Anne Will erleidet mit den Piraten Schiffbruch

22. September 2011, 08:31 Uhr

In Berlin hat die Piratenpartei gerade das Abgeordnetenhaus geentert - steht nun eine "Meuterei auf der 'Deutschland'?" bevor, wollte Anne Will wissen. Doch außer einem Bekenntnis zum straffreien Kiffen von Roger Willemsen brachte die Runde keine neuen Einsichten. Von Christoph Forsthoff

Anne Will, Talkshow, Piraten, Partei

War mit den Piraten überfordert: Talkshow-Moderatorin Anne Will©

Über 75 lange Minuten nur ein Thema zu diskutieren, kann schwer sein. Zu schwierig offenbar für Anne Will, die denn für die letzte Viertelstunde auch noch mal kurzerhand das Terrain wechselte und sich der Frage widmete: Braucht Deutschland noch die FDP? Ein dankbares, weil populär-populistisches Sujet, denn an den Liberalen lässt in diesen Wochen ohnehin kaum einer ein gutes Haar. Und dass es sich auf einen am Boden Liegenden besonders prima eindreschen lässt, ist nicht erst seit der Häufung asozialer U-Bahn-Schläger bekannt. Dumm nur, dass das Thema an diesem Abend eigentlich ein ganz anderes war, sich die Talkrunde nach dem überraschenden Erfolg der Piratenpartei bei den Wahlen in Berlin der Frage "Meuterei auf der 'Deutschland'?" widmen sollte.

Doch die hatte sich eben spätestens in dem Moment erledigt, als Roger Willemsen (treffend) analysierte: "Dies ist ein urbanes Phänomen." Und hätte Will statt auf irgendwelche Wählerwanderungen zu schauen, die Motivation der Piraten-Wähler für ihr Kreuzchen näher betrachtet, dann wäre schnell klar gewesen, dass dies fast ausschließlich ein Protest-Coup gewesen ist - nur 11 Prozent stimmten wegen der Inhalte für die Freibeuter. Entsprechend präsentierte sich denn auch Christopher Lauer, der gerade mit 14 weiteren Politik-Frischlingen ins Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen ist.

"Man hat uns wegen unserer Unbedarftheit gewählt", bekannte der 27-jährige Student der Technischen Universität und amüsierte sich ganz offensichtlich prächtig in der Runde der gestandenen Herrschaften. "Wir haben so einen Dilettantenbonus, mit dem wir jetzt ein bisschen spielen können." Viel Spaß dabei, wünschen wir ihm - doch seitens der Moderatorin hätten wir uns schon die Frage gewünscht, was denn diese Juxbolzen außer legalisiertem Kiffen und Freiheit im Internet eigentlich wollen. Oder auch, wie sie diese Wünsche denn zu realisieren trachten?

Doch das interessierte allenfalls Bärbel Höhn - höchst ungeschickt nur, dass die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Bundestags-Grünen dies allzu Oberlehrerinnenhaft formulierte: "Genießen Sie diese Zeit - irgendwann wird die Zeit kommen, wo es heißt: Wie wollt Ihr das finanzieren? Und dann müssen Lösungen vorgeschlagen werden, die gangbar sind."

Anbiederungsversuche der Politelite

Ein Tonfall, der Sympathien kostete - und doch eben die Tonart aufzeigte, in der auch die Politiker der CDU und FDP versuchten, den Überraschungssiegern ein wenig von ihrem Glanz des Neuen und Unverbrauchten zu nehmen. "Ihr habt als erste verstanden, dass das Internet eine richtige Revolution ist", klopfte etwa Peter Altmaier, Parlamentarischer Geschäftsführer der Unions-Bundestagsfraktion, Lauer väterlich-anerkennend verbal auf die Schulter. Und Martin Lindner, stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion fand sogar mehr als nur eine Gemeinsamkeit: "Es gibt Punkte von Ihnen, die haben wir auch im Programm" - Pech für die Liberalen, dass dies offenbar dem Berliner Wähler nicht aufgefallen ist. Was dann nur noch von Gertrud Höhler getoppt wurde, die sich den Piraten geradezu anbiederte: "Es ist doch schön, dass Ihr Kapuzenpullover und Anzüge tragt", ermunterte die ehemalige Politikberaterin von Altkanzler Helmut Kohl die Jungparlamentarier zur disparaten Imagepflege.

Willemsens scharfsinnige Betrachtungen der Erfolgs(hinter)gründe konnten da der Runde auch nicht mehr auf die Sprünge helfen, denn Will spielte lieber mit schlichten verbalen Assoziationen - "Wo ist Ihre Augenklappe?" - als die Diskussion zu vertiefen. Und bevor dann das große Floskel-Gähnen einsetzte, ging sie zum allenfalls bedingt unterhaltsamen FDP-Bashing über. Ist eben gar nicht so einfach, 75 statt 60 Minuten anregend zu füllen.

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