Vom Träumen und Töten

18. März 2013, 09:57 Uhr

Mit dem Publikumserfolg "Unsere Mütter, unsere Väter" über junge Menschen im Zweiten Weltkrieg wagt das ZDF ein anderes Geschichtsfernsehen. Wahrhaftig und mitfühlend, aber es spricht niemanden frei. Von Stefan Schmitz

Zweiter Weltkrieg, ZDF, Unsere Mütter, unsere Väter, Dreiteiler

Schauspieler Tom Schilling als Soldat Friedhelm Winter in der Schlacht um Kursk.©

Es werden keine Großschauspielerinnen aufgeboten, die sich in Heino-Ferch-Typen verknallen; es gibt keine Schnulze inmitten von Gefahr und Rauch. Sondern echtes Leben. Fünf junge Leute ziehen in den Zweiten Weltkrieg, leiden und töten. Sie werden verfolgt. Sie lassen sich mit dem System ein, aus jugendlichem Überschwang und aus kalkulierter Geltungssucht. Es sind ganz normale Menschen. Fünf Freunde. Unfassbar jung sind sie, als im Jahr 1941 mit dem Angriff auf die Sowjetunion der Krieg eskaliert. Um Abschied zu feiern, treffen sie sich in einer Kneipe. Dann trennen sich ihre Wege. Als die Überlebenden vier Jahre später wieder zusammenkommen, ist keiner von ihnen mehr jung. Getanzt und gelacht, wie in der Sommernacht 1941, wird nicht mehr.

Der Film von Drehbuchautor Stefan Kolditz und Regisseur Philipp Kadelbach zeigt Wahnsinn und Gewalt. Spannend ist er obendrein. Zurück bleibt das Gefühl, dass es in einem echten Krieg mit echten Menschen schwerer ist, gut und böse zu unterscheiden als bei Karl May. Und die eigentlich banale Erkenntnis, dass viele der Handelnden in diesem Krieg jung und unfertig waren. Wie alle jungen Menschen haben sie geschwärmt und geschwankt. Sie wollten es der Welt zeigen, aber waren sich der Richtung nicht so sicher. 1941 war das sehr gefährlich und konnte in Tod, Verhängnis und unfassbare Schuld führen.

Der Horror des Krieges ist allgegenwärtig

Friedhelm etwa, einer der fünf Freunde, zieht bepackt mit seinen Büchern an die Front. Er will erst nicht kämpfen. Wenig später ist er es, der anregt, eine Gruppe Zivilisten durch einen verminten Sumpf zu jagen, um so den Marschweg für die eigenen Leute freizubekommen. Bald darauf fliegen Männer, Frauen und Kinder in die Luft.

Vor dieser Szene zeigt Kameramann David Sláma in Großaufnahme das Gesicht von Tom Schilling, der grandios den Friedhelm spielt. Die Augen sind weit, der Horror allgegenwärtig. Als er die Zivilisten in den Tod treibt, stirbt auch in ihm etwas. Sláma, der auf die 70 zugeht, kommt aus Tschechien, ein Antifaschist wie sein Vater, der von den Nazis verfolgt wurde. Als der Film fertig war, schrieb er eine E-Mail an die Kollegen: Er habe mitgelitten mit den jungen Protagonisten - und das, obwohl deren Schuld in keiner Weise relativiert worden sei. Darum ging es den Machern.

Alles ist nah an der Lebenswirklichkeit der Kriegsjahre erzählt. Gewollt wirkt die Dramaturgie nur, wenn die Protagonisten sich wider alle Wahrscheinlichkeit irgendwo in Russland treffen. Egal. Im Betrachter kommen andere Fragen hoch: Kann das sein? War das die normale Erfahrung eines Soldaten im Osten? Einer Krankenschwester im Lazarett? Eines Juden im polnischen Untergund?

Zweiter Weltkrieg, ZDF, Unsere Mütter, unsere Väter, Dreiteiler

Katharina Schüttler spielt Greta, eine Sängerin, die sich um der Karriere willen mit einem Gestapo-Mann einlässt.©

Es war ein Projekt, knapp 14 Millionen Euro teuer, das mehr als einmal vor dem Aus stand. Und das am Ende davon profitierte, dass es bis zur Fertigstellung endlos lange gedauert hat. Vor fünf Jahren hätte ein solcher Film die Instanzen des ZDF niemals durchlaufen - manche wundern sich, dass es jetzt geklappt hat.

Wer den Produzenten Nico Hofmann dieser Tage trifft, sieht ihn hochnervös. Er hat über Jahre mit seiner Firma Teamworx das Bedürfnis nach historischen Fernsehfilmen bedient. Er hat alte Haudegen wie den Feldmarschall Erwin Rommel zum Leben erweckt, Maria Furtwängler auf eine dramatische Flucht aus Ostpreußen geschickt, Dresden untergehen lassen. Jetzt sagt Hofmann: "Wenn der Film sich nicht bei den Zuschauern durchsetzt, sind solche Produktionen in dieser radikalen Qualität erst mal nicht mehr möglich." Wenn es aber klappe, sei bewiesen, dass auch bei uns so hart erzählt werden kann, wie es die gefeierten Serien aus dem Ausland tun. Der Erfolg des ersten Teils macht Hoffnung: 7,22 Millionen schalteten ein.

Die nächsten Teile von "Unsere Mütter, unsere Väter" laufen 18. und 20. März jeweils um 20.15 Uhr im ZDF. Wenn Sie den ersten Teil verpasst haben, können Sie sich den Film in der ZDF-Mediathek ansehen.

P.S.: Alle aktuellen Infos und Livekommentare zu Ihren Lieblingsserien und TV-Sendungen finden Sie ab jetzt bei "stern Sofa", unserem neuen Kanal auf Twitter.

Zum Thema
Kultur
stern TV-Programm
Kostenlos downloaden: stern TV-Programm für iPhone, iPad und Android-Smartphones und -Tablets Mehr Infos über die App
 
Humor
Tetsche, Haderer, Mette und Co. Tetsche, Haderer, Mette und Co.
 
TV-Tipps des Tages
Empfehlungen aus der Redaktion Empfehlungen aus der Redaktion
 
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von harun: Mein Hund hat Angst vor der Fahrt

 

  von Gast: darf ich den feuermelder drücken bei einer schlägerei im zug

 

  von maily: Beschäftigung von Rentner

 

  von dorfdepp: Wird es in 20 Jahren noch LKW-Fahrer, Lokführer und Piloten geben?

 

  von bh_roth: Win 8.1 Energiesparen

 

  von Gast: WARUM FÜHREN MANCHE KAPSELN ZUR VERSTOPFUNG?

 

  von Gast 98746: Chiptuning Mercedes Benz E 200 T CDI Erstzulassung 06/13

 

  von BitteFreundlich: Welcher Körperteil ist am häufigsten von Osteochondrose betroffen?

 

  von Gast 98742: Altmietvertrag aus der ehemaligen DDR

 

  von Gast: Das iPhone meiner Freundin hat ne seltsame Macke. schwarzer Bildschirm. anrufe kommen rein, man...

 

  von Amos: Muß die Frage nochmal stellen: Überweisung per Online-Banking auf ein Unterkonto bei derselben...

 

  von Gast: Stern-Sudoku-Gewinnspiel

 

  von Gast: Kann man Handelsübliches Jodsalz in ein Fußsprudelbad geben wenn die Haut verletzt ist?

 

  von Gast: zerbrochene Fensterscheibe

 

  von Amos: Wenn zum Bau eines Hauses Wasser aus einem städtischen Hydranten entnommen wird: wie wird das...

 

  von Der_Denis: Kunststoff - warum so schlechtes Image

 

  von Gast 98682: Wenn ich ein Konto in der Schweiz eröffne, wie hoch ist die Mindesteinlage?

 

  von Gast 98680: Welche Programme gibt es für Zuschüsse an gemeinnützige vereine

 

  von Gast 98676: Führerschein vergleischen

 

  von Amos: Mineralwasser aus dem Schwarzwald nennt sich Black Forrest: ist das ein Gag, ein MIßgriff oder...