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26. März 2006, 09:00 Uhr

Das offene Geheimnis Paris Hilton

Sie ist hübsch, steinreich - und wirkt trotzdem so unglücklich. Unterwegs mit der berühmtesten Millionärstochter der Welt.

Armes, reiches Mädchen: Geld-Prinzessin Paris Hilton bettelt an den Toren der Society um Einlass© David Livingston/Getty Images

Es ist einer dieser verdammt kalten Tage in München, und Paris Hilton merkt schnell, dass die Kälte und ihr Marketing kollidieren. Für eine Viertelstunde, sagt sie, will sie da hineingehen in diesen Saal mit 100 Fotografen und Journalisten, für eine Viertelstunde will sie die dicke Wolldecke ablegen und in einem hellgelben Fähnchen von Sommerkleid so tun, als sei das Leben ein Sommer. Das ist ihr Marketing: die mildbraunen nackten Schultern zeigen, die blonden Haare in Architektur, um den Mund dieses sparsame reiche Lächeln und die Augen immer ein Achtel geschlossen, ein Blick zwischen Gnade und Gleichgültigkeit. Und so sitzen sie zusammen wie zwei Missverständnisse - Münchner Journalisten und Paris Hilton. Die einen in Pullovern und lilafarbenen Steppjacken, die andere im hellgelben Etwas, und folgt man der Unterhaltung, wissen eigentlich beide Seiten nicht, was sie hier sollen. Aber da ahnt man schon das erste Betriebsgeheimnis von Paris Hilton - niemand weiß, warum, und dennoch wollen alle etwas über sie wissen.

Wenn man sich denn verstehen würde. Da fragt eine Reporterin, was sich Paris denn zum Geburtstag wünsche. Die überlegt einen Moment, "hmm, ich denke, einen roten Ferrari". Ah, murmeln alle und schreiben "roter Ferrari" in ihre Notizblöcke. Die wahre Nachricht ist ihnen entgangen, denn Paris Hilton hat bereits einen quietschig lilafarbenen Ferrari, das Logo, den springenden Mustang, mit Diamanten verziert. Aber irgendwer muss ihr gesagt haben, dass Lila und Ferrari und Diamanten bad taste sind, und deshalb soll es jetzt ein roter klassischer sein.

Sie kann nicht ohne, trotzdem hasst Paris die "fucking writer"© Jan Pitman/Getty Images

Mit Paris als Werbefigur Klicks verdreifacht

Paris Hilton ist gekommen, um ihr Gesicht und die paar Worte für "Go Yellow", eine Internetauskunft, abzuliefern. Klaus Harisch, Geschäftsführer von "Go Yellow", hat sich Paris Hilton ausgesucht, "weil sie einer der meistgesuchten Namen im Internet ist und weil mir keiner glauben wollte, dass ich es schaffe", sagt Harisch. Und seit Hilton und "Go Yellow" irgendwie zusammengehören, haben sich die Yellow-Klicks im Netz verdreifacht. Doch nach einer Viertelstunde sieht man, wie ganz leichte Gänsehaut über den mildbraunen Teint zieht, und als im Saal die Fragen noch tiefer gelegt werden, zuckt es einmal kurz auf der samtglatten bewegungsarmen Haut des Gesichtes. Ob sie ihren Freund bald heiraten werde, will jemand wissen. Nein, dafür bin ich zu jung, sagt Paris knapp. Drei Minuten später schwebt sie elfengleich hinaus, fünf Minuten später ist Schluss mit lustig.

Paris Hilton stampft durch die runden Gänge der Büroetage, sie sagt mit unglaublich tiefer, fast dreckiger Stimme "fucking" und noch mal "fucking" und dann noch etwas Unanständiges, was man hier nicht drucken kann. Sie versucht eine Tür zuzuknallen, die aber nur gedämpft ins Schloss schlurft. Sie will einen Aschenbecher, aber nein, Rauchen ist hier streng verboten. Paris Hilton marschiert wieder herum, ein mit Swarovski-Kristallen bezogenes Sidekick-II-Handy am Ohr, Standleitung nach London oder New York, abwesend murmelt sie hinein. Das Handy am Ohr ist ihr natürlichster Aggregatzustand, selbst wenn sie es weglegt, bleibt der Kopf leicht nach links geneigt. Jetzt sagt sie wieder "fucking", die "fucking writer" wolle sie nie wieder sehen. Wie konnte nur jemand nach ihrem Freund fragen - dem griechischen Reederei-Erbe Stavros Niarchos! Sie habe Liebeskummer und Streit, vergangene Nacht in Miami wieder Krach, und nun fragt hier in, äääh, ja, München so eine Tusse, ob sie ihn heiraten werde. Alle haben jetzt Angst um den Tag, Paris Hilton soll am Nachmittag noch zu Loden-Frey, man wolle ihr ein Dirndl schenken, aber jetzt sieht es aus, als ob sich Paris den Tag schenken würde. Auch die Superreichen haben Liebeskummer.

Sie ist ein Party-Girl, das Feiern als Arbeit deklariert: Paris beim Abtanzen, im Vordergrund ihr Freund Stavros Niarchos© Kevork Djansezian/AP Photo

Sie macht gar nichts - nur sich selbst

Ein paar Tage später wird sich Paris Hilton auf wireimage.com anschauen, wo sie da eigentlich war. Die Internetseite ist eine ihrer Gedächtnisstützen, wenn sie ein wenig den Überblick verliert, und das passiert oft. Nur bei Paris Hilton kann die Bilderdatenbank jeden Tag ein Foto von einem anderen Ort liefern, Miami, München, London, New York, Los Angeles. Paris schleppt ihr Gesicht mehrmals im Jahr um die Welt, in Japan ist sie ein Superstar, in Australien drehen die Menschen durch, wenn sie da ist. Google findet 45 000 000 Treffer, nur übertroffen von Britney Spears, aber die besingt Platten und hat ein Baby. Paris Hilton macht gar nichts, nur sich selbst. Und sie hasst es, wenn man das sagt. "Nein, ich gehe eigentlich wenig auf Partys, nur wenn ich arbeiten muss", sagt sie, und in der Bilderdatenbank sieht man, wie viel sie an ihrer Selbstvermarktung arbeitet. Dabei, denkt sich jetzt jeder, muss sie das doch gar nicht. Geschätzte 30 Millionen Dollar Anteil am Familienerbe warten jeweils auf Paris Whitney Hilton und ihre Schwester Nicky, ein Reichtum, den ihr Urgroßvater Conrad Hilton 1919 mit dem Kauf einer Pension für Ölarbeiter in Texas pflanzte und den ihr Großvater William Barron Hilton mit Casino-Lizenzen in Las Vegas multiplizierte.

Das Geld der Hiltons ist lautes Geld

Aber Geld hat eben auch Stilgeschichte, und in der amerikanischen Millionärselite ist das Hilton-Vermögen lautes Geld, aufgeschaufelt von einem religiös erzogenen Emporkömmling, der sich mit Zsa Zsa Gabor verheiratete und dessen Sohn Conrad jr. ebenso lärmend mit Dollars um sich warf und vorübergehend Elizabeth Taylor ehelichte. Paris' Vater Rick heiratete Kathy Richards, einen TV-Star, vier Kinder kamen zur Welt, eines davon Paris, benannt nach ihrem Zeugungsort, wie die Eltern früher gern erzählten. Was die richtig Reichen für ziemlichen bad taste halten. "Sie haben eben all die Dekorationen von Wohnwagenbewohnern, die im Lotto gewonnen haben. Sie schaffen es wirklich, viel Geld billig aussehen zu lassen", kommentiert George Mair in seinem Buch "Paris Hilton" den Lebensstil der Familie. Paris und Nicky verbrachten ihre Kindheit im New Yorker Waldorf Astoria, eine "Room-Service-Kindheit", wie Paris einmal sagte. Und als sie dann mit 18 und 19 anfing, Dauergast auf Partys zu sein, als sie sich selbst herumreichte, war das unter Amerikas Elitekindern wieder dummer Reichtum, den Paris mit zickigen Beschimpfungen von Kellnern - "Wissen Sie nicht, wer ich bin???!" - krönte. Sie war in Amerikas dezenter Ostküstenaristokratie schon als Teenager eine "misfit", eine nicht gesellschaftsfähige Blondine, die zu viel feiert, zu viel Haut und Busen zeigt und einen "beinahe Mitleid erregenden Hunger nach Anerkennung hat", wie George Mair schreibt. Eine worldwide Cora Schumacher könnte man sagen.

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