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11. Mai 2009, 00:15 Uhr

Lena Odenthal und das männliche Versagen

Alkoholexzesse und Männerrituale beim Spezialeinsatzkommando: Als ein Kollege bei der Jagd auf einen bewaffneten Junkie erschossen wird, ermittelt "Tatort"-Kommissarin Lena Odenthal in den eigenen Reihen. Dabei stößt sie auf Tabus und männliches Versagen. Von Kathrin Buchner

SEK-Chef Thomas Renner (Heikko Deutschmann) ist nicht sehr erfreut, als "Tatort"-Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) in den eigenen Reihen nach dem Mörder eines Kollegen fahndet© Krause-Burberg/SWR

"Tatort"-Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) liegt bewusstlos neben funkenden elektrischen Leitungen im Containerhafen. Stromschlag, diagnostiziert der Notarzt, es könne zu Kammerflimmern mit Kreislaufzusammenbruch kommen. Das hält die taffe Kommissarin nicht davon ab, sich mit Verve in die Ermittlungen zu stürzen und sich sogar mit dem Polizeidirektor anzulegen. Immer, wenn es spannend wird, presst sie ihre Hand an den Brustkorb. Stiche im Herzen wird Odenthal in dieser Krimifolge haben, symptomatisch für diesen "Tatort", der mit ziemlich viel Pathos erzählt, was Machogehabe und mangelnde Kommunikation anrichten kann.

Im Mittelpunkt von "Tödlicher Einsatz" stehen die Mitglieder eines Spezialeinsatzkommandos (SEK): Sie leben fast alle in einer Reihenhaussiedlung, Kinderwagen im Vorgarten, Sitzecken im Segmüller-Stil, warmes Beige bestimmt die Einrichtung. Ihre Frauen sind sexy blonde Frisösen oder geduldige Hausfrauen. Die Polizisten lesen ihren Kindern Gute-Nacht-Geschichten vor, kuscheln mit deren Stofftieren oder lümmeln mit der Schnapsflasche vorm Fernseher. Aber eins tun sie nicht: reden, reden über ihren Stress, ihre Überlastung, was es bedeutet, tagtäglich im Einsatz ihr Leben zu riskieren.

"Die Guten" entpuppen sich als Komplett-Versager

Schließlich sind sie harte Hunde, echte Kerle. "Wir sind die Guten", sagt ihr Chef, ein Typ mit stahlblauen Augen und grobgliedriger Silberkette, alleinerziehender Witwer. Wie der Pate in einem Mafiafilm hat dieser Thomas Renner (Heikko Deutschmann) die Truppe eingeschworen zu einem Männerbund mit Korpsgeist und Familienanschluss. Versagen wird gedeckt, wer aussteigen will, wird als Verräter bestraft. Als die Möchtegern-Elitetruppe einen Junkie, der eine Tankstelle überfallen hat, beim Treffen mit seinem Dealer stellen soll, wird bei diesem Routineeinsatz ein Polizist erschossen und lange schon schwelende Konflikte brechen auf.

Die Kamera ist auf Augenhöhe mit den Protagonisten, hält nah auf die Gesichter, schnelle Szenenwechsel und Verfolgungsjagden sorgen für ein hohes Tempo. Anfangs ist die Story verwirrend, zu viele Gesichter und Namen, zu viele Verbindungen. Der SEK-Pate protegiert seinen Schwiegersohn in spe, der von dem toten Polizisten ausgebildet wurde und deren Familien Nachbarn sind. Der Junkie ist dann auch noch ein alter Schulfreund des Schwiegersohns. Plakativ inszeniert Regisseur Bodo Fürneisen die Entgiftung des flüchtenden Junkies Florian (wechselt großartig vom diabolischen Süchtigen zum zitternden Elendshäuflein: Mirco Kreibich). Wie ein Opfertier auf der Schlachtbank vegetiert er in einem ehemaligen Schlachthof mit Neonlicht und weißen Fliesen, ein Ort, in dem einen auch ohne kalten Entzug das Grauen beschleicht.

Tabu: Schwule in Elite-Truppe

Erst in der zweiten Hälfte des Krimis fügen sich die einzelnen Geschichten wie ein Mosaik zusammen zu einer gemeinsamen Aussage: die Sprachlosigkeit der Männer, die sie auf ganzer Ebene versagen lässt. In der Liebe, in der Familie, im Beruf. Der erfolgreiche Notar (überzeugend: Rudolf Kowalski), der sich von seiner Frau getrennt hat und dessen Sohn sich im Stich gelassen fühlt und zum Junkie wird. Der getötete Beamte, der bei einem Einsatz die Nerven verlor, ohne Not einen entflohenen Häftling erschossen hat, unter Angstattacken leidet, von seinem Vorgesetzten erst gedeckt und dann eliminiert wird. Der Elite-Polizist, der einen Mann liebt und sich aus Angst vor Vorurteilen nicht traut, diese Liebe öffentlich zu leben. Da wird dann auch noch das letzte Tabu bemüht, Homosexualität, undenkbar bei Polizeielitetruppen, Bundeswehr oder Profifußball, wo es um primär-männliche Tugenden geht, und man gemeinsam nackt unter der Dusche steht. Am Ende steht der Mann an sich ganz nackt da in diesem "Tatort".

Ihre Meinung

War dieser "Tatort" eine geniale radikal-feministische Dekonstruktion des Mannes oder überfrachteter Humbug? Diskutieren Sie mit!

Diskutieren Sie mit! Bisherige Beiträge (9)
Von Kathrin Buchner
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
hevosenkuva (11.05.2009, 20:33 Uhr)
@muc68: volle Zustimmung
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vegefranz (11.05.2009, 14:33 Uhr)
war der tatort auch sozialkritisch?
war der tatort auch sozialkritisch? wenn man über männer herziehen kann, ist das wohl schon zumindest im sinne von alice schwarer
muc68 (11.05.2009, 14:29 Uhr)
Die Zeit ist abgelaufen
1. schlechte Drehbücher
2. schwache, weil platte, klischeelastige Geschichten
3. die schauspielerische Leistung dieses Ermittler-Pärchens lässt in erschreckendem Maße nach
4. Unsinnige, weil für die Story irrelevante Nebenhandlungen(Kammerflimmern)
5. Überflüssige Privatgeschichten(italienische Verwandte...)
Überzeugen konnten gestern nur Rudolf Kowalski und Mirco Kreibich als Vater und Sohn, schwach war das über-angestrengte "Spiel" von Heikko Deutschmann!
StefanAugsburg (11.05.2009, 14:21 Uhr)
Spaken ...
@HombreUno - der Kommentar spricht eigentlich kurz und bündig für den offensichtlich ebenso kleinen geistigen Anspruch seines Verfassers .... soviel steht fest !
Clibanarius (11.05.2009, 12:42 Uhr)
@Rechtschreibklugscheisser
Laut Duden ist "Wägen" oder eben "Kinderwägen" nicht grundsätzlich falsch. Schon dann gar nicht, wenn es jemand aus dem süddeutschem Raum schreibt. Und Fr. Buchner stammt, soviel ich erfahren habe, aus Bayern. Deshalb kann sie sich diese Schreibweise erlauben, auch wenn es solche Korinthenkacker wie dich auf die Barrikaden bringt.
www.duden.de/deutsche_sprache/sprachberatung/newsletter/archiv.php?id=201
.
www.philhist.uni-augsburg.de/lehrstuehle/germanistik/sprachwissenschaft/ada/dritte_runde/f02b/
.
Zum Thema kann ich nur soviel sagen, daß da einige Fragen offen blieben:
-Hatte die Frau des toten Beamten eine Affäre mit dem Einsatzleiter? Der Eindruck kam so rüber.
-Der Junkie hatte doch schon zu Beginn beim Treffen mit dem Dealer auf seiner Flucht min. einen Schuss abgegeben, zwei dann im Containerhafen und einen beim Gerangel mit seinem Vater. Trotzdem sagt Odenthal beim Prüfen des Revolvers es wären drei abgegeben.
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Auch wenn ich als routinierter Tatort-Seher sofort wusste wer den Beamten erschoss, alles in allem fand ich den Tatort nicht schlecht. 6 von 10 Punkten.
hevosenkuva (11.05.2009, 12:06 Uhr)
Ich bin ja immer dafür, Krimis ihren Märchencharakter zu belassen,
aber dieser Tatort hat dann doch etwas sehr weit ausgeholt. Ein SEK als verschworene Männergemeinschaft auf Alleingang, schmächtige Rambos ohne Skrupel, Sinn und Verstand? Ziemlich unglaubwürdig, das ganze Brimborium, die albernen Machtkämpfe jenseits von Gesetz und Vorgesetzten.

Und das Rumgestolpere der beiden Kommissäre als "Polizeiarbeit" zu bezeichnen, wäre ein Schlag ins Kontor. Hobby-Detektive trifft es wohl eher.
Hostie (11.05.2009, 12:00 Uhr)
Sorry ...
... es sollte natürlich "erwartet" heißen ...
Hostie (11.05.2009, 11:59 Uhr)
Ähm ...
... der Plural von (Kinder)wagen ist (Kinder)wagen, nicht "...wägen". Soviel sollte von einem Werktätigen der schreibenden Zunft wohl erwarter werden können.
daisytim (11.05.2009, 11:51 Uhr)
Offensichtlich
War leider ziemlich offensichtlich, wie der Hase gelaufen ist. Aber der Schauspieler, der den Junkie gespielt hat war echt klasse, kam sehr autentisch rüber, man hatte regelrecht mitfühlen können bei seinem Entzug.
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