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18. Mai 2009, 07:37 Uhr

Bürgersprechstunde mit Angie

"2009. Wir wählen. Zuschauer fragen - Angela Merkel antwortet". Unter diesem Titel experimentierte RTL mit einem neuen Politikformat. Wie Barack Obama stellte sich die Kanzlerin direkt den Bürgern. Die sanfte Fragestunde wurde zum Muster einer Inszenierung, die auf keinen Fall wie Wahlkampf aussehen sollte - und die TV-Zuschauer kalt ließ. Von Bernd Gäbler

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Stellte sich den Fragen der TV-Zuschauer: Kanzlerin Angela Merkel© Steffi Loos/DDP

Da saß sie nun in einem breiten Sessel neben RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel, das Jackett zum obligaten Hosenanzug war diesmal in freundlichem pastell-rosa gehalten. Hundert Bürger hatte RTL in sein Hauptstadtstudio geladen, das als "Townhall" dienen sollte. Die Programmidee war einfach: Es ging um die direkte Konfrontation der Kanzlerin mit den Fragen der Bürger. Die kamen wohl vorbereitet aus dem Studio-Publikum, als aufgezeichnete Videos von Straßenbefragungen oder waren per Mail eingeschickt worden. Für RTL war die Sendeform ein Experiment. Das von den Zuschauern allerdings nicht angenommen wurde: Nur 1,55 Millionen Menschen wollten sich die Fragestunde ansehen, das entspricht einem Marktanteil von nur 5,9 Prozent.

Anfangs wirkte Merkel äußerst angespannt, ernst, hoch konzentriert, nach allem war ihr zumute, nur nicht nach Smalltalk. "Ich hoffe, es war ganz angenehm", bettelte die Ko-Moderatorin Maria Gresz von Spiegel-TV nach 75 Sendeminuten um eine positive Wertung. Da lächelte die Kanzlerin und sagte erleichtert in die Runde: "Sie waren ein tolles Publikum." Für sie hatte sich das Experiment gelohnt. Zwar ist die freundliche menschliche Kommunikation, das einfache Gespräch mit den fragenden Bürgern noch immer nicht ihre Parade-Disziplin, aber Angela Merkel hat sich auf ihre Art wacker geschlagen - und vor allem: Ihr Inszenierungskalkül ist aufgegangen.

Angela Merkel als kundige Sachbearbeiterin

Wirtschaft, Sicherheit, Gesundheit, Bildung, Privates - so geordnet wurden die Themen durchgearbeitet - und Angela Merkel gab Auskunft. Sie tat dies mit einer Mischung aus Detailkenntnis und gesundem Menschenverstand. Ob es um die Treuhand-Lösung bei Opel, Einzelheiten des Waffenrechts, Fragen zum mangelnden Umweltschutz-Effekt der Abwrackprämie, die Spitzenforschung oder die ärztliche Unterversorgung in Problem-Stadtteilen ging - die Kanzlerin wusste mindestens so gut Bescheid wie eine kundige Sachbearbeiterin auf dem zuständigen Amt. Spätestens als sie sicher war, dass die Fragenden ihr gar nichts Böses wollten, fragte sie auch schon mal nach, mahnte einen Berufsabschluss an, erklärte, wie wichtig Ausbildung und Arbeit seien.

Überraschendes, Neues, Unerwartetes mutete sie dem Publikum nicht zu. Im schnellen Wechsel kamen die Fragen, zu manchem Einzelfall waren kleine Einspielfilme vorbereitet worden. Es gab auch schon mal Nachfragen, aber eine wirkliche Konfrontation, eine harte gegenteilige Meinung musste Angela Merkel nie befürchten. Auch wenn sie nicht devot waren, immer blieben die Bürger brav. Auch wenn von Charisma, lodernder Sympathie oder gar von einer Aura nie etwas zu spüren war, menschelte es gegen Ende doch ein wenig. Angela Merkel konnte ausführlich erklären, dass der Glaube an Gott ihr Kraft gibt, Gäste ihre Rouladen mit Rotkohl loben, sie zum Abschalten von den Amtspflichten schläft oder in den Bergen wandert. Dennoch blieb die privateste Frage, ob sie privat krankenversichert sei. "Ach wissen Sie, ich bin doch kein normales Beispiel", beschied sie RTL-Moderator Peter Kloeppel, als der wissen wollte, wie zufrieden sie damit sei. Beifall! Für die Kanzlerin war wichtig: sie wirkte wie ein Amt, auf dem man stets seriös bedient wird. Das kleine Risiko, auf dem falschen Bein erwischt zu werden, Fehler zu machen oder zu entrückt zu wirken, hat sie nicht grandios, aber wie in einem anstrengenden Arbeitseinsatz gemeistert.

Wahlkampf, der keiner sein sollte

So ging das Inszenierungs-Kalkül der Kanzlerin und ihrer Berater am Ende doch noch auf. Es bestand vor allem darin, mit dieser besonderen Veranstaltung auf RTL den TV-Wahlkampf so zu eröffnen, dass er auf keinen Fall nach Wahlkampf aussah. Nur am Rande und nur einmal wurden die Namen von zwei anderen Parteien - SPD und FDP - erwähnt. Nein, hier sollte der Eindruck erweckt werden: Diese Kanzlerin steht völlig außerhalb, ja oberhalb des Parteiengezänks, der Streitereien um Mehrheiten im Parlament, der ewigen Vermittlungsprozesse durch Gremien, Koalitionen oder Abstimmungen. Sie überspringt diese Instanzen und kümmert sich direkt um die Bürger. Die Politikwissenschaft hat dafür den Begriff "Populismus" entwickelt.

Bei Angela Merkel kommt aber keiner auf die Idee, ihre quasi-überparteiliche Selbst-Inszenierung "populistisch" zu nennen, weil sie sich nicht persönlich aufdrängt. Zwar stets etwas spröde, aber doch auch klug, erweckt sie durchgängig den Eindruck, dass es ihr vor allem um die "Sache" geht. Der Rentnerin, der Berater Lehmann-Papiere angedreht haben, gibt sie Tipps zur Rechtshilfe; der arbeitslosen alleinerziehenden Mutter will sie auf keinen Fall vormachen, das sie mit ihrem Geld große Sprünge machen könne; auf die Forderung nach Islam-Unterricht antwortet sie mit einem Hinweis auf die zerklüftete Landschaft der islamischen Organisationen. Die Bürger sind in der Regel etwas schüchtern, Angela Merkel schüchtert sie auf keinen Fall weiter ein. Einzelne Frager klammern sich an ihren Fragezettel, Angela Merkel ist geduldig - selbst wenn Peter Kloeppel (wie bei der Frage nach einen Generalverbot großkalibriger Waffen) einer Frage noch einen weiteren Wattebausch hinterher wirft. Spontaneität ist ohnehin nicht vorgesehen, so absolviert Angela Merkel ohne Versprecher und ohne in Bedrängnis zu kommen eine Bürgersprechstunde vor TV-Publikum.

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KOMMENTARE (10 von 31)
 
Malt (18.05.2009, 13:57 Uhr)
@bRAINSTORM
Ach, iwo, ich bin doch nicht traurig ;-) ... eher wütend (ob der offensichtlichen Verarsche und der damit unterschwelligen Behauptung, wir wären allesamt dummm wie Stroh) und resigniert (aufgrund des Wissens, dass sich daran auf absehrbare Zeit nicht ändern wird).... ;)
bR4iNST0RM (18.05.2009, 12:16 Uhr)
Lieber Malt
nicht traurig sein! Mit der Realität kann kein Politiker umgehen. :) Also lass den Kopf nicht hängen... bald sind Wahlen. Da kommt keiner der Politelite um die Realität herum.
ambio (18.05.2009, 12:10 Uhr)
Wieviel....
Geld wohl die ganzen schleimigen Arschkriecher im Puplikum bekommen haben um dieser Politkasperl-Show bei zu wohnen ?
Malt (18.05.2009, 11:57 Uhr)
Meine Frage...
...wurde leider (aber vorhersehbar) nicht behandelt: Welchen "Normalbürger" mir die Frau Merkel nennnen kann, bei dem der "Aufschwung" tatsächlich angekommen ist! Vermutlich hat das Kanzleramt gesucht und gesucht... aber keinen gefunden (was irgendwie auch vorhersehbar war)!
tepes (18.05.2009, 11:49 Uhr)
Gott sei Dank !!
ist ein teil der Bevölkerung noch nicht so blöd, und hinterfragt Dinge, wie diese Sendung....
Die Medien und Politiker wollen uns mit solchen Sendungen verarschen und uns für doof verkaufen. Gut für Deutschland dass es einige durchschauen
@ alle, wenn euch dieser Mist auch ank***, dann macht euren Wahlstimme im Septmeber ungültig, bin mal gespannt, wie die Politik reagiert wenn jeder sein Stimmzettel ungültig macht(bitte trotzdem zur wahl gehen, ansonsten wird euere Stimme einfach irgendeiner Partei zugeschrieben!!!) Leider gibt es in meinen Augen, keine Partei bzw. Kanditatin, die ich für wirklich fähig und ehrlich halte hier in Deutschland. Die denken doch alle(wirklich alle!!) nur an die nächsten Umfragewerte. Und erzählen den Leuten dann was sie heute hören wollen, wenn sie aber morgen gewählt wurden machen sie dann genau das Gegenteil davon....traurig aber wahr!!
Xennia (18.05.2009, 11:47 Uhr)
Propagandashow der Machtelite
Diese Fragestunde bei der Kanzlerin soll uns weismachen, dass sich Angela Merkel um unsere Sorgen und um unser Wohl kümmert. Wer so naiv ist, darauf reinzufallen, selber schuld!
Diese Propagandashow der Machtelite, an der sich die Medien nur allzu gerne beteiligen, wäre nicht notwendig, wenn wir alle das Gefühl hätten, Merkel würde sich um unsere Interessen kümmern, für UNS arbeiten, statt für die Lobbyisten des Großkapitals!
bR4iNST0RM (18.05.2009, 11:44 Uhr)
Oh Mann!
Als wenn nicht jedem klar ist, dass das Publikum ganz genau ausgewählt ist, die Fragen trainiert wurden und das Studio ein Hochsicherheitstrakt war. Das bestätigt letzten Endes auch das Quotenergebnis.
Ich bin so froh, dass ich seit jetzt 6 Jahren keine Glotze mehr habe. Damals hat sich das schon herauskristallisiert, dass die „Röhre“ nur noch zur Volksverdummung taugt.
Dieser Artikel ist eine schöne Bestätigung meiner Meinung.
Leute: Glotze aus, Buch in die Hand! Bzw. da das Wetter immer besser wird, schleppt die müden Knochen vor die Tür! Sonne tanken! Und im Herbst, wenn es wieder kälter wird, kann man bei der Wahl endlich mal seiner Meinung Ausdruck verleihen. In diesem Sinne…
Sternchen2020 (18.05.2009, 11:40 Uhr)
Die Rouladenkönigin aus der Uckermark
Zumindest die Süddeutsche traut sich zu verhaltener, höflicher Kritik:
http://www.sueddeutsche.de/,ra4m1/kultur/329/468890/text/
RS6550 (18.05.2009, 11:18 Uhr)
It's Showtime
Was war das denn für einen Sendung?
Frau Merkel kauerte in Ihrem Sitz und antwortete auf vorher geprobete Fragen. Und immer dieser Beifall.
Wer wurde da von wem bezahlt?
Was für eine Show, danke RTL.
bmpost (18.05.2009, 11:13 Uhr)
Schön, daß
die Bürger nicht so bescheuert sind, wie die Medienexperten der GroßKotz- äh koaliton es gerne hätten. Ich fand diese Daerwerbesendung der CDU wie offensichtlich viele andere schlicht zum KOTZEN! Übrigens, im September die LINKE wählen!!!
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