Die beste Stimme Deutschlands ist gefunden. Und obwohl das Ergebnis schon vorher klar war, wurde das Finale richtig spannend - dank vier super aufgelegter Juroren und einer röchelnden Nena im Minikleid. Von Sophie Lübbert

"Voice of Germany": die 19-jährige Ivy Quainoo hat das Finale gewonnen© Jörg Carstensen/DPA
Es ist kurz vor Schluss, wenige Minuten vor dem Ende, als Sascha es nicht mehr aushält. Nervös steht er auf der Bühne, die Hand vor den Mund gepresst, der Blick starr. Eigentlich ist er einiges gewöhnt: breitkrempige weiße Cowboy-Hüte in der Öffentlichkeit tragen, ohne rot zu werden, zum Beispiel. Oder unter dem Namen "The BossHoss" auftreten und Country-Songs vor hyperventilierenden Teenies singen. Der Mann ist abgehärtet, sollte man denken, den kann nichts mehr so schnell aus der Ruhe bringen.
Doch jetzt, hier, an einem kalten Abend im Februar, auf einer Bühne im Berliner Fernsehstudio mitten im grellen Scheinwerferlicht und vor den Augen von ganz TV-Deutschland, da verlassen ihn die Nerven. "Ist das krass", kiekst er ins Mikrofon, dann grinst er schief und wackelt aufgeregt mit dem Kopf.
"Ich will euch jetzt nicht weiter auf die Folter spannen", liest Moderator Stefan Gödde von seinem Kärtchen ab, um dann eine minutenlange Pause zu machen. "Ivy hat gewonnen!", ruft der Moderator schließlich und Sascha, Hoss-Sänger und Hutträger, rastet aus. Er schreit, lässt sich auf den Boden fallen, steht wieder auf und hüpft wild über die Bühne. Gerade hat sein Schützling, Ivy Quainoo, die Casting-Show "The Voice of Germany" gewonnen und während die 19-Jährige zwar mit Tränen in den Augen ihrer Familie und den Fans dankt, ist es Sascha Vollmer, ihr Mentor, der sich kaum noch beruhigen lässt.
Und genau dieser Moment ist es, der den ganzen Abend, die ganze Show, das ganze Finale rettet. Der, in dem man ahnt: in dieser Sendung geht es ganz vielleicht wirklich um mehr, als darum, die nächste musikalische Eintagsfliege zu finden und fallen zu lassen - nämlich um Echtheit, um ehrliche Freude über ein großes, gerade entdecktes Talent, die in solchen Formaten sonst fehlt.
Dabei war das Finale bis zu diesem Punkt ziemlich langweilig, da stark vorhersehbar. Denn schon lange vorher hatten sich zwei Favoriten verabschieden müssen: Percival Duke, der mehr Schlagzeilen mit einem Wutanfall am Hotelbuffet (es gab keine Bananen) gemacht hatte als mit seiner Musik und Rino Galiano, der wirkte wie ein grell angezogenes, herrenloses Meerschweinchen mit traurigen Augen und dabei so wunderbar herzzerreißend singen konnte, dass sich alle Damen über 40 die Finger für ihn wund wählten.
Doch seit zwei Wochen waren diese beiden weg und seit zwei Wochen gab es dann kaum eine andere mögliche Siegerin als eben diese hier: Ivy Quainoo, 19-jährige musikalische Anfängerin mit herausragender Stimme und enorm viel Bühnenpräsenz.
Entscheiden konnten im Finale nicht mehr die Coaches Rea Garvey, Nena, The BossHoss oder Xavier Naidoo, sondern allein die Zuschauer, mit ihren Anrufen - oder den Downloads der Kandidaten-Songs, die bereits seit einer Woche möglich und gezählt worden waren. Ivy war bisher in jeder vorherigen Sendung mit großem Zuschauerzuspruch direkt weiter gewählt worden; es gab also schon beim Start des Finales wenig Zweifel, wer schließlich am Schluss mit dem Plattenvertrag in der Hand hinaus spazieren würde.
Singen musste Ivy trotzdem noch. Ebenso wie ihre drei Konkurrenten Max Giesinger, Kim Sanders und Michael Schulte durfte sie ihr eigenes Lied vortragen, danach noch ein Duett mit den jeweiligen Mentoren und schließlich einen gemeinsamen Song mit einem bereits berühmten Musiker. Die Reihenfolge war bei jedem der Talente unterschiedlich, manche begannen mit dem Mentoren-Song, andere mit ihrem eigenen. Das lockerte den ganzen Ablauf auf - hauptsächlich, weil die eigenen Songs der Kandidaten tendenziell zu den schlechteren des Abends gehörten und so über die Zeit verteilt wurden.
Max Giesinger war kaum zu verstehen, er nuschelte stark ins Mikrofon, reimte "aufgeregt" auf "schlafen gelegt" und ging förmlich unter, während auf der Leinwand im Hintergrund eine kitschig orange-rote Sonne dasselbe tat. Später durfte er mit UK-Sängerin Katie Melua auftreten und deren Hit "Nine Million Bicycles" singen; doch nachdem er im Einspieler schon erklärt hatte, er wolle mit ihr nach Karlsruhe ziehen und dort eine Familie gründen, zeigte er sich dann auch auf der Bühne wie ein verliebter Teenager. Schüchtern betrachtete er lieber seine Schuhspitzen und murmelte den Text vor sich hin, als seine Duettpartnerin anzuschauen - nicht sehr hilfreich bei einem gemeinsamen Auftritt.
Besser wurde es erst mit seinem Mentor Xavier Naidoo, der zur Feier des Tages auf seine getönte Brille verzichtet hatte. Eventuell deshalb war auch Max gelöster, der Song war nett, aber nicht so herausragend wie die Jury ihn ausmachte ("Das hat gerockt" von Garvey, stummes ergriffenes Keuchen von Nena).
Auch bei Michael Schulte war das Lied mit seinem Mentor Garvey das beste des Abends. Vorher musste er mit einem rothaarigen, britischen Musiker auf die Bühne, der zwar "Weltstar" (O-Ton Moderator), aber offensichtlich nur eingeladen war, weil er dieselbe Frisur wie der Kandidat trug. Dazu hatte Michael einen netten eigenen Song zu bieten, aber er musste dabei inmitten einer Armada von Glühbirnen herumsitzen - ohne ersichtlichen Grund, dafür aber recht angespannt.