Die britische Schauspielerin galt lange als ätherisch schöne Ikone des Kunstkinos. Seit ihrem Oscar interessieren sich plötzlich alle für ihr Privatleben, und sie beweist in gewagten Rollen Mut zur Hässlichkeit. Endlich. Von Matthias Schmidt

Tatsächlich, ein Mensch aus Fleisch und Blut: Tilda Swinton, 47© Marcus Brandt/ddp
Man könnte nun von all ihren früheren, künstlerisch extrem wertvollen Filmen schwärmen. Auch wenn Sachen wie "War Requiem" oder "Female Perversions" die wenigsten gesehen haben. Man könnte sich an all den schlauen Sätzen berauschen, mit denen sie im Laufe ihrer über 20-jährigen Karriere als Muse und Ikone der Kino-Avantgarde ihre Interviewpartner umgarnte. Man könnte sich auch begeistern angesichts ihres Teints, einer alterslosen, aristokratischen Blässe, die so wunderbar passt: zu ihrer britischen Herkunft, zu ihrer uralten Familie mit Schloss in Schottland, zu ihrer Erziehung in einem noblen Mädcheninternat gemeinsam mit der späteren Lady Di.
Um anschließend die üblichen Beschreibungen zu wiederholen, sie sei ein "wandelndes Renaissancegemälde", die "strengere Schwester von Cate Blanchett", eine "hochgewachsene Elfenkönigin, die wie nicht von dieser Welt erscheint". Diese Lobpreisungen stimmen alle und haben doch ihr Haltbarkeitsdatum längst überschritten. Denn in der Zwischenzeit, präziser formuliert am Sonntag, dem 24. Februar 2008, im Kodak Theatre zu Los Angeles, hat Katherine Matilda Swinton einen Oscar gewonnen. Als beste Nebendarstellerin in dem Justizkrimi "Michael Clayton".
Und mit einem Mal war die Frau, die vor acht Jahren nur in den Flieger nach Hollywood stieg, um ihrem Agenten zu beweisen, dass es dort keinen Platz für sie gebe, sozusagen auf einem anderen Planeten gelandet. In der Riege der weltweit bewunderten Großschauspieler. Und - das gehört nun mal dazu - auch in den Schlagzeilen der Klatschmagazine. "Der Liebeszauber des neuen Oscar-Stars", titelte ein People-Blatt, um dann genüsslich zu referieren, dass die fast 50-jährige Frau ihre Zwillinge mit einem älteren, vollbärtigen Maler großzieht und sich dazu einen jungen, dunkellockigen Liebhaber gönnt.

Swinton gewann den Oscar als beste Nebendarstellerin in dem Justizkrimi "Michael Clayton"© Paul Buck/dpa
Plötzlich wurde auf Swinton, die so lange ungestört in ihrer cineastischen Untergrundbahn dahinschuckeln durfte, der grelle Schweinwerfer der öffentlichen Neugier gerichtet. Reagiert sie wie viele Stars, deren Privatleben medial profanisiert wird? Also wütend, stinksauer, stets abwehrbereit?
Aber nein: Tilda Swinton bleibt so eisgekühlt lässig wie die "Weiße Hexe", die sie im Fantasy-Epos "Die Chroniken von Narnia" spielt. "Was ist an solchen Berichten so schlimm?", fragt sie. "Mal abgesehen davon, dass ich das Zeug nicht lese: Es gibt wichtigere Dinge im Leben. Oder wie meine Großmutter sagen würde: Die schlimmsten Dinge passieren auf See." Sie sieht sich in Zukunft nicht als von Paparazzi umlagerter Star. "In dieser Zone bewege ich mich nicht. Die Leute merken schon, welche Signale du aussendest. Gibst du dich der Öffentlichkeit hin, kann es passieren, dass deine Person bald interessanter ist als dein Film. Unter dem Radar zu bleiben bedeutet für den Künstler, besser arbeiten zu können. Aber vielleicht täusche ich mich auch, und Sie werden in fünf Jahren über das lachen, was ich gerade sage."
Selbst wenn sie das in einiger Zeit nicht mehr so locker sehen sollte: Eigentlich konnte Tilda Swinton nichts Besseres passieren als das schlagartige Interesse an ihrer Privatsphäre. Denn dadurch wurde sie endlich heruntergestoßen von ihrem Sockel als unnahbares, androgynes Denkmal des Kunstkinos. Aus der Statue einer asexuellen, reptilienhaften Schönheit wurde ein Mensch aus Fleisch und Blut, der sich dann auch künstlerisch weiterentwickeln durfte.
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Stern
Ausgabe 25/2008