagte der Generaldirektor des Staatsfernsehens, Ismail Omarow euphorisch. Eine reichlich dick aufgetragene Behauptung, denn der Gewinnersong hatte so gar nichts Landestypisches, sondern wurde von einem schwedischen Komponistenteam geschrieben, aber warum auch nicht? Lenas Gewinner-Titel "Satellite" stammt aus der Feder des US-dänischen Duos Gordon/Frost. Und ehrlicherweise muss man wohl sagen, dass Mugham, die traditionelle aserbaidschanische Musik, zwar zum "Unesco-Menschheitserbe" erkärt wurde, aber kaum außerhalb der Landesgrenzen vermittelbar sein dürfte.

"Genieße die gute Küche und das Meer"

Nun also wird Europa nächstes Jahr nach Baku blicken: eine Stadt mit rund zwei Millionen Einwohnern, subtropisches Klima, direkt am Kaspischen Meer gelegen. Berti Vogts, der Gladbacher Jung und jetzige Trainer der aserbaidschanischen Fußball-Nationalmannschaft sagt: "Es ist eine moderne Stadt, zu vergleichen mit einer italienischen Stadt vom Flair her." Vor allem im Sommer sitze man draußen in der Sonne, genieße die gute Küche und das Meer. Das klingt erst einmal sehr einladend, zumal einige Ecken Bakus zum Unesco-Welterbe gehören, also auch für ESC-Fans mit kulturellem Interesse reizvoll sind. Dazu befinden sich neun von insgesamt elf Klimazonen in dem Land von der Größe Österreichs: im Hochgebirge das ewige Eis und an der Küste bestes Badewetter.

Bislang ist die ehemalige Sowjetrepublik höchstens bekannt dafür, sich mit dem Nachbarstaat Armenien um die Region Berg-Karabach zu streiten. In den 90er-Jahren kam es deswegen sogar zum Krieg und bis heute droht Aserbaidschan immer wieder mit militärischer Gewalt, um sich den Flecken zurückzuholen. Selbst so eine harmlose Veranstaltung wie der ESC wird in den Konflikt hineingezogen. Armenien und Aserbaidschan hatten sich bis zuletzt vorgeworfen, gegenseitig die TV-Übertragungen zu stören. Außerdem, so hieß es, hätten aserbaidschanische Behörden Bürger drangsaliert, die für das verfeindete Nachbarland beim Grand Prix gestimmt hatten. Sicher ist: Aus Armenien gab es beim Finale keinen Punkt für das Gewinnerduo Ell & Nikki.

Die Angst vor dem arabischen Frühling geht um

Im Umgang mit der Opposition und Minderheiten gibt sich die aserbaidschanische Führung wenig zimperlich. Präsident Ilham Alijew gelang 2003 in offenbar undemokratischen Wahlen an die Macht - als Nachfolger seines Vaters Heydar. Seitdem beherrscht er die südkaukasische Republik mit harter Hand. Menschenrechtsorganisationen sprechen von Willkürjustiz gegen Andersdenkende und erst vor wenigen Wochen wurden zahlreiche Regierungsgegner festgenommen: Auch in Aserbaidschan, wo der überwiegende Teil der Bevölkerung islamisch ist, geht die Angst vor dem arabischen Frühling um. Umso erfreulicher für die nervöse Regierung waren da der prestigeträchtige Gewinn des Grand Prix und die spontan-fröhlichen Straßenpartys.

Die ESC-Gemeinde hofft nun darauf, dass sich die gute Stimmung noch bis 2012 hält, wenn Tausende von Schlagerfans nach Baku kommen werden und vor allem eines wollen: eine Woche lang Kunst, Kitsch und Kapriolen feiern. Der aserbaidschanische ESC-Delegationschef Adil Kerimli hat bereits angekündigt, dass sein Land einen Wettbewerb auf höchstem Niveau organisieren werde. An Geld wird es zumindest nicht mangeln, denn dank seiner Öl- und Gasvorkommen wächst die Wirtschaft rasant, Rohöl macht über 85 Prozent der Exporte aus, für Deutschland etwa ist es der siebtwichtigste Lieferant. Die Auswirkung des Booms auf die Hauptstadt werden die Besucher schnell spüren: Das Leben in Baku ist noch mal teurer als das im ohnehin schon überteuerten Moskau.

mit DPA
 
 
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