Nichts trinken die Deutschen lieber als eine Tasse Kaffee. Doch das Lebensmittel interessiert sie kaum die Bohne. Sie kaufen ihn, wenn er billig oder als Lifestyle-Produkt völlig überteuert ist. Von Henry Lübberstedt

Kaffee: für die meisten Deutschen eine Zweckgemeinschaft© Colourbox
In einem halbwegs gut sortierten Supermarkt gibt es zwei gegenüberliegende Regalreihen für Weine. Da steht ein Merlot neben einem Pinot, die wiederum teilen sich die Fläche mit Rieslingen, Chardonnays und späten Burgundern. Wer jetzt denkt, die Deutschen müssten ein Land von Weintrinkern sein, der irrt: Wir sind eine Nation der Kaffeetrinker. Rund 153 Liter Kaffee tranken die Deutschen 2009 pro Kopf. Wein hingegen nur knapp 30 Liter. Die intensive Beziehung zum Koffein fällt im Supermarktangebot kaum auf. Auch wenn sie ihn gern trinken, ist Kaffee für die Deutschen ein uniformiertes Massenprodukt. Großröster wie Jacobs, Tchibo, Melitta bestimmen mit ihren Mischungen den heimischen Kaffeegeschmack. Und der richtet sich trotz aller Begeisterung für Espresso und Co. am Filterkaffee aus.
Die Vielfalt ist begrenzt auf kräftig, stark, mild und entkoffeiniert. Und natürlich hat jeder Großröster eine edle Bohne im Programm, eine Mischung besonderer Qualität und Güte. "Die Zahl dieser 'Blends' lässt sich kaum noch steigern," sagt Holger Preibisch, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Kaffeeverbandes in Hamburg. Steigern ließe sich noch die Verbreitung der verschiedenen Zubereitungsarten. Und auch an mehr Fachinteresse der Verbraucher am Naturprodukt Kaffee sei man interessiert.
Ein Blend ist ein Verschnitt aus unterschiedlichen Kaffeebohnen. Die meisten Kaffees sind Mischungen. Kommen die Bohnen aus einem Anbaugebiet, nennt man den Kaffee "Single Origin". Eine Mischung ist nichts Schlechtes. Ganz im Gegenteil. Erst aus der Komposition verschiedener Bohnen entstehen die einzigartigen Aromen. Mit ihren Mischungen geben die Großröster den bundesdeutschen Massengeschmack vor. Ob nun "Jacobs Krönung", "Melitta Harmony" oder "Tchibo Beste Bohne". Die hohe Kunst der Großröster ist es, diese Geschmacksrichtungen immer wieder so herzustellen, dass der Kunde sich auf seine Kaffeesorte verlassen kann.
"Kaffee ist ein Naturprodukt mit vielen Risiken. Mal fällt die Ernte durch Schlechtwetter mager aus oder ist nicht in der gewohnten Qualität vorhanden", sagt Preibisch. Und gelegentlich könne eine Ladung auch wegen instabiler politischer Verhältnisse mit Land im Hafen oder auf der Plantage bleiben. Kaffee wächst auf der Erde zwischen 30 Grad nördlicher und 30 Grad südlicher Breite – genau in jenem Gürtel also, in dem viele Entwicklungsländer liegen wie zum Beispiel Angola, Ruanda, Äthiopien aber auch Kolumbien oder Kambodscha.
Die Großröster müssen also aus dem, was da ist, stets eine kontinuierliche Qualität erzielen. Das ist der Job der Einkäufer, Röster und Kaffeetester. Letztere sind die Mitarbeiter mit dem absoluten Geschmackssinn. Sie sind sozusagen die Kronjuwelen eines jeden Großrösters. Sie prüfen die eingegangene Ware und erschmecken, welche Bohnen in welchem Verhältnis gemischt werden müssen, damit wieder eine zum Beispiel "Krönung" herauskommt. "Manchmal hält eine Mischung für ein paar Monate vor, manchmal muss jede Woche neu gemischt werden", sagt Preibisch. Bis zu 150 Tassen Kaffee pro Tag spülen die Tester über ihre Geschmacksknospen, um sie dann sogleich wieder auszuspucken.