Einmal Wanderhure, immer Wanderhure?

14. November 2012, 10:23 Uhr

Alexandra Neldel hat gerade zum letzten Mal die "Wanderhure" gespielt. Was macht die Rolle mit ihrer Karriere? Immer wieder bleiben Schauspieler auf ihrem erfolgreichsten Charakter "hängen". Von Sophie Albers

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Nach "Verliebt in Berlin" kam für Alexandra Neldel "Die Wanderhure". Und was kommt jetzt?©

Die Angst festgelegt zu werden, ist unter Schauspielern weit verbreitet. Als dem erfolgreichsten James Bond aller Zeiten damals seine Rolle angeboten wurde, hat Daniel Craig dankend abgelehnt. Er habe sie einfach nicht gewollt, sagte Produzentin Barbara Broccoli im Interview mit stern.de. Denn er hatte Angst, zum ewigen 007 zu werden - wie einst Sean Connery. Rollen-Vielfalt heißt der Traum aller Schauspieler.

Doch die bleiben trotzdem manchmal auf Rollen hängen, die sich ins kollektive Gedächtnis der Zuschauer eingebrannt haben: Auch wenn Sascha Hehn nun zum "Traumschiff"-Kapitän aufsteigen sollte, wird er immer der niedliche Stewart Viktor bleiben. Auch seinen Dr. Udo Brinkmann wird er nicht mehr los, dessen "Schwarzwald Klinik"-Papa Professor Brinkmann das Schicksal von Klausjürgen Wussow war. Und auch wenn Tommi Ohrner zu einem Familienvater von gefühlten zwei Metern herangewachsen ist, wird er immer der kleine Tim Thaler bleiben, der sein Lachen verkauft hat.

Trotz "Rossini" und 90 anderen Filmen steht der Name Gudrun Landgrebe auf immer für "Die flambierte Frau" sowie Christian Kahrmann für Benny Beimer und Claus-Theo Gärtner für Matula. Und Pierre Brice ist nicht nur für immer Winnetou, der Franzose wurde sogar emotional eingedeutscht. Tragischstes Beispiel der Type-Casting-Falle ist wohl Silvia Seidel, die sich mit 42 Jahren das Leben genommen hat nach einer unglücklichen Karriere, die als Ballettmädchen "Anna" einst so strahlend begonnen hatte. "Sie sind der Star unserer Kindheit, und dabei muss es bleiben", hat auch Inger Nilsson immer wieder gehört. Die gefeierte Pippi-Langstrumpf-Darstellerin, die im Gegensatz zu Produzenten und TV-Anstalten nichts daran verdient, dass ihre Filme bis heute wiederholt werden, hat irgendwann frustriert aufgegeben und als Sekretärin gearbeitet.

Kiefer Sutherland gibt es hier nicht

Bei Schauspielern sei immer eine große Angst vorhanden, sich bei der Rollenwahl einmal falsch zu entscheiden und damit die Karriere in die Sackgasse zu lenken. "Dass man nach fünf Sat.1-Komödien keine seriösen Rollen mehr bekommt, dass man so oft den Bösewicht gespielt hat, dass das komödiantische Talent niemanden mehr interessiert", erklärt es eine Bookerin einer der größten deutschen Schauspieleragenturen. Das sei jedoch bei jedem Künstler komplett unterschiedlich, gibt sie zu bedenken. Und natürlich muss auch zwischen der Problematik eines Kinderstars und dem Wunsch, als ausgewachsener Mime das Genre zu wechseln, unterschieden werden.

Natürlich sei es für Seriendarsteller schwieriger, ins Kinofach einzusteigen, so die Branchenkennerin. So jemanden wie Kiefer Sutherland, den man eben noch im TV-Hit " 24" gegen die Uhr anrennen sieht, und sich dann nicht wundert, dass er ebenso überzeugend auf der großen Leinwand zuhause ist, gebe es in Deutschland eben nicht. "Der deutsche Kopf kann nicht so schnell umdenken."

"Nicht alles ist Herzblut"

Und TV-Reihen? Hat Alexandra Neldel nach der "Wanderhuren"-Orgie ein Problem, jemals wieder Hosen tragen zu dürfen? "Reihen sind nicht schlecht", sagt die Bookerin. Der Schauspieler müsse sich aber irgendwann die Frage stellen, wo er seine berufliche Zukunft sieht und was er fürs Geld macht. Denn - ob man es glaubt oder nicht: "Nicht alles ist Herzblut."

Und Alexandra Neldel hat einen Wechsel ja schon geschafft: von der RTL-Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" und der Sat.1-Telenovela "Verliebt in Berlin" zu den TV-Reihen "Die Rebellin" (ZDF) und "Die Wanderhure" (Sat.1). Im deutschen Film- und Fernsehgeschäft müsse man Geduld mitbringen, sagt die Frau von der Talentagentur.

Hilfreiche Beschleunigung

Zudem kommt den ängstlichen Schauspielern von heute eine sehr moderne Entwicklung zu Gute, die immer wieder für verschreckte Zukunftsvisionen sorgt: die unaufhaltsame Beschleunigung des Alltags. Die bringt nicht nur mit sich, dass die Sender immer schneller wechseln, wenn der User abends auf dem Sofa sitzt, sondern sorgt auch dafür, dass der Speicher im Kopf auf das Überangebot an Unterhaltung mit regelmäßiger Leerung reagiert. Wen interessiert also in zwei Jahren noch "Die Wanderhure"?!

Bleiben Mut und Offenheit als Waffe gegen die eigene Angst. Und da dient dieser Herr als leuchtendes Beispiel. Oder hätten Sie Tom Cruise erkannt?

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