Als Robbie Williams drei Jahre alt ist, fährt sein Vater zu einem Fußballspiel ins Wembley-Stadion nach London und kommt nicht mehr zurück. Stattdessen beginnt er eine Karriere als Alleinunterhalter für Gäste in Ferienanlagen und Hotels. Die Ehe zerbricht. "Rob hat die Trennung nie wirklich überwunden. Er sprach oft von seinem Vater. Er hielt ihn für einen echten Star, obwohl er eigentlich nur in Hotelbars auftrat. Ich glaube, er wollte Popstar werden, um seinem Vater nachzueifern und ihn zu beeindrucken", sagt Zoë Hammond, die ein paar Jahre lang mit Robbie Williams im Ensemble eines kleinen Theaters gespielt hat.
"Die Show liegt mir einfach im Blut", sagt Pete Conway heute, ein alter Herr mit grauen Locken. "Vielleicht habe ich das auch meinem Sohn vererbt. Er konnte schon mit drei Jahren perfekt Margaret Thatcher imitieren."
Die eiserne Lady ist die erste Rolle, die Robbie Williams in seinem Leben spielt. Es werden noch viele folgen: mal Clown, mal Macho, mal Muttersöhnchen, mal Abstinenzler, mal Junkie. Und je besser das Rollenspiel funktioniert, je exzessiver er lebt, desto mehr scheint Robert Peter Williams die Verbindung zu sich selbst zu verlieren. In einem ehrlichen Augenblick hat er mal gesagt: "Wer ich bin, weiß ich immer noch nicht. Nur eines glaube ich wirklich zu sein: höchst unterhaltsam."
Den privaten, widersprüchlichen Robbie soll niemand sehen. Er hat einen Schutzwall um sich aufgebaut. Selbst sein Vater, Pete Conway, bittet nach einem kurzen Gespräch darum, sich an das Robbie-Williams-Management zu wenden. "Bitte verstehen Sie, ich möchte keinen Ärger mit Robbie." Auch Schwester Sally und Mutter Jan dürfen ohne Erlaubnis des Managements nichts sagen.
Das Haus in der Greenbank Road ist ein gepflegtes Einfamilienhaus mit Blumenkübeln neben der Eingangstür. Bis er mit Mitte 20 nach London zog, wohnte Robbie Williams hier. Also auch noch zu der Zeit, als er mit Take That bereits ein Star war. Wenn Robbie im ersten Stock aus dem Fenster seines Zimmers schaute, sah er auf den Betonparkplatz eines Pubs, des Ancient Briton. Jahrelang campten auf dem Parkplatz ständig Fans aus aller Welt, die herbeigereist waren, um einen Blick auf den Coolsten der Boygroup Take That zu erhaschen. Oder vielleicht auch ein bisschen mehr. Es soll oft vorgekommen sein, dass Robbie sich ein Mädchen aus der Menge herauspickte und mit ins Schlafzimmer nahm. Das ging aber nur, wenn Mutter Jan Williams außer Haus war, denn "die bewachte ihren Robbie wie ein Drache", sagt Fiaz Alam, ein ehemaliger Schulkamerad. "In der Schule hatte er nicht viel Glück bei den Mädchen, erst mit Take That änderte sich das." Es ist die Rolle des Popstars, aus der Robbie Williams sein Selbstbewusstsein schöpft.
Klassenfreund Fiaz Alam, ein kleiner Bursche mit dunklen Augen, erinnert sich noch daran, wie einmal ein Helikopter auf dem Parkplatz des Ancient Briton landete. Heraus sprangen Robbie Williams und sein Take-That-Kollege Mark Owen. "Sie waren auf dem Weg zu einem Konzert nach London und wollten vorher noch ein paar Runden Pool im Ancient Briton spielen. Das war typisch für Robbie. Er hat immer den großen Auftritt gesucht", sagt Fiaz, der heute mit einem Friseurladen sein Geld verdient. "Ich weiß noch, wie er mal aus dem Ancient Briton flog, weil er rumpöbelte. Beim Rausgehen schrie er: 'Eines Tages werde ich diesen Scheißladen kaufen und verscherbeln!'"
Robbie Williams konnte aber nicht nur großmäulig sein, sondern auch charmant - und äußerst unterhaltsam. "Wenn er es wollte, konnte er den ganzen Pub bei Laune halten", sagt Fiaz. Er stellte sich dann einfach unter den großen Kronleuchter, der in der Mitte vom Ancient Briton hängt, und begann zu singen. Frank Sinatra oder John Travolta. Selbst einige seiner Lehrer erkannten sein Showtalent. Doch statt es ernst zu nehmen und zu fördern, machten sie sich lustig. "Robbie, vergiss die Französischvokabeln, das wird nichts! Steh auf und sing ein bisschen Sinatra für uns."
Doch Robbie reichte es nicht, den talentierten Clown in der Kneipe zu spielen. Seine künstlerischen Neigungen konnte er allerdings kaum ausleben. Unter den Arbeiterjungs der Nachbarschaft durfte man nicht schöngeistig sein, sondern musste sich als echter Kerl behaupten. Als einer, der ohne Gleichgewichtsstörungen 15 Gläser Bier an einem Abend in sich hineinschütten kann. "Er vertrug so einiges", sagt Fiaz. Seine andere Seite versteckte Robbie Williams so gut es ging. Er las gern Liebesgedichte und lernte sie auswendig, eine Zeit lang nahm er angeblich sogar Ballettunterricht. Nicht unbedingt die Welt eines Arbeiterjungen.
Fiaz sagt: "So was hat er geheim gehalten. Ich glaube, es war ihm peinlich. Er wollte ein cooler Hund sein und hat sich hinter derben Witzen versteckt. Erst als er bei Take That anfing, haben wir begriffen, dass er schon lange für seine Auftritte geübt hatte. Er war schon der perfekte Entertainer, bevor alles losging. Das lag an seiner Mutter. Die war sehr fordernd, sie fuhr ihn zu jedem verdammten Vorstellungstermin in jedem Theater in der Gegend." Mit Erfolg: Bereits mit 14 Jahren spielte Williams den Gauner Artful Dodger im Musical "Oliver Twist".
An seiner alten Schule, der Magaret Ward Catholic School, sind heute natürlich alle stolz auf den ehemaligen Schüler, der jetzt in einer Villa mit 26 Zimmern in Los Angeles lebt. Der 13-jährige Jack sagt: "Unsere Lehrer sprechen von ihm wie von einem Gott." Doch öffentlich darf hier über Gott nicht mehr geredet werden. Seit Robbie Williams 50.000 Pfund für ein neues Musikgebäude gegeben hat, das den hochtrabenden Titel "The Robert 'Robbie' Williams Performing Arts Suite" trägt, herrscht Schweigen. Sonst gibt es Ärger mit dem Management.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 42/2005