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10. April 2008, 17:15 Uhr

Der Bohlen in jedem von uns

Eigentlich wollte man bei "Hart aber fair" den Castingwahn diskutieren. Daniel Küblböck war als Paradebeispiel eines gescheiterten Castingproduktes geladen. Doch am Ende der Sendung wurde Frank Plasberg schwach und machte selbst den Bohlen: Plasberg suchte den Super-Gast. Von Katharina Miklis

Zwei Castingprodukte: Daniel Küblböck und Joy Fleming zu Gast im Studio von "Hart aber fair"© Action Press/Georg Hilgemann

Musicalstar, Super-Talent, Topmodel oder Superstar. In Zeiten, in denen alles und jeder gecastet wird, steckt in jedem von uns ein kleiner Dieter Bohlen. Wer gestern Abend nach Thomas Gottschalks "Musical-Showstar" vom ZDF ins Erste schaltete, landete direkt in der Diskussion um den Castingwahn in Deutschland. Frank Plasberg hatte geladen, um in "Hart aber fair" über die Daumen-rauf-Daumen-runter-Mentalität der Deutschen zu reden und ihr vermeintlich liebstes Hobby: die Wohnzimmer-Häme.

Küblböck: "Eine psychologische Nachbetreuung fand nicht statt"

Musikmanager und Ex-Jurymitglied bei "Deutschland sucht den Superstar", Thomas Stein, kann die ganze Aufregung um Bohlens Sprüche und den Castingwahn überhaupt nicht verstehen. Seine These: "Leistungsvergleiche gehören zum Naturell des Menschen; wer am Casting teilnimmt, muss auch eine ehrliche Meinung verkraften." Und überhaupt: Was passiert den Kindern schon? Psychologen sind die ganze Zeit während der Live-Shows hinter der Bühne für die Kandidaten da, um sich um die jungen Menschen zu kümmern. Daniel Küblböck, Drittplatzierter der ersten Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" fällt seinem ehemaligen Mentor in den Rücken und kritisiert: "Eine psychologische Nachbetreuung fand nicht statt!". Zwar sei ihm während seiner Castingshow-Zeit eine Psychologin "an den Hals gehängt worden", aber die wollte nur mit ihm Tee trinken und Plätzchen essen. Und über sich selbst reden.

Hat RTL versagt? Daniel Küblböck ist das beste Beispiel eines gescheiterten Casting-Produktes. Was kam nach "DSDS"? Frank Plasberg erinnert: inszenierte Schönheits-OP, "Big Brother", Dschungelcamp, Gurkenlaster... Sieht so eine gepushte Musikkarriere aus? Küblböck geht weiter und beschuldigt die Plattenfirmen, ihn damals mit süßen 17 Jahren zu Aktionen gedrängt zu haben, um Kasse zu machen. "Sie kamen zu mir und sagten: 'Mach' diese Schlagzeile und sag das, das ist gut für dich'". Das lässt sein Produzent Thomas Stein nicht auf sich sitzen: "Kein Mensch hat dich dazu gezwungen, dir vor Kameras die Ohren anzunähen" poltert er. Und da ist er wieder: der kleine Junge Küblböck, der beschämt nach unten guckt, als hätte er nachts wieder Pipi ins Bettchen gemacht. Auch heute muss er sich noch von Onkel Stein kritisieren lassen. Sein Leben: ein niemals enden wollendes Casting. Auch wenn er sich jetzt mit seinen 22 Jahren altersweise und geläutert gibt. Oder es zumindest versucht.

Ethisch verwerfliche Castingshows

Hart aber fair: Immerhin stehen die Öffentlich-Rechtlichen auch für ihre eigenen Casting-Shows gerade. So wird nicht nur 75 Minuten lang das böse Privatfernsehen angeprangert, Plasberg kramt auch Ausschnitte aus dem NDR-Archiv hervor. In Paul Kuhns "Gong Show" von 1981 präsentierten sich auch schon Amateure einer prominenten Jury und ließen sich bewerten. So verkommt "Hart aber fair" immerhin nicht zum schulterklopfenden Vorzeige-Fernsehen.

Und während Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann die "ethisch verwerflichen" Castings der privaten Sender verurteilt, handelt sich Journalist Henryk M. Broder ("Das ganze Leben ist ein Talentwettbewerb") bei Plasberg eine rhetorische gelbe Karte ein. Er fetzt sich mit Sängerin Joy Fleming, die mit ihren Früher-war-alles-besser-Sprüchen nervt. Hier und da nimmt sie mal den kleinen Küblböck an die Brust, für den sie "Mitleid empfindet". Ansonsten macht sie nur Werbung für sich, ihre Shows und ihre Stimme.

"Du sprichst, als wenn du eine Klobürste im Arsch hättest"

Und das zeigt einmal mehr, dass Castings überall stattfinden. Auf dem Schulhof, im Berufsleben, ja sogar in einer Talkshow wie dieser, die doch eigentlich mit Thesen wie "Superstar statt Fleißarbeit - verfällt ein Land dem Castingwahn?" provozieren wollte. Am Ende macht auch die ARD mit und Plasberg spielt den Bohlen. "Du sprichst, als wenn du eine Klobürste im Arsch hättest!", sagt er in Bohlen-Manier zu Musikproduzent Thomas Stein und startet selbst ein Casting während der Sendung: "'Hart aber fair' sucht den Superdiskutierer". Die Zuschauer stimmen auf der Website ab. Am Ende siegt die Moral. Erziehungswissenschaftler Bergmann hat das Publikum mit Argumenten wie "auf dem Schulhof kann ich mich wehren, im Fernsehen bin ich ohnmächtig" am meisten überzeugt und gewinnt haushoch. Und Daniel Küblböck? Auf ihm lastet der lebenslange Fluch von "DSDS". Er landet auf dem undankbaren dritten Platz. Mal wieder.

Von Katharina Miklis
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
Echoes (11.04.2008, 17:55 Uhr)
Possenspiel
interessant ist, dass niemand auf die thrashige vor-vorauswahl bei dsds eingegangen ist, wo bewusst pappnasen gecastet werden, um die show in schwung zu bringen!
das ist nämlich ganz übel!
herr broder ist fies und unangemessen, auch wenn er das selber weiss. konstruktiv war nix, was er gesagt hat, es war eher absurd.
küblböck war zwar dämlich altklug, aber er hat wahres durchblitzen lassen.
ach ja, und herr stein erst noch:
der hockt doch überall und lässt den musikmanager raushängen, der alles schon gesehen hat. dabei stinkt seine überheblichkeit.
frank plasberg hätte ihn mal fragen sollen, warum er ständig überall rausfliegt und nur probleme hinterlässt.
alles in allem hat jeder nur narzisstisch reagiert, aber man konnte sich ein schönes gesamtbild machen.
ganzbaf (11.04.2008, 16:36 Uhr)
Bohlen ist...
ein Blankeneese-Prolet.
Klabuter (11.04.2008, 15:27 Uhr)
Castingshows
Das ganze Leben ist eine ständige Castingshow nur mit dem Unterschied das kleiner es sieht, keine Jury bezahlt werden muß, um dumme Sprüche abzulassen. Aber auch das öffentlich rechtliche Fernsehen profitiert von den Schmuddel Privaten. Siehe Thema bei "Hart aber Fair" und Schmidt Pocher könnten ohne das Unterschichten TV ihre flachsinnigen Späße nicht mehr machen.
Da finde ich http://www.spinwebtv.de
um vieles lustiger und vor allem intelligenter, als diese hochbezahlten Langeweiler.
Ich habe übrigens im Internet einen
Kalox (10.04.2008, 20:39 Uhr)
eigentlich
ja, eigentlich nervten alle aus der runde. der psychologe mit seiner extremen schwarzmalerei, der spiegel-wichtel mit seiner pöbelei, küblböck, der spricht wie ein alter mann, fleming, die nix zu sagen hatte und auch der loser stein, den bmg damals rausgekickt hat. kein einziger talkgast, der eine ausbalancierte meinung vertrat...
Jaynay (10.04.2008, 20:35 Uhr)
lächerlich
dieser Artikel.
Broder stellte sich selbst ins Abseits, als er Herrn Bergmann emotionalen Kindesmissbrauch vorwarf, weil dieser sich "anmaßte" Einfluss auf das Fernsehverhalten seiner 11jährigen Tochter zu nehmen.
Herr Bergmann "siegte" weil er die besseren Argumente hatte, während der Rest der Runde sich als Idioten outete.
In meinen Augen war Herr Stein ein Paradebeispiel für den Typus Mensch, bei dem ich regelmäßig brechen möchte.
Broder nervte einfach nur mit seinem "Jetzt-sag-ich-gleich-was-ganz-zynisches" -Grinsen.
toppas (10.04.2008, 17:40 Uhr)
@jsbach
Das ist doch egal wer da in der jury sitzt. hauptsache er macht die kandidaten blöd an. einer wie der raab oder der pocher würden das auch noch packen. Der beste Beweis das es nicht am bohlen liegt ist die Tatsache, dass die show weltweit erfolg hat.
loempia07 (10.04.2008, 17:09 Uhr)
Nervensägen
Welchen Sinn hatte eigentlich die Anwesenheit von Joy Flemming? Zum Thema hatte sie eigentlich nichts beizutragen.
.
Ihre These lautete auch nicht, früher war alles besser. Sie kennt ohnehin nur ein einziges Thema, nämlich Joy Flemming. Sie findet sich so toll, sie findet ihren Gesang so toll, sie findet alles toll, was sie je gemacht hat.
.
Im Vergleich zu dieser Nervensäge ist sogar Küblböck eine Wohltat für Augen und Ohren!
.
Wahrscheinlich wurde sie eigeladen, um zu zeigen, dass die Unterhaltungsindustrie schon vor Küblböck schlimme Nervtöter hervorgebracht hat.
jsbach (10.04.2008, 16:33 Uhr)
Wortmächtig und derb wie Luther
Man soll den Bohlen nicht verdammen. Seine fast lutherische Sprachkraft ist es, die DSDS so erfolgreich macht. Es wäre toll, ihn mal das Wort zum Sonntag aufsprechen zu lassen. Das gäbe eine tolle Quote und wäre garantiert christlicher als so manch anderes scheinheiliges Gelaber im Öffentlich-rechtlichen.
K-H-J (10.04.2008, 14:54 Uhr)
SMS-Voting fehlte
Die Privaten machen es, die Öffentlich-Rechtlichen reden darüber. Es ist eben der gleiche Witz: Was ist langweiliger als angeln? Dabei zusehen!
So war gestern Abend bei Hart aber Fair, dass versammelte ARD-Publikum gegen diese Casting-Shows. Im Gästebuch von HAF konnte man dies bereits ablesen. Denn über 75% der Gästebuch-User stimmten so ab.
Bei Daniel Kübelböck (das war der, der in der Mitte des Pennals saß) blieb die Frage offen, ob er nun Opfer oder Sieger nach seiner Casting-Show-Karriere war. Verantwortung für sich zu tragen in der heutigen Zeit, ist eben kein Zuckerschlecken mehr, sondern harte Arbeit. Und wer hat schon Spaß an seiner Arbeit?
In 14 Tagen werden wir das Thema bei Hart aber Fair sehen:
"In der Mitte stehe ich - warum keine mehr links oder rechts stehen möchte!" Gäste bei der Sendung werden sein: Kurt Beck (SPD), Frau Künast(GRÜNE), Herr Kauder (CDU) und Herr Niebel von der FDP). Viel Spaß dabei?
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