Zwischen den Fronten zerrieben

17. Februar 2013, 21:45 Uhr

In den vergangenen Wochen wurde die Liebe der "Tatort"-Fans zu ihrem Krimi strapaziert. Viel Mittelmaß, wenig erste Liga. Da machte auch die Folge aus Wien trotz spannendem Thema keine Ausnahme. Von Swantje Dake

Tatort, Wien, zwischen, Fronten, Kritik, Rezension

Explosives Team: Major Warig (Susanne Wuest, l.) und Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) geraten lautstark aneinander. Bibi Fellner (Adele Neuhauser) schaut erst zu, löst die verfahrene Situation dann auf weibliche Art.©

Zwischen den Fronten" hatte inhaltlich eine hervorragende Ausgangslage: Vor einer Sicherheitskonferenz explodiert ein Auto - gesteuert von einem jungen Mann mit irakischen Wurzeln. Das vermeintliche Ziel des vermeintlichen Selbstmordattentats - der amerikanische Konferenzleiter - überlebt. Innerhalb weniger Minuten ist der Zuschauer mittendrin im Thema "Innere Sicherheit". Eine Fundgrube für gutes Krimimaterial. Doch der Wiener "Tatort" verheddert sich in seinen Erzählsträngen und scheitert an seinen Ansprüchen.

Dabei war die Ursprungsidee vielversprechend: Der Anschlag ist kein Attentat eines radikalen Moslems, sondern das Ergebnis politischer Intrigen. Ein Männerbund riskiert Menschenleben, um die Ihren an die Macht zu bringen, um Recht und Ordnung vereint mit rechtsradikaler Gesinnung durchzusetzen. Ein Freudenfest für Verschwörungstheoretiker - und gar nicht allzu weit von der Realität entfernt. Man denke an den in den vergangenen Jahren eingeübten Reflex der Politik, nach (vereitelten) Terroranschlägen, Gesetze zu verschärfen und die Freiheit der Bürger einzuschränken.

Die Guten und die Bösen

Diese Mechanismen will der "Tatort" kritisieren. Das übernehmen - wenig subtil - die Ermittler Moritz Eisner und Bibi Fellner (Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser). Und damit ist schnell klar, wem das Zuschauerherz im Machtgerangel zwischen Polizei und Verfassungsschutz zufliegen soll. Zu schnell. Verfassungsschutz-Chef Fred Michalski ist der Gegenspieler der Polizisten, der sich mit Hilfe des Anschlags zum Innenminister aufschwingen will. Ein Unsympath ("Bevor wir in medias res gehen, wie der Franzose sagt …"), herrlich vom österreichischen Kabarettisten Alfred Dorfer gespielt. Seine Untergebene Major Melanie Warig ist biestig, aber nicht so eiskalt, wie sie anfangs vorgibt. Eisner und Fellner sowie deren Chef Ernst Rauter sind hingegen die Guten.

Und weil dieser Konflikt doch sehr durchschaubar ist, sortieren sich allerhand weitere Fronten dazu: Ein Streit zwischen Vater und seinem Nachwuchs (Chefinspektor Eisner und Tochter Claudia), ein Geschlechterkonflikt zwischen Chefin und Untergebenem (Major Warig und Eisner), Eifersüchteleien zwischen großem Bruder und Verehrer der Schwester, dazu eine Prise Islamphobie. Darüber legen sich die vermeintlich lustigen Momente: Blasmusik im Auto um die Abhörung zu verhindern, Bibi schlägt einen Angreifer mit einem Auspuff K.o. Diese Szenen geraten zu platt, so wie die Explosion des Autos zu Beginn zu beiläufig geschieht.

Ein "Tatort"-Fan schaltet nicht ab

Es ist wie so häufig: Der "Tatort"-Plot ist gut, doch die Umsetzung mau. Man bleibt dennoch dran - aus Ermangelung an Alternativen am Sonntagabend, aus reiner Gewohnheit und immer wieder auch in der Hoffnung, dass der Film noch die Kurve kriegt, was leider selten geschieht. In den vergangenen Wochen hat das Dasein als "Tatort"-Fan etwas vom Fußballanhänger, der seinen Verein mehrere Spieltage in den Abstiegsrängen sieht - und dennoch immer wieder ins Stadion fährt.

Woran das liegt? Eine kürzlich veröffentlichte "Produzentenstudie" bietet Erklärungsmöglichkeiten. Der Kostendruck bei den Öffentlich-Rechtlichen hat laut einer aktuellen Untersuchung spürbare Auswirkungen auf den ARD-Klassiker "Tatort". Weniger Geld, weniger Drehtage, weniger Stunts. So standen vor zehn Jahren für eine Folge der Krimireihe im Schnitt noch 1,43 Millionen Euro bereit, heute liegt das Budget bei rund 1,27 Millionen Euro. Aufwendige Stunt-Szenen seien seltener geworden, eine Folge werde nicht mehr in 28, sondern nur noch in 22 Tagen gedreht. "Die Geschichten werden immer mehr zu Kammerspielen, weil an allen Ecken und Enden Geld fehlt", zitiert die Studie langjährige "Tatort"-Autoren.

Gelungen ist das Ende des Wiener "Tatorts". Es ist dem Thema angemessen deprimierend und gibt den Verschwörungstheoretikern Recht. Die Ermittler scheitern mit ihrer Aufklärung und werden auch weiterhin vom Verfassungsschutz abgehört. "So ist das System", gibt eine frustrierte Bibi Fellner von sich. Dieser Schlusspunkt ist in etwa so versöhnlich wie der Ausgleich der eigenen Mannschaft in der 90. Minuten.

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