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20. Februar 2010, 15:54 Uhr

"Spitzelsystem wie in der DDR"

Im März räumt ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender seinen Stuhl - auf Druck der Politik. In einem Interview prangert er nun den Einfluss der Parteien auf den Sender an und nannte namentlich die Union. Außerdem herrsche in Mainz ein regelrechtes "Spitzelsystem", das an die DDR erinnere.

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Der scheidende ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender übt scharfe Kritik am parteipolitischen Einfluss auf den Sender© Matthias Schrader/AP

Wenige Wochen vor seinem Abschied hat der scheidende ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender scharf mit der parteipolitischen Dominanz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen abgerechnet. Im Gespräch mit dem "Spiegel" rügte er erstmals öffentlich das Proporzdenken der Parteien und sprach von Rückgratlosigkeit jener Unionspolitiker, die wie der hessische Ministerpräsident Roland Koch seine Abwahl betrieben haben. Laut Vorabmeldung sprach Brender sogar von einem internen "Spitzelsystem, das davon lebt, dass Redakteure den Parteien Senderinterna zutragen".

Wörtlich bezeichnete sie Brender als "Inoffizielle Mitarbeiter" der Parteien, "wirklich vergleichbar mit den IM der DDR". Es sei ein fein gesponnenes Netz von Abhängigkeiten entstanden, aus dem sich Karrierechancen, aber auch Verpflichtungen ableiten ließen. Er selbst habe versucht, "solche Spione wenigstens von Posten mit echter Verantwortung fernzuhalten", wird Brender weiter zitiert. Im November hatte sich die Unionsmehrheit im ZDF-Verwaltungsrat mit dem Bestreben durchgesetzt, Brenders Vertrag nicht mehr zu verlängern.

Der im März nach zehn Jahren ausscheidende ZDF-Chefredakteur wird zitiert, in der Union gebe es "ein dunkles Schattenreich, das sich im Verwaltungsrat eingenistet hat und ihn mittlerweile zu dominieren versucht". Nun sei auch das ZDF beschädigt. Der ganze Vorgang habe der Glaubwürdigkeit der Öffentlich-Rechtlichen einen schweren Schlag versetzt, sagte Brender dem Hamburger Nachrichtenmagazin.

Karslruhe soll entscheiden

Indirekt begrüßte er die von den Grünen angekündigte Klage in Karlsruhe gegen den ZDF-Staatsvertrag. Das Bundesverfassungsgericht sei nun "die einzige Institution, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Staatsferne, Form und damit Zukunft sichern kann", sagte Brender. Schließlich drohe parteipolitische Methodik gerade den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu okkupieren. Er prangerte "das Denken in Mehrheits- und Minderheitsmustern sowie in Freund- Feind-Schemata, Fraktionszwang, intransparentes Hinterzimmergeklüngel" an. Das alles dürfe es im Journalismus nicht geben.

Persönlich zeigte sich Brender "erleichtert", dass seine Amtszeit jetzt zu Ende gehe. "Es fällt eine große Last von mir ab", hob er hervor. Er selbst tauge nicht zur Ikone und wisse, dass er auch intern bisweilen mit seinem Führungsstil angeeckt sei. "Einigen bin ich auf die Füße getreten. Das bringt der Job mit sich", resümierte Brender. "Ich wollte hier Kämpfer, keine Schlappschwänze." Zu seiner Zukunft sagte der scheidende Chefredakteur, er selbst sortiere jetzt erst mal Angebote, könne aber wohl "vom Journalismus nicht lassen". In öffentlich-rechtlichen Sendern sieht sich der 61-Jährige aber nicht mehr arbeiten. "Das System hat mit mir abgeschlossen. Das werde ich respektieren", sagte er.

APN
 
 
KOMMENTARE (10 von 23)
 
paladin09 (23.02.2010, 13:51 Uhr)
Brender
hat völlig recht und nennt die Dinge beim Namen die sich seit Gründung des öffentlich rechtlichen TV durch Hintertüren eingebürgert hat. Vom ersten Tag des ersten Medienstaatsvertrag an bis heute hat die Politik ihren Einfluss und macht auf die Medien, besonders des Fernsehens ständig weiter ausgebaut und wo Gesetze dem im Wege standen eben Wege und Mittel gefunden durch die Hintertüren zusätzlichen Einfluss zu gewinnen. Niemand bei der ARD oder ZDF würden das jemals öffentlich bestätigen. Intendanten und Programmdirektoren gehören selber alle eine der großen Parteien an und haben ein öffentlich rechtliches Fernsehen installiert was dem Beamtenrecht an Vorteilen - Dienstwagen - Bezügen - Gehältern - Pensionen weit übertrifft. Ganz nach dem Motto: Der Gebührenzahler zahlts doch! Da diese Entwicklung von allen Parteien die in den Gremien der öffentlich rechtlichen mit vertreten sind in jeder Form unterstützt haben wird niemand aus den Gremien gegen die mitbestimmende Macht der Politik etwas ausplaudern. Außer man heißt Brender und wurde von der CDU gerade gefeuert!
Tempelhofer (22.02.2010, 20:12 Uhr)
@ OneSizeFitsAll
Und die werde ich auch weiter äußern.
OneSizeFitsAll (22.02.2010, 12:38 Uhr)
@Tempelhofer
Ich stimme Ihnen hinsichtlich der Meinungsfreiheit zu 100% zu. Sie ermöglicht es ja auch selbst Ihnen der irrigen Auffassung zu sein, eine Meinung zu haben und diese auch zu äussern :-)
Tempelhofer (22.02.2010, 10:23 Uhr)
@ OneSizeFitsAll
Was Sie als "selektive Wahrnehmung" bezeichnen, ist nichts weiter als mein demokratisches Recht auf meine eigene Meinung innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft.

Finden Sie sich mit der Meinungsfreiheit ab. Sie werden noch öfter damit rechnen müssen, dass Menschen Ihnen öffentlich widersprechen.
OneSizeFitsAll (22.02.2010, 10:17 Uhr)
@Tempelhofer
In Ihrer Individuationsphase scheint es einige merkwürdige Wendungen gegeben zu haben. Ist Ihre selektive Wahrnehmung ein Resultat davon?
Brender macht keinerlei Personkult um sich. Sie, Tempelhofer machen einen Personenkult um die Staatsratsvorsitzende
Tempelhofer (22.02.2010, 09:15 Uhr)
Brender
Mit diesen polemischen Beschuldigungen zeigt Brender nur, dass er für sein bisheriges Amt wirklich nicht mehr der geeignete Mann war.

Der Leiter einer Chefredaktion hat Teil eines Teams zu sein, und sollte nicht anfangen, sich einen selbstherrlichen Personenkult zu basteln.
snoopy3 (21.02.2010, 15:31 Uhr)
@Pijey
Wußten Sie übrigens schon, daß die Verstaatlichung der bundesdeutschen Schlüsselindustrien nicht von der SED, sondern von der CDU Konrad Adenauers gefordert wurde , andererseits Ihre Merkel bis zur Wendezeit FDJ-Funktionärin für Agitation und Propaganda war und der Spitzensteuersatz Ihres sogenannten Einheitskanzlers Helmut Kohl vor gerade mal zehn Jahren noch 53 Prozent betrug?
Ich habe den Steuerbetrüger Kohl bewußt als sogenannt bezeichnet; denn letztendlich hat ein Willy Brandt - als Vaterlandsverräter v. Adenauer u. Ihrergleichen Mischpoke benannt - eine Wiedervereinigung ermöglicht.
In der CDU/CSU vereinigten sich doch nur die ehemaligen NSDAP-Mitglieder und später die CDU-Mitglieder der Volkskammer.
Die CDU/CSU/FDP sind doch die traditionellen Parteien der - Wendehälse - und Seilschaften!
mackeldei (21.02.2010, 13:52 Uhr)
@dreicon
Zur Ehre von Brender muss gesagt werden , dass er einmal sogar Schröder in die Schranken wies. Schröder war darüber sehr erstaunt ,weil er dies von seinem Zögling nicht erwartet hätte. Das ZDF war unter Brender weitgehend neutral , im Gegensatz zur ARD.
OneSizeFitsAll (21.02.2010, 13:41 Uhr)
Koch ist ein Schmock!
"Traue niemandem und jedem alles zu."

Maseltov, Herr Brender
dreicon (21.02.2010, 12:05 Uhr)
@koj4511 (20.02.2010, 18:25 Uhr)
Aber Demokratie sollte nicht heißen, daß selbst der Lüge überführte Politiker und ihre Machtcliquen sich ungeniert über alle Regeln des Anstandes und der Moral zu Eigennutz hinwegsetzen können.
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