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19. August 2004, 14:34 Uhr

"Die Einschläge kommen näher!"

Udo Jürgens erzählt nicht ungern von Udo Jürgens. Von seinem neuen Buch "Der Mann mit dem Fagott" mit seiner bewegenden Familiengeschichte, von Rückenschmerzen und Todesanzeigen und vom Ende seiner One-Night-Stands. Von Sven Michaelsen und Alfred Steffen (Fotos)

Udo Jürgens, 69, im Swimmingpool seines Bruders Manfred in der Nähe von Klagenfurt© Alfred Steffen

Herr Jürgens-Bockelmann, 1984 und 1994 haben Sie schon mal Ihre Erinnerungen veröffentlicht. Ist es nicht ein wenig aufdringlich, im Zehn-Jahres-Takt Memoiren auf den Markt zu bringen?

Mich schon wieder über Liebe, Sex und die Einsamkeit hinter der Bühne auszulassen hätte mich tatsächlich gelangweilt. Was ich aber schon beinahe mein ganzes Leben als Buchidee mit mir herumtrage, ist die Geschichte meiner Familie. Ich habe allerdings nicht geahnt, dass ich sechs Jahre Recherche brauchen würde, um den Bockelmanns auf die Spur zu kommen.

Mit 720 Seiten ist Ihre Familiensaga "Der Mann mit dem Fagott" so dick geworden wie die "Buddenbrooks". Ist das Hybris?

Warum sollte der ewige Pausenclown Udo Jürgens nicht mal einen großen historischen Tatsachenroman riskieren? Das Buch beginnt 1891 und spiegelt die hundert verrücktesten Jahre der Menschheitsgeschichte. Mein Großvater war Mitbesitzer der einflussreichsten Privatbank Moskaus und verwaltete das Privatvermögen des Zaren. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs war er als Deutscher plötzlich ein Feind in Russland und geriet in Verbannung. Nach seiner Flucht war er 1917 einer der Finanziers, die Lenins Reise in einem verplombten Zug von Zürich nach St. Petersburg organisiert haben. Mein Vater saß in Klagenfurt in Gestapohaft. Mein Onkel Werner war Oberbürgermeister von Frankfurt und Präsident des deutschen Städtetages. Mein Onkel Erwin war Europachef der BP und Präsident des Welt-Erdölkongresses. Ich finde, dieser Stoff lohnt das Wagnis.

Ihre Co-Autorin ist die 33-jährige österreichische Germanistin Michaela Moritz. Wie sind Sie auf die Dame gekommen?

Michaela fing mit elf Jahren an, mir Briefe zu schreiben - keine Schwärmereien, wie ich sie sonst so bekomme, sondern begeisterte und ungewöhnlich begabte Schilderungen der Bücher, die sie gerade las. Irgendwann habe ich sie dann getroffen, anfangs noch zusammen mit ihren Eltern. Ich lernte ein sympathisches, scheues Mädchen kennen, das wunderschöne Geschichten schrieb. Sie sagt, ich war schon so etwas wie ihr Idol, bevor sie überhaupt meine Texte verstehen konnte.

Ihre Reputation macht die Frage zur Pflicht: Hatten Sie ein Verhältnis mit ihr?

Nein. So eine Arbeit könnte man gar nicht bewältigen, wenn man eine Affäre hätte.

War es nicht Wahnwitz, für Ihr Mammutprojekt einen Grünschnabel zu engagieren?

Der Verlag dachte so und bot mir die teuersten Ghostwriter an, die die Biografien von Boris Becker bis Johannes Heesters geschrieben haben. Aber ich wollte keine Routine. Ich wollte eine literarische Form. Meine Wahl fiel dann automatisch auf Michaela, weil ihre Prosa-Erzählungen mich absolut begeistern.

Wie war es, Ihr hasardeures Liebesleben von einer Frau aufschreiben zu lassen?

Ich bin ein Männermann, eine elende Hete, wie man heute sagt. Ich habe mich durch Michaelas weibliche Sicht besser erkannt. Sie sagte mir Dinge, die ich nicht gerne hörte. Ich musste ihr ja erklären, warum meine erste Ehe scheiterte und warum ich nicht treu war. Hätte ich das Buch alleine geschrieben, hätte ich mir da nicht wehgetan. Jetzt hat es schon da und dort in der Seele gezwickt. Eine Frau fragt natürlich auch viel klüger nach. Ein Mann versteht sofort, was einen treibt, untreu zu sein. Eine Frau fragt dich dann, warum dir nie eine Beziehung wichtiger war als deine eigene Ungebundenheit. Diese sechs Jahre gemeinsame Arbeit waren die längste und steinigste Reise zu mir selbst.

Wer hofft, Ihnen in die Unterhose schauen zu können, ist nach der Lektüre enttäuscht.

Meine Affären sind für mich kein Thema mehr.

Könnten Sie annähernd rekonstruieren, mit wie vielen Frauen Sie geschlafen haben?

Nein, keine Ahnung. Das habe ich immer für vollkommen nebensächlich gehalten. Ich kenne Männer, die sich dann immer ein Zeichen in den Kalender machen. Die sind mir ein Rätsel. Ich habe nie Statistiken geführt, noch nicht mal finanzielle.

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