5. Juni 2012, 13:40 Uhr

Im Begriffsbrei des Gängigen

Alle Talkshows möchten stets die gleiche populäre Sau durchs Dorf jagen. Es sind einfach zu viele, zu belanglos. Ein Jahr Maischjauchwillillbeckberg - eine Bilanz zur Sommerpause. Von Bernd Gäbler

 
Medienkolumne, Jauch, Talkshow, Maischberger, ARD, Will, Plasberg

Mit großem Brimborium startete die ARD im vergangenen Jahr die neu programmierte Polittalk-Schiene. Die einzige, die einem politischen Anspruch treu blieb, ist jedoch nicht im Bild: Maybrit Illner vom ZDF©

Jetzt regiert auch im Fernsehen der Fußball. Da verstummen, nach und nach, die Talkshows. Die einen (Beckmann, Maischberger) sind schon in der Sommerpause, die anderen folgen bald. Nicht ohne vorher noch für einen geschmeidigen Übergang zu sorgen. Zuletzt mutierten die sogenannten politischen Talkshows der ARD flugs zu munteren Fußball-Stammtischen. Kicker, Kohle, Krawalle - Wer regiert König Fußball? Wie unbarmherzig ist Fußball-Deutschland? Und: Gewaltige Leidenschaft - wer schützt den Fußball vor seinen Fans? So lauteten die pauschalen Fragen. Entsprechend beliebig fielen die Antworten aus.

Sprache soll eigentlich dazu dienen, Sachverhalte präzise zu bezeichnen, und Analyse soll die Fähigkeit sein, zu differenzieren. Das Gespräch soll dem Austausch dienen und der wechelseitigen Bereicherung. Bei den abendlichen Fußballstammtischen war zu beobachten, wie alles dies im TV-Talk völlig auf den Kopf gestellt wird. Gewalt und Pyrotechnik, Leidenschaft und Kommerz, Ultras und Hooligans - irgendwie ist alles eins. Kam mal - wie bei Plasberg - ein kundiger Polizist zu Wort oder ein bemühter Fan-Beauftragter, rasch wurde sein Gedanke wieder erstickt im undifferenzierten Begriffsbrei des Gängigen.

Polit-Talk auf "Doppelpass"-Niveau

Kein Wunder, denn als Diskutanten sind - das ist inzwischen in allen Talkshows zu allen Themen üblich - vornehmlich Menschen mit von der Partie, die bekannt sind, weil sie aus der großen Fernsehfamilie stammen. Also waren die Fußballexperten Kai Pflaume und Johannes B. Kerner, Oliver Pocher und Carlo von Tiedemann, Mareike Amado und Norbert Blüm. Dazu gab es ein Wiedersehen mit den Geschwistern Töpperwien: Rolf, der Pensionär des ZDF, war bei Maischberger, während seine Schwester Sabine, die Hörfunk-Sportchefin des WDR, Anne Will beehrte. Beiden gemeinsam war: Sie redeten ausschließlich in den abgegriffenen Floskeln eines längst vergangen geglaubten Sportjournalismus, als noch "Gras gefressen" wurde und "Flagge gezeigt" (diesmal ausgerechnet in Auschwitz). Da war man am Ende froh, als "der Sack zugemacht" wurde. Verglichen damit, was in drei ARD-Sendungen an Reflexion über Fußball und Gesellschaft geboten wurde, mutet jeder einzelne "Doppelpass" auf Sport1 an wie ein feiner Experten-Diskurs.

Abschied von der Aufklärung

Dieser Abschied von der Aufklärung wirkt inzwischen aber kaum noch wie ein Verrat an der Ursprungsidee der Talkshow - eher sind sie bei sich und ihrer Bestimmung im ruhigen Fluss der Fernsehunterhaltung angekommen. Als hätte es noch eines Beweises bedurft, zeigten gerade die letzten Wochen: Alle Talkshows möchten stets die gleiche populäre Sau durchs Dorf jagen. Es sind einfach zu viele. Sie sind zu belanglos.

Politisch ging es eigentlich nur um die Eurokrise und um die Wahlen. Jenseits davon gab es viele Servicethemen, die von der "Volkskrankheit Schlaganfall" (Beckmann) über Aldi (Jauch) bis zum Baumarkt (Plasberg) reichten.

Plasberg ist kaum noch bissig, sein "Hart aber fair" scheint für ihn eine Show unter vielen geworden zu sein. Maischberger thront als Gouvernante in einer Senioren-Residenz. Wenn die ARD sich wundert, warum sie kein junges Publikum anspricht, muss sie sich nur einmal ihr komplettes Programm am Dienstagabend selber vorführen. Nur die Krankenkassen (Illner) und das Betreuungsgeld (Jauch) sorgten am Ende dieser Talkperiode noch für ein wenig Abwechselung. Überhaupt bleibt Maybrit Illner am ehesten einem politischen Anspruch treu, während bei Günther Jauch am Sonntag zu studieren war, dass es sich durchaus lohnt, einmal jemand anderen einzuladen als die allseits bekannten Fernsehnasen. Der engagierte Sozialwissenschaftler Stefan Sell jedenfalls hat das lahme parteipolitische Ping-Pong-Spiel zum Betreuungsgeld hübsch aufgemischt.

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