. .
TV und Fernsehen
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
31. Juli 2006, 15:58 Uhr

Tricksen, Tarnen, Täuschen

Stillleben: Die bunten Chips bilden beim Pokerspiel den Einsatz und geben dem Glücksspiel etwas Zivilisiertes© Enno Kapitza

Etwas später bekommt Jan zwei Buben auf die Hand. "Wir setzen, mein Gegner deckt zwei Damen auf, und ich bin raus. Wenn wir dieses Turnier als eines von vielen betrachten", ergänzt er, "ist der Verlust nicht so schlimm. So sieht eben der Alltag eines Pokerprofis aus."

Die beliebteste Pokerart heißt Texas Hold 'em: Jeder Spieler bekommt zwei Karten auf die Hand, auf dem Tisch werden fünf "Gemeinschaftskarten" aufgedeckt. Diese müssen die Spieler mit ihren Karten kombinieren. Zuerst setzen sie einen Grundeinsatz, danach halten oder erhöhen sie; sie wetten also, dass ihre Kartenkombination die beste ist. Wer keine Chips mehr hat, fliegt.

Pokern für den Lebensunterhalt

Das funktioniert auch im Internet. Auf Seiten wie Pokerstars, Partypoker oder Pokerroom kann jeder vom Schreibtisch aus gegen Spieler aus aller Welt antreten. So wie Tobias. Weil der Online-Zock illegal ist, will er seinen Nachnamen nicht nennen. Der 29-jährige BWL-Student aus München spielt "aus dem Bauch heraus". Drei- bis viermal die Woche sitzt er vor seinem Laptop. Aber Tobias sieht nicht aus wie ein Computer-Nerd, vielmehr gleicht er mit seinem Spitzbart und den Bermudashorts einem Surfer aus Bali. Auf die Frage, wie er sich als Student ohne große Mühe seinen Lebensunterhalt verdienen könne, gab es für ihn nur eine Antwort: pokern. Inzwischen verdient er damit im Schnitt monatlich 500 bis 700 Euro. "Das ist ein idealer Studentenjob. Kein Aufwand, nur Spaß. Und es ist sicher besser, als für sechs Euro pro Stunde in einer verrauchten Kneipe zu kellnern." Nachts schaut er mit Kommilitonen Poker im TV, auf dem Campus diskutieren sie über ihre Partien, und als er letztes Mal seine alte Clique in Wiesbaden besuchte, war er überrascht, dass die Freunde eigene Chipköfferchen besaßen und die Partynacht mit einer Runde Poker beginnen wollten.

Wert-Schöpfung: In der Münchner "Registratur" wird um altes jugoslawisches Geld gespielt, das an der Bar in Getränke getauscht werden kann© Enno Kapitza

Die Leidenschaft hat die ganze Republik erfasst - trotz des offiziellen Verbots, um Geld zu spielen. In Frankfurt am Main sagt Taxifahrer Vladimir: "Geheime Pokerrunden sind über alle Städte verteilt - wie McDonald's." Er hält vor einem geschlossenen Wettbüro. Tagsüber bietet der Inhaber hier private - und erlaubte - Sportwetten an, nachts treffen sich spielfreudige Banker, Köche, Politiker oder Dachdecker. "Jeder zockt", sagt er trocken.

Wer mitspielen will, muss sich erst "Kredit verschaffen": Ein bekannter Spieler muss für den Neuen bürgen. Die Termine koordiniert der Veranstalter via Handy, die Codes sind so simpel wie zweideutig: "Chinesisch essen bedeutet gelber Schein, also zweihundert Euro Einsatz pro Spiel", erklärt er, "Salat ist grün wie ein Hundert-Euro-Schein." Ab fünf Interessenten eröffnet er einen Tisch. Allein durch die sieben Prozent Provision, die er von jedem Pott abzweigt, verdient er an einem "normalen" Abend zwischen 2000 und 4000 Euro. Rechnet man das hoch, gehen im illegalen Hinterzimmer an einem durchschnittlichen Pokerabend mindestens 30 000 Euro über den Tisch. Die Gäste reagieren gereizt auf Zuschauer. Ein dicker Südländer flüstert mit seinem Sitznachbarn. Es gibt böse Blicke. Zeit, zu gehen.

Pokern wird als Sport vermarktet

Auch der Fachhandelsverband Vedes freut sich über steigende Pokereinnahmen. "Mit den Pokersendungen stieg die Nachfrage nach Pokerchips, Karten und Zubehör rasant an", sagt Sprecherin Eva-Maria Stempel. Manche Hobbyrunden spielen aber auch nur um Zehn-Cent-Stücke oder Monopoly-Scheine. Dabei geht es nicht ums Geld, sondern um eine durchzockte Nacht mit Freunden, Bier und großen Sprüchen. Der Bremer Psychologe und Glücksspielforscher Professor Gerhard Meyer hält Poker allerdings für gefährlich: "Es ist problematisch, dass Poker als eine Art Sport vermarktet wird. Gerade jungen Menschen wird damit vorgegaukelt, sie würden etwas Positives für sich tun. Aber Poker ist ein Glücksspiel."

Beim Pariser Grand Prix freut sich Turniergewinner Christian Grundvigt (Mitte) über 997 500 Dollar Preisgeld© Enno Kapitza

Ein Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts zur Lizenzierung des Glücksspiels vom 28. März dieses Jahres gibt dem Gesetzgeber nun bis Ende 2007 Zeit, seine strikte Haltung zum Glücksspiel zu überdenken. Dann könnte Poker legalisiert werden, wie in den USA.

Von dort stammt auch die nette Poker-Anekdote von Profispieler Jan Heitmann: "Vor vier Jahren spielte ich in Las Vegas an einem Tisch mit einem Typ, der einen Bart und eine dunkle Sonnenbrille trug. Es war der Schauspieler Toby Maguire. Da kam mir ein schrecklicher Gedanke: Gegen den kannst du nur verlieren - das ist Spiderman!" Und so kam es dann auch.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 30/2006

Von Sebastian Glubrecht und Alexandros Stefanidis
1 2
weiter  
 
 
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2012)
Dick im Geschäft