Joeys Abgründe und ein Abgang

19. Januar 2013, 07:09 Uhr

Verkehrte Welt im Dschungel: Der erste Kandidat verlässt das Camp mit einem Lächeln auf den Lippen. Und ausgerechnet bei Klaus und Joey wird es tragisch. Von Jens Wiesner

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Vom Camp-Clown zur tragischen Figur: Joey Heindle©

Über einen Clown, der Zoten reißt und mit Torten um sich wirft, lachen wir gerne. Aber es bleibt doch stets nur ein Gelächter, das an der Oberfläche kratzt, unser Herz erreicht es nie. Erst, wenn uns das Lachen im Halse stecken bleibt, rutscht es tiefer. Die Komik entfaltet, so paradox es klingt, erst im Angesicht ihres Spiegelbilds, der Tragik, ihre volle Wirkung.

Joey Heindle und Klaus Baumgart waren bislang die Clowns des Dschungelcamps. Der eine komisch, weil unwissend und offenbar etwas simpel denkend, der andere burschikos, ordinär, flegelhaft. Baumgart präsentierte seinen Allerwertesten, knatterte mehrfach aus demselbigen und spielte auch sonst seine faultierhafte Altherrenrolle mit Bravour.

Bei Joey Heindle hingegen konnte sich die Zuschauerschaft nie ganz sicher sein, ob der Junge nun - pardon - nur so verpeilt tut oder es tatsächlich ist. Welpenschutz genoss er trotzdem, im Camp wie vor der Mattscheibe zuhause. Nichtsdestotrotz wurde zu beiden Seiten des Bildschirms herzhaft über sein Nichtwissen hergezogen und laut gelacht über Sätze wie "Ich dachte, du hast das Buch von Donald Duck geschrieben" (zu Arno "Dagobert" Funke) oder "Das hört sich jetzt blöd an, aber ich bin auch nur ein Mensch."

Tag acht im Dschungelcamp markiert nun einen tiefen Einschnitt in der Geschichte dieser Staffel. Nicht, weil mit Silva Gonzalez der erste Kandidat den Dschungel verlassen musste. Diesen Teil hakte RTL zu recht mit einer Kürze ab, die einzig der Pflicht geschuldet war. Gonzales, bislang einer der farblosesten Kandidaten, blieb auch in seiner Niederlage grau. Als hätte er gerade den Dschungelthron errungen, reckte er nach Verkündung des Zuschauerverdikts beide Fäuste in Siegerpose gen Himmel. Es folgten schnelle Free-Hugs mit den Mitstreitern, einige Gemeinplätze, die Bescheidenheit suggerierten sollten ("Der eine kommt halt nich' so an, der andere besser") und - wusch - hatte er schon seine Koffer gepackt, in Gedanken längst frisch geduscht an der Hotelbar sitzend, einen Cocktail zu beiden Händen.

Die Maske fällt

Die wahre Tragik der Zuschauerwahl vollzog sich auf einem Nebenschauplatz. Mit steinerner Miene und hängenden Schultern nahm "der große Klaus" zur Kenntnis, dass es beinahe ihn getroffen hätte. Und der Schnäuzer von der Nordseeküste verstand die Welt nicht mehr. Ausgerechnet er, der Mann, der einst die Stadthallen des Landes zum Dauerschunkeln gebracht hatte, stolzer Träger der "Blauen Robbe" und musikalischer Dauergast auf des Deutschen liebster Ferieninsel, ausgerechnet er wurde an diesem Morgen im australischen Dschungel schwer abgestraft. Und das nicht von einer überkandidelten Jury oder einem exaltierten Expertengremium. Sondern vom Publikum. Seinem Publikum. Dabei wollte er doch nur lustig sein. Pups. Hatte am Tag zuvor extra noch einige Mütze-Glatze-Zoten rausgehauen und darüber sinniert, wie man sich im Dschungel möglichst unbemerkt einen runterholt. Und jetzt erklärte ihm diese versammelte Runde, dass es ausgerechnet seine Ausziehaktion gewesen sein musste - inklusive Klaus'schem Klötenkieker -, mit der er sich Volkes Zorn zugezogen habe. Lieber, alter Mann: Ja, Sex sells, aber dein Popo zieht nicht mehr. Wie demütigend.

Und bei Joey nichts Neues? Die erste Stunde wog uns Zuschauer tatsächlich in diesem Glauben und präsentierte mehr vom Immergleichen: Joey unschuldig - zum Thema Masturbation: "Gott hat Adam und Eva erschaffen und nicht noch extra ne dritte Hand!" Joey quengelnd über den Bohnenfraß im Camp. Joey überschwänglich: "Ich bin mehr Mann geworden!" Joey skurril: "Ich habe 50.000 Uhren im Kopf, und die ticken den ganzen Tag." Und dann dieser Satz, dessen Irrtum bereits die Heilige Römische Inquisition bewiesen hatte: "Man kann ja keinen Menschen überdehnen."

"Forrest Gump" aus dem Dschungel

Doch dann, sanfte Klavierklänge warfen ihre musikalischen Schatten voraus, saß das Nesthäkchen plötzlich am Lagerfeuer und erzählte von seiner Kindheit. Von einem Vater, der ihn nicht wollte, ihn als "Dämon" beschimpfte und regelmäßig Hand anlegte. Und dies offenbar in derart brutaler Form, dass der junge Mann, der sich selbst als "Scherbenkind" bezeichnet, mit dem Gedanken gespielt hatte, seinem Leben ein Ende zu setzen. Und für einen Moment herrschte in diesem durchgestylten, durchgetakteten und kühl durchkalkulierten Camp tatsächlich etwas, dass man mit ein wenig Glauben an die Menschheit als echte Betroffenheit bezeichnen darf. Aber Heindle - ganz Optimist - versuchte die Depri-Stimmung gleich wieder mit einem optimistischen Spruch aufzufangen: "Mit der Musik mach ich das wieder gut." Da klickte es plötzlich beim Rezensenten und dieses Bild eines schlaksigen Mannes erschien vor seinem Inneren Auge: kariertes Hemd, beiges Sakko, kurze, schwarze Haare, Militärschnitt. Dazu der Satz, weltbekannt: "Dumm ist der, der Dummes tut." Joey Heindle, du bist unser Forrest Gump!

PS: Dauerprüflerin Georgina Fleur bestand ihre siebte Aufgabe in Folge, ein Haus voll Getier nach Sternen zu durchforsten, ohne viel Federlesens. Von elf Sternen brachte sie sieben zurück ins Camp. Damit knackte "Miss Ey" nicht nur den deutschen Rekord von Sarah "Dingens", sondern stürzte auch die bisherige Weltekelqueen, "Boxenluder" Katie Price, von der Pole.

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