Angefangen hat die TV-Serie "24" als gefeierter Quoten-Hit, mittlerweile steht sie als "Folterporno" in der Kritik. Obwohl sogar das US-Militär schon um Mäßigung gebeten hat, wird in der gerade angelaufenen sechsten Staffel gequält wie eh und je. Dabei sind die Vorwürfe gegen Serienheld Jack Bauer ungeheuerlich. Von Sophie Albers

Jack Bauer: der Mann mit der ausgeprägten Folterfantasie© Twentieth Century Fox Film Corporation
"Jack Bauer hat in Guantánamo Bay viele Freunde" ist ein Satz, der jeden "24"-Fan zusammenzucken lässt - eben weil er wahr ist. Er steht in "Torture Team", dem neuen Buch von Philippe Sands. Der britische Rechtsprofessor wirft der hippen TV-Serie unter anderem vor, Vernehmungsbeamten der US-Armee zur Inspiration beim Umgang mit Terrorverdächtigen in Guantánamo gedient zu haben.
Sands zitiert damit Diane Beaver, die ehemalige Stabrechtsberaterin in dem nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eingerichteten Gefangenenlager auf Kuba. "Er [Jack Bauer, Anm. d. Red.] hat die Leute auf allerhand Ideen gebracht." Beaver selbst hatte 2002 "neue Befragungstechniken" abgezeichnet, weil man mit den alten "nicht weiter gekommen" sei, und hat diese in einem mehrseitigen Bericht gerechtfertigt, schreibt Sands. Die unter dem Verhörpersonal so beliebte Serie habe dazu beigetragen, dass sich die Mitarbeiter in Guantánamo als "Frontsoldaten" fühlten. Deshalb taten sie "mehr als sonst", berichtet die pensionierte Militäranwältin.
"Alles, was nötig ist" - und meist sogar mit Rückendeckung vom Präsidenten selbst - tut Jack Bauer, wenn er mit mehr oder weniger fantasievollen Foltermethoden Informationen aus Gefangenen presst. Sei es mit Wahrheitsserum, Kettensäge oder Scheinexekution: Der Antiterror-Star des US-Fernsehens in einer der erfolgreichsten Serien überhaupt hat für jeden Bösewicht die richtige Dosis Qual. Denn, so sein Credo: "Du wirst mir eh sagen, was ich wissen will, es kommt nur darauf an, wie viel Schmerz du ertragen willst."
Am Montag ist im deutschen Fernsehen die sechste Staffel der "längsten 24 Stunden im Leben von Jack Bauer" angelaufen. Am gleichen Tag begann in Genf die Tagung der UN-Menschenrechtskommission zur Anti-Folter-Konvention. Ein treffender Zufall: Denn offensichtlich verschwimmt für einige Angehörige des amerikanischen Militärpersonals eben hier die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit.
Der Vorwurf, dass Bauers Knochen und Willen brechende Art dem Militärnachwuchs zum Vorbild gereiche, ist schon älter. Doch geht es diesmal um die tatsächliche Ausführung und Institutionalisierung, denn dieser "Jack-Bauer-Effekt" wird von Militärjuristin Beaver bestätigt, also von jemandem, der selbst in Guantánamo auf Seiten der Folterer stand. Ergo: Die Folterknechte sind keine irren Einzeltäter, sondern handeln auf Befehl von oben.
Mit ihren Beobachtungen steht Beaver nicht allein: "Jack Bauer ist stark und effektiv, er rettet Amerika. Kadetten [Soldaten in der Ausbildung, Anm.d.Red.] sind idealistisch, sie wollen das Richtige tun. Sie sehen in einer Figur wie Bauer jemanden, der etwas bewirkt, dessen Herangehensweise erfolgreich ist", zitiert die Menschenrechtsorganisation Human Rights First Gary D. Solis, der in der Elite-Militärakademie West Point Kriegsrecht gelehrt hat.
Bauer sei ihm im Unterricht von den Auszubildenden immer wieder als positives Beispiel genannt worden. Der müsse nur jemandem ins Bein schießen und kriege seine Informationen. Wenn es da funktioniert, warum nicht auch bei uns? Das Problem mit der Unterscheidung von Fiktion und Realität - das traditionelle Thema in der Diskussion um Gewaltdarstellung im Fernsehen - haben auch andere Militärausbilder erlebt: Jeder wolle wie Jack Bauer sein, heißt es. Dabei ist "Jack Bauer ein Krimineller. Im wahren Leben würde er vor Gericht gestellt", stellt Solis im Magazin "New Yorker" klar. Folter-Inspiration Fernsehserie "Die Leute sehen die Shows, gehen in die Verhörzellen und machen das, was sie gerade gesehen haben", bestätigt Tony Lagouranis, der als Verhörexperte ein Jahr lang im Irak gedient hat. Er habe mit eigenen Augen gesehen, wie im Irak Methoden und die Haltung aus TV-Shows übernommen worden seien. Weil im Irak 2004 ebenso wie in Guantánamo bis 2006 die Genfer Konventionen, die Folter verbieten, keine Geltung fanden, hätten sich die Leute "ihre Ideen aus dem Fernsehen geholt". "Zu den Dingen, die ich gesehen habe, gehörten Waterboarding, Scheinexekutionen und die Androhung von Misshandlungen", sagte Lagourinas dem US-Nachrichtennetzwerk "Democracy Now". Der Einfluss der Serie war offenbar so massiv, dass im November 2006 niemand Geringeres als der Dekan von West Point, Brigadegeneral Patrick Finnegan, mit Verhörexperten des FBI und der US-Armee nach Hollywood reiste, um die Schöpfer von "24" zu bitten, die Folterszenen etwas zurück zu nehmen. Denn die bei Kadetten beliebte Show vermittle nicht nur den Eindruck, dass Folter ein probates Mittel sei, sie schade damit auch dem Image Amerikas in der Welt. Auch David Danzig von Human Rights First, der das Treffen organisiert hatte, fand deutliche Worte: Shows wie "24", "Alias" oder auch "Lost" seien "Werbesendungen für Folter" mit der Botschaft, dass Folter funktioniere und dich zum Helden mache. Großen Eindruck hinterließen die Appelle nicht: Finnegan wurde am Set wegen seiner Uniform zunächst für einen Statisten gehalten, berichtete der "New Yorker". Und "24"-Erfinder Joel Surnow nahm sich für das Treffen gar nicht erst Zeit.