Amateursänger ackern, Bohlen bollert, Fans fiebern mit. "Deutschland sucht den Superstar" steht vor dem Halbfinale. Drei Kandidaten sind noch im Rennen: ein Bayer und ein Verliebter. Der stern blickt hinter die Kulissen.

Das Colosseum in Köln-Ossendorf ist die Arena der Teenie-Barden. Und das Kleine da vorn auf der Bühne ist Vanessa - Auge in Auge mit der Jury© Thomas Rabsch
Manche glauben ja immer noch, es käme auf den Gesang an. Als die Show gelaufen ist und alle zur Bühne stürmen, bleiben Nevios Eltern einfach auf ihren Plätzen hocken, Block C, Sitz 61 und 62, als hofften sie, dass alles noch einmal von vorn beginnt und am Ende keiner sagt: Nevio ist draußen. "Hat mein Sohn schlecht gesungen?", fragt Nevios Papa, Signor Passaro. Nein. Viel besser als Mike zum Beispiel. "Dann verstehe ich das nicht. Verstehen Sie's?"
Es ist die Nacht der zerflossenen Schminke, der verquollenen Augen und des stieren Blicks. Mike ist heulend zu Boden gesunken und Vanessa hinterher, sie streicht ihm übers Gesicht und schnieft ein wenig mit. Tobi schüttelt den Kopf und starrt auf den Boden. Alle drei sind eine Stufe weiter, sie sind im Halbfinale von "Deutschland sucht den Superstar".
Es ist das Drama der kleinen Mädchen, die sich an ihren "Nevio"-Plakaten und den von RTL ausgegebenen Leuchtstäben festhalten und leise vor sich hin schluchzen, als hätte man ihnen ihr Lieblingskuscheltier weggenommen.
Und es ist die Stunde eines strahlenden Verlierers. Nevio, gerade ausgeschieden, doziert schon wieder in eine Super-RTL-Kamera, mit der gewohnten Mischung aus Pasta-Charme und lässiger Überheblichkeit: "That's the way", "shit happens", und dass man jetzt nach vorn sehen muss.
Vielleicht war es gerade Nevios überbordendes Selbstbewusstsein, das den Leuten auf den Geist gegangen ist. Sätze wie: "Klar möchte ich jetzt Superstar werden - und ich hab das Zeug dazu." Und dass er in der Presse gegen die Show gestänkert hat. Vielleicht haben auch weniger Zuschauer ihre 49 Cent pro Anruf in Nevio investiert, weil sie glaubten: Der kommt eh weiter, mit seinen Balladen und seinem Teddybärgesicht.
Mike hatte tags zuvor seinen Koffer gepackt und den andern vorsorglich tschüs gesagt. Weil er spürte, dass er nicht in Form war, und nicht glaubte, dass die Anrufer ihm das verzeihen - oder sogar zum Trost für ihn stimmen würden. "Die Zuschauer sind der X-Faktor", sagt Mike, "sie sind unberechenbar."
Das macht ja den Kitzel aus, hier im ansonsten recht trostlosen Köln-Ossendorf, wo sich hinter der Kaserne, der Justizvollzugsanstalt und dem Abfallcenter riesige Klötze erheben, mit Fenster und ohne - die Magic-Media-Studios, eine der größten TV-Werkstätten Europas. In Klotz 45 wird "Unter uns" produziert, im Doppelklotz 39 und 40 "Verbotene Liebe", und in A2, im Coloneum, neben "Top of the Pops", machen sie die Superstars.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 11/2006