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14. August 2008, 10:45 Uhr
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Mit Ökotainment zum Affen gemacht

In einer vierteiligen Filmreihe schildert der deutsche Schauspieler Hannes Jaenicke das Schicksal der Orang Utans – und rüttelt mit der Brechstange auf: Hochdramatische Problem-Poesie und spektakuläre Bildeffekte sind über Bilder gelegt, die auch ohne Kommentar gewirkt hätten. Von Sebastian Wieschowski

Schauspieler Hannes Jaenicke drehte eine Dokumentation über Orang Utans© Sven Bender/ZDF

Hach, so eine Klimakatastrophe kann ziemlich sexy sein. Zumindest, wenn Leonardo DiCaprio im Vordergrund zu sehen ist. Der smarte Hollywood-Star sinniert seit August 2007 in seinem Film "The 11th Hour" aus politisch korrektem Blickwinkel über den Untergang der Welt. Einen ähnlichen Imagewandel vollzog Al Gore, der vom zugeknöpften Beinahe-Präsidenten zum umjubelten Problem-Popstar wurde, und seit 2006 auf der Kinoleinwand unbequeme Wahrheiten verkündet.

Einsatz auf Borneo

Jetzt hat auch Hannes Jaenicke sein grünes Gewissen entdeckt. Der Mann, der nach zahlreichen Fernsehproduktionen zum deutschen TV-Inventar gehört und sich auf der Internetseite des ZDF mit der Bildunterschrift "ein Mensch mit großem Herz" ankündigen lässt, drehte auf eigene Faust und Rechnung eine Dokumentation über das Schicksal der Orang Utans auf Borneo in Zusammenarbeit mit dem holländischen Tierschützer Willie Smits. Die gefühlte Botschaft an die TV-Nation: "Einsatz in vier Wänden Spezial" war gestern, "Hannes Jaenicke im Einsatz für Orang-Utans" ist die Zukunft der Fernsehunterhaltung - weg vom "Dokutainment", hin zu einer Mischung aus "Ökotainment" und "Dramatainment".

Der schauspielernde Umweltaktivist doziert mit Raubeinstimme vor der Kamera: Als Schauspieler habe er mit Krimis und Thrillern zu tun, es gehe um Leben und Tod, um Gut und Böse, um Täter und Opfer. Dann folgt die dramatische Überleitung zum Thema: "Der Unterschied zu dem Krimi, den ich Ihnen jetzt zeige: Er ist echt". In Nahaufnahme werden die putzigen Tierchen gezeigt, Jaenicke lässt seine Zuschauer wissen: "Vor fünfzehn Millionen Jahren saßen wir noch gemeinsam auf den Bäumen". Und: "Sie sind sozial, intelligent und erfinderisch".

Bilder schnell und grell geschnitten

Viele der Affen "leiden an schweren Depressionen", erklärt Jaenicke in seiner Doku. Oder sie würden gefesselt und von perversen Zeitgenossen für sexuelle Grausamkeiten missbraucht. Diese unbequemen Tatsachen präsentiert Hannes Jaenicke im Stil einer amerikanischen Crime-Serie. Die Bilder sind schnell geschnitten und mit knalligen Soundeffekte unterlegt, besonders dramatische Szenen sind besonders stark verwackelt. Immer wieder weist Jaenicke auch in Worten auf die Tierquälerei hin: "Jeder Orang Utan hier hat eine Geschichte", und "aber Pony ist kein Einzelfall", kommentiert er den Exkurs über das Schicksal der zwangsprostituierten Affendame namens Pony - Meister des explosiven Betroffenheitsjournalismus wie Margarete Schreinemakers oder Barbara Eligmann hätten es nicht besser sagen können.

Dabei hätten viele Szenen in der Dokumentation auch ohne vollmundige Kommentare gewirkt: Orang Utans, die sich in einem Boxring für schamlose Thailänder und Touristen im "Freizeit"-Park zum Affen machen. Tiere, die für sexuelle Grausamkeiten kahl rasiert und angekettet werden. Niedliche menschenähnliche Kreaturen, denen drei Finger abgehackt oder die Augen aus dem Kopf geschossen wurden. Es sind unzählige Bilder, die sich in 45 Filmminuten im Gedächtnis des Zuschauers fest brennen. Der hollywoodreife Erzählstil eines deutschen Schauspielers ist dafür nicht verantwortlich.

Affendame stirbt in praller Sonne

Doch Jaenicke wird nicht müde, auch dem bedauerlichsten Schicksal einen geradezu drehbuchmäßig geplanten Plot abzugewinnen: "So absurd, echt", schimpft er, als Affendame "Monty" an einem Herzschlag stirbt nachdem sie gerade aus jahrelanger Käfighaltung befreit wurde. Monty liegt auf dem Boden, Helfer versuchen sie wiederzubeleben und pressen auf ihrem Brustkorb.

"Willie Smits muss auch mal eine Niederlage einstecken", mutmaßt der deutsche Dramaturg sichtlich geschockt und sinniert weiter über das Schicksal der Affendame: "Ob es nicht schöner ist, in Freiheit zu sterben, als den Rest ihres Lebens im Käfig zu sitzen?" Ob sich der Mensch bei dieser Art von Ökotainment nicht selbst zum Affen macht?

Von Sebastian Wieschowski
KOMMENTARE (10 von 46)
 
Susa74 (15.08.2008, 23:17 Uhr)
Wohl nicht den Zuschlag für die Reportage bekommen?
Das ist der oberflächste Unfug, den ich seit langem gelesen habe. Der Stern scheint nicht mehr an Eigenwerbung interessiert zu sein ;).
Hannes Jaenicke setzte in der Reportage auf Gefühl, sicher! Doch das tun viele in den Mediena aus viel weniger wichtigen Gründen. Er wirkte sehr glaubwürdig und motivierend. Gleichzeitig löste er bei mir Bewunderung und Respekt für seinen Einsatz aus und ich bin nicht gerade "immer gleich dabei".
Dieser Artikel hier ist absoluter Schwachsinn, denn Stern-Reportagen sind wesentlich stärker von den zugeschriebenen Makeln besetzt und widmen sich zudem nur aus Gewinnsucht Themen, bei denen Menschen in ihrer Hilflosigkeit, Unfähigkeit oder Dummheit im Fernsehen dargestellt werden, ohne Skupel, ohne Anliegen, ohne Ambition, die über Geldverdienen hínausgeht.
Die Frage ist deshalb: Steht gerade dem Boulevard-Magazin Stern ein solch pseudo-niveau-einfordernder Artikel zu?
Wirklich? Schuster bleib bei deinen Leisten und Stern, steh zu deinem Niveau und lass engagierte Leute ihren wichtigen Job machen! ;)
Herr_Lich (15.08.2008, 11:46 Uhr)
Unfair
Für mich ist Jaennike einer der wenigen noch authentischen Menschen in der Öffentlichkeit. Er sagt was er denkt, tut nicht so als wäre er allwissend und er scheut auch nicht davor zurück immer wieder unangenehme Themen anzusprechen. Damit steht er natürlich im krassen Gegensatz zu den meisten weichgespülten Promis, die hauptsächlich darauf bedacht sind nicht anzuecken und sich möglichst immer politisch korrekt zu verhalten, um ihre Aura des Besonderen, Unfehlbaren nicht zu gefährden.
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Trotz aller Sympathien für Jaennicke und einem großen Interesse am Thema, habe ich seinen Film, über die Orang Utans nach ca. 10 Minuten abgeschaltet. Ich verstehe zwar seine Botschaft, daß dort eine unglaubliche Grausamkeit und Ungerechtigkeit vor sich geht, die uns alle etwas angeht, aber der Film war meiner Meinung nach einfach zu verstörend.
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Jaennicke wollte es offensichtlich anders machen, als man es von Reportagen dieser Art kennt. Er wollte schockieren und aufrütteln und hat sich dabei "moderner" Stilmittel anderer Genres bedient. Schnelle Schnitte, grausame Bilder, dramatischer Erzählstil...man hatte schnell den Eindruck, daß dahinter ein Drehbuch im Stil eines Krimis, oder Thrillers steht. Aber irgendwie passte das alles nicht zusammen. Es wirkte auf mich zu künstlich und zu sehr mit dem Vorschlaghammer. Einfach abstoßend.
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Hinter der Reportage steht offensichtlich aber auch ein sehr hoher Aufwand, sehr viel Ergeiz und Engagement, deshalb finde ich die hämische Kritik des Stern Artikels, die den Eindruck erweckt, Jaennicke wäre einer dieser Promis, die sich durch angebliches Engagement in die Öffentlichkeit drängen wollen, extrem unfair.
Jopie71 (14.08.2008, 22:27 Uhr)
Der Orang ...
Über die Art und Weise der Reportage kann man ja geteilter Meinung sein. Auf jeden Fall regt sie doch sehr zur Diskussion an. Erstes Ziel erreicht ...
Was mir aber übel aufstößt ist die tatsache, dass BOS aggressiv Marketing betreibt. Alle Medien springen auf, berichten über die Arbeit von Smits. Der allerdings kritisiert unverhohlen in Büchern und Reportagen andere Rehacamps in Indonesien und Malaysia. Selbst beim Schutz von Tieren geht es wohl in erster Linie darum, Ruhm, Öffentlichkeit und somit Geld zu erhalten.
Von Medien wie dem Stern erwarte ich allerdings keinen BOS-Newsletter, sondern eine im Sinne eines objektiven Journalismus geartete Reportage. Seit geraumer Zeit immer wieder Smits, BOS und Konsorten. Die Arbeit ist sicherlich gut, vielleicht auch sogar aufrüttelnd. Aber es beschleicht mich die Ahnung, dass hier gezielt von den Medien lediglich eine Einrichtung gepusht wird.
Wo bleiben Hinweise auf andere wie in Sumatra oder im Tanjung Puting Nationalpark? Berichten Journalisten nur noch vom Hörensagen oder begeben sie sich auch mal an andere orte, um vergleichen, beurteilen und erzählen zu können?
Ich war selbst vor einigen Monaten in Kalimantan, habe mich aber bewußt gegen einen Besuch bei BOS entschieden, um auch anderen, gut arbeitenden Rehacamps eine Chance zu geben, sprich Geld einzubringen.
Meiner Meinung nach wird durch die Penetration von BOS durch Stern, Spiegel, Welt etc. eine Kluft zwischen Tierschützern aus dem Westen und Einheimischen betrieben.
Warum auch immer ... und am Ende steht der Orang-Utan als Dummer erneut vor der Katastrophe, die Blätter und Sender der Republik hatten aber ein paar Jahre einfache Reportagen und effektheischende Bilder.
MartyK (14.08.2008, 19:21 Uhr)
Hannes Jaenicke im Interview (Video)
Wen es interessiert: http://dokumentation.zdf.de/ZDFde/inhalt/6/0,1872,7285542,00.html
MartyK (14.08.2008, 18:40 Uhr)
Fastfood Journalismus
Das ist der korrekte Begriff für diese Form der Berichterstattung.
Und - wie geahnt - reiht sich auch der SPIEGEL in die zynische Berichterstattung über die ZDF-Reportage ein. Sehr gut hat mir ein SPIEGEL-Forums-Beitrag von "spassamarbeiten" gefallen, den ich hier mal (ausnahmsweise) veröffentlichen möchte, weil er grundlegend ist:
Der Artikel ist fast schon zynischer Natur, definitiv nicht von einem WWF Mitglied oder Förderer geschrieben.
Der Autor des Artikels katapultiert durch seine Darstellung, das Doc Crime waere manipuliert und somit inszeniert, in eine Ecke des Zynismus. Seine Meinung über die Machart der Docus heutzutage ist aber nicht Thema. Thema sind die Orang Utans.
Trotz unzaehliger Veroeffentlichtungen über die Abrodung des Regenwalds und der Vernichtung von Leben per se in solch einem Zusammenhang die Dramatik eines Docu-Films herausgestellt wird, finde ich schlichtweg debil oder komplett abgestumpft. Ich selbst beschaeftige mich seit vielen Jahren mit der BOS, und es gibt keine Einrichtung, die so honorig Ihr Ziel verfolgt, und vor allem aber immer wieder nicht radikal den Menschen als schlecht hinstellt, sondern ihn gleichzeitig aufklaert, damit BEIDE Spezies GEMEINSAM leben koennen. Die Aktion des BOS, Regenwald neu aufzuforsten um dort gesichterten Lebensraum fuer die Orangs zu schaffen und GLEICHZEITIG den Einheimischen Arbeit, Lohn und Brot gibt, ist schlichtweg wunderbar. Die Perversion des Menschen wird hier mit an den Pranger gestellt, und die unvorstellbaren Grausamkeiten, zu denen eben der Mensch faehig ist, und in krassem Kontext wird gleichzeitig der Mensch als Schützer und Erhalter gezeigt.
Polemik ist hier absolut unangebracht; dummer Artikel - aber gut, dass der BOS hoffentlich durch die Sendung und den Einsatz von Hannes Jaehnicke mehr und mehr Aufmerksamkeit bekommt und Spenden erhaelt. Im uebrigen nimmt der BOS auch Sachspenden an, von Windeln ueber Feuerfeste Gummistiefeln, und vieles vieles mehr.
www.bos-deutschland.de
Save the Orang!
Thommy_ (14.08.2008, 18:35 Uhr)
Hauptsache kritisieren...
Über den Stiel der Reportage kann man reden und ggf. auch diesen kritisieren. Aber das der eigentliche Inhalt keine Rolle spielt ist leider bezeichnend für solche Art von Fastfood Journalismus. So mach man sich mitschuldig....
MartyK (14.08.2008, 18:34 Uhr)
Ekelhaft und unseriös
@bibi_37:
Sie schrieben, dass Sie die Art der Nachrichtenmache als ekelhaft empfanden - und dazu habe ich Stellung genommen. Ekelhaft ist aber - das bejahten Sie ja eben - die Situation in Thailand und nicht die Berichterstattung darüber.
Es steht immer noch die Frage im Raum, was an dieser Reportage nicht seriös gewesen sein soll. Reicht Prominenz allein aus, um von Unseriösität sprechen zu können? Das ist doch nicht ihr Ernst. Oder?
bibi_37 (14.08.2008, 18:25 Uhr)
@MartyK
Also, hab's zwar eilig, aber so viel Zeit muss sein: NATÜRLICH IST DAS EKELHAFT, WAS IN THAILAND PASSIERT!! DAS FINDE ICH DOCH AUCH, UND JEDER ANDERE HIER EINSCHLIESSLICH DES AUTORS EBENFALLS. Nochmal: hier geht es nur um das "wie". Natürlich muss man über solche Dinge berichten und natürlich ist es lobenswert, wenn sich auch Prominente für so etwas engagieren. Aber es muss seriös sein. Vor allem im staatlichen Fernsehen erwarte ich das eben. Ich spreche aber nur für mich. Die Mehrheit sieht das ja offensichtlich anders.
MartyK (14.08.2008, 18:24 Uhr)
@bibi_37
Eine berechtigte Frage, denn es reicht nicht aus, Jaenicke einfach etwas zu unterstellen, ohne die Fakten zu kennen. Man unterstellt ihm eigentlich, den Beitrag aus Narzismus gedreht zu haben, ignoriert dabei aber die Gefahr, die er sich ausgesetzt hat, weswegen er in Zukunft ja nicht mehr dorthin reisen will (3 Tierschützer wurden schon ermordet).
Texttafeln sind logischerweise nicht mit Filmen vergleichbar, was den optischen Genuss betrifft, aber Ihnen geht es doch auch darum, dass eine Information mit dem Holzhammer verbreitet wird, weswegen ich Sie ja auch in meinem letzten Posting fragte, was Sie diesbezüglich unter dem Holzhammer verstehen? Wenn Sie eine derart eindringliche Berichterstattung kritisieren, dann wäre doch ein bloßer Text für Sie die ideale Alternative dazu, oder finden Sie nicht? Was, so frage ich Sie, hätte z. B. der bekannte Tierfilmer Bernhard Grzimek anders gemacht, als auf diese Weise auf das Leid jener Tiere aufmerksam zu machen? Die Antwort dürfte Ihnen ja nicht schwer fallen, wenn Sie tausend andere Möglichkeiten kennen, seriös über solche Dinge zu berichten.
Übrigens habe ich mein Augenmerk auf den Inhalt der Sendung gelegt - und nicht auf den Prominenten. Es ist eine absurd einfache Argumentation, nur aufgrund der Prominenz von Jaenicke ihm zu unterstellen, dass er sich in den Mittelpunkt rücken wollte.
Was war eigentlich an dem Bericht unsachlich? Leider sieht es übrigens so aus, dass der Masse dieses Thema am Arsch vorbei geht. Sonst wäre die Situation nämlich nicht so arg.
MartyK (14.08.2008, 18:09 Uhr)
Holzhammer?
@bibi_37:
Welche Art der "Nachrichtenmache" wäre in Ihren Augen denn angemessen und korrekt? Ich empfand die "Docu-Crime" keineswegs als ekelhaft, sondern eher die darin geschilderte Realität. Und was eigentlich meinen Sie mit dem "Holzhammer"? Ja, man könnte sogar so weit gehen, dass selbst von mir erwähnte Texttafeln schon ein Holzhammer wären, weil zum reinen Verstehen schon Botschaften im Telegramm-Stil ausreichen würden.
Was in Thailand abgeht, ist in der Tat traurig und zum Heulen. Wozu also Ihr sarkastischer Kommentar bzgl. Taschentücher?
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