Getrieben von Demütigungen und Verletzungen, hat er es vom Pausenclown zum größten Pop-Entertainer der Gegenwart gebracht. Wer wissen möchte, was Robert Peter Williams zum Superstar werden ließ, muss dorthin fahren, wo er herkommt - in die englische Arbeiterstadt Stoke-on-Trent. Von Hannes Ross

Der perfekte Entertainer: Am 21. Oktober erscheint sein neues Album "Intensive Care"© Sören Stache/DPA
Der Mann, der behauptet, Robbie Williams das Leben gerettet zu haben, heißt Yasar Karim und verkauft Kebab. Es war ein Dienstagabend, daran erinnert Yasar sich noch genau. Er wollte gerade seinen Imbiss dichtmachen, und draußen hatte es mal wieder geregnet, so wie es eigentlich immer regnet, in Stoke-on-Trent in Mittelengland. Da kam Robbie rein. Die Baseballmütze über die Augen gezogen, das Gesicht blass wie ein Bettlaken. "Seine Hände zitterten, als er seinen Kebab aß", sagt Yasar, ein paarmal sei ihm das Fleisch von der Gabel gefallen. Er habe gejammert, dass er alles verloren habe, das Geld, den Ruhm, seine Band Take That. In diesem Moment wurde Yasar zum Retter. "Ich habe ihn an den Schultern gepackt und durchgeschüttelt! Ich habe gesagt: "Hey, du bist groß, du siehst toll aus! Du kannst singen, tanzen und die Leute zum Lachen bringen. Geh nach London und such dein Glück."
Yasars dunkle Augen glänzen vor Stolz. "Schau dir an, was aus ihm geworden ist! Das kannst du ruhig schreiben: Ich, Yasar Karim, habe Robbie Williams davor bewahrt, als Säufer in Stoke-on-Trent zu enden!"
Das Ganze ist zehn Jahre her, aber Yasar erzählt davon, als sei es gestern passiert. Neben seinem Kebabgrill hat er einen Zeitungsartikel an die Wand geklebt, in dem Robbie Williams von seinem Imbiss "Sinbad's Takeaway" schwärmt. Der Zeitungsartikel ist kaum noch lesbar, verklebt vom Fett und verblichen vom Sonnenlicht, aber Yasar will ihn nicht abnehmen. Die Welt soll sehen, dass selbst der große Popmillionär mit Privatkoch seine Kebabspieße zu schätzen weiß. Doch wann war Robbie das letzte Mal hier? "Oh, das ist schon drei, vier Jahren her", sagt Yasar. "Aber damals ist Robbie nicht einmal aus seiner BMW-Limousine ausgestiegen. Er hat einen Assistenten geschickt, um das Essen zu holen."
Es gibt in Stoke-on-Trent nicht besonders viel, worauf man stolz sein kann. Eine Arbeiterstadt mit gut 240000 Einwohnern, gelegen zwischen Manchester und Birmingham. Wer mehr vom Leben will als ein paar Kneipen, Pizza-Hut und eine zerfallene Keramikfabrik am Stadtrand, der macht, dass er hier wegkommt.
Nur zwei Menschen aus Stoke-on-Trent haben es bisher zu Weltruhm gebracht: Der eine ist Kapitän Edward John Smith, der die "Titanic" versenkte. Der andere ist Robert Peter Williams, der als Robbie Williams zum derzeit größten Popentertainer der Welt aufgestiegen ist. Seine Geschichte klingt wie ein Popmärchen: ein Junge aus dem Arbeitermilieu mit Leseschwäche, der davon getrieben wird, dass ihn alle Welt unterschätzt. Der alles tut, um Anerkennung und Ruhm zu bekommen. Der 1990, da war er 16, über eine Zeitungsanzeige in eine Boygroup namens Take That kommt, mit der er ebenso berühmt wie unglücklich wird, weil ihn niemand als Künstler ernst nimmt, sondern nur als singende und tanzende Marionette der Plattenfirma sieht. Der 1995 wegen seiner Eigensinnigkeit aus der Gruppe fliegt, von der Welt fallen gelassen wird und diesen Liebesentzug mit Kokain und Alkohol bekämpft, bis er sich damit fast umbringt. Der den Drogen entsagt und, getrieben von seinen Demütigungen und Verletzungen, die strahlende Popfigur Robbie Williams erfindet.
In dieser Rolle ist er mittlerweile unantastbar: Er hat weltweit 38 Millionen Tonträger verkauft. Und auch seine neue CD "Intensive Care" gilt schon vor der Veröffentlichung als Verkaufsschlager des Jahres. Wer die Hysterie um Robbie Williams verstehen will, der muss ihn auf der Bühne gesehen haben.
Der 31-Jährige ist ein Entertainer, der es wie kein anderer versteht, mit Charisma und typisch britischem Humor die Massen zu verzaubern. Robbie Williams hat stets ironischen Abstand zu seiner Rolle als Superstar bewahrt und kann sich auch auf der Bühne über sich selbst lustig machen. Dafür liebt ihn sein Publikum.
Selten gab es einen Popstar, auf den sich so viele einigen können: Für die Mädchen ist Robbie Williams der verlorene Popprinz, der kein Glück in der Liebe hat, obwohl er doch so verdammt liebenswert ist. Für die Jungs ist er der coole Hund, der Sex, Drugs und Rock'n'Roll lebt und mit Sexaffären von Kylie Minogue bis Nicole Kidman prahlt. Sein älteres Publikum hat er mit Swingmusik eingefangen - sogar Angela Merkel besuchte sein Konzert in Berlin. Doch die Selbstzweifel haben ihn nie verlassen. "Wenn die Welt gerecht wäre, würde ich heute als Säufer in Stoke-on-Trent hocken. Zum Glück ist die Welt nicht gerecht."
Robert Peter Williams wird am 13. Februar 1974 in Stoke-on-Trent geboren. Es ist die zweite Ehe für Pete Conway und Jan Williams, die bereits eine zehnjährige Tochter namens Sally hat. Mutter Williams ist eine clevere Geschäftsfrau. Ihr gehört eine Kneipe, ein Blumenladen, später ein Café, bevor sie hauptberuflich "Mutter von Robbie Williams" wird. Heute wacht sie über seine Charity-Organisation, "Give It Sum", die bisher mehr als eine Million Pfund für soziale Projekte gesammelt hat. Papa Williams dreht ein paar Jahre lang als Streifenpolizist seine Runden in Stoke-on-Trent. Einmal schnappt er ein paar Posträuber auf frischer Tat und wird zum Lokalhelden. Doch das ist Pete Conway zu wenig. Er will viel lieber ein Stand-up-Comedian sein, ein Geschichtenerzähler im karierten Dinnerjackett, der die Leute zum Lachen und Weinen bringt.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 42/2005