Ökomode muss nicht dröge sein, dachte sich der Geschäftsführer von Hess Natur - und engagierte den Exzentriker Miguel Adrover als Designer. Von Dirk van Versendaal

Brüder im Geiste: Der Designer Miguel Adrover (l.) und sein Chef Wolf Lüdge verkaufen aufregende Mode, die mit sozialer Verantwortung gefertigt wird© Gunnar Knechtel
Auf Mallorca sind sie an schrägen Vögeln so einiges gewöhnt, aber der lange Dünne mit dem Zopf und der Drahtige mit dem Strahlen im Gesicht sind den Passanten dann doch ein paar neugierige Blicke wert. Die beiden, die da an der Gartenmauer des Königspalastes von Palma entlangspazieren, bilden das derzeit erstaunlichste Pärchen der internationalen Modebranche: der Deutsche Wolf Lüdge, Chef des oberhessischen Ökomodeunternehmens Hess Natur, und sein Kreativdirektor Miguel Adrover, ein Exzentriker, Avantgardist, einer der kreativsten Designer des Jahrzehnts.
Adrovers Karriere liest sich wie ein Lehrstück über die Launen des Schicksals, eine Erzählung über Höhenflüge und Abstürze unter den Orangenbäumen auf der Avenida Maura.
Mit zwölf Jahren verließ er die Dorfschule, denn er wurde auf dem Hof der Eltern in Calonge gebraucht, einem Nest in den Hügeln oberhalb des Hafenstädtchens Cala d'Or. Schreiben hat Adrover bis heute nicht gelernt, seine Unterschrift setzt er mit ein paar Kringeln. Sein erstes Buch las er mit 30. Kein Problem, sagt er, er sei "ein visueller Mensch. Ich sehe Dinge, die andere nicht sehen". Als Teenager hörte er Musik, die andere nicht hörten, er trug Kleider, die andere nicht trugen: Miguel war der Dorfpunk, und das bescherte ihm eine wichtige Lektion: "Wer seiner Hemden und Hosen wegen als Penner oder Schwuchtel beschimpft wird, der lernt: Kleidung ist ein Kommunikationsmittel."
Nach dem Militärdienst bereiste er den Amazonas, hielt sich in London als Hotelputzmann über Wasser und zog 1991 nach New York, wo er die Flure eines 18-stöckigen Bürohauses schrubbte, bis er mit einem Lungenkollaps zusammenbrach. Drei Wochen nach seiner Notoperation befreite er sich von seinen Kanülen und suchte auf Rat einer Krankenschwester das Weite, statt 45 000 Dollar, die er nicht besaß, an Arztrechnungen zu überweisen. In den nächsten Jahren entwarf er T-Shirts, eröffnete eine kleine Boutique und stellte mithilfe von Freunden seine erste Kollektion auf die Beine.
Adrover und Lüdge sind im Atelier des Spaniers in der Carrer de la Constitución angelangt. Die lichthellen Räume beherbergen ein Sammelsurium von Reisesouvenirs und aufgesammeltem Mobiliar, von alten Fotografien und neuen Zeichnungen. Aus einem rückwärtigen fensterlosen Kabuff des Studios fischt Adrover einige Kleider unter Schutzhüllen hervor: Teile jener Kollektion, die ihn an einem Februarabend im Jahr 2000 in einem Theater der Lower East Side zum Star der Szene werden ließen. In seiner "Midtown"-Show stülpte er Burberry-Trenchcoats nach außen, schneiderte alte Louis-Vuitton-Taschen zu bodenlangen Mänteln um und lieferte Entwürfe, die nicht bloß zum Anziehen taugten, sondern Stoff für Geschichten boten: etwa jenen Mantel, den er aus dem Matratzenbezug des kurz zuvor verstorbenen Entertainers Quentin Crisp geschneidert hatte. Heute gehört er zum Fundus des Metropolitan Museum of Modern Art.
Er lebte in seiner fensterlosen Erdgeschosswohnung: "Nachts hörte ich die Ratten im Schacht quieken." Da brach der Erfolg über ihn herein: Ihm wurde der CFDA Perry Ellis Award als Newcomer des Jahres 2000 verliehen, seine Kollektion landete bei Saks Fifth Avenue und bei Barneys. Die "Vogue"-Chefin Anna Wintour machte ihn zu ihrem Protegé, er unterzeichnete einen Millionen-Dollar-Vertrag mit dem Luxusinvestor Pegasus Apparel und bekam einen Jaguar als Dienstwagen gestellt - "kein Mensch ahnte, dass ich keinen gültigen Führerschein hatte". Alles lief bestens - aber dann kam der 9. September 2001 mit seiner "Utopia"-Kollektion, "und plötzlich ging alles bergab".
Die Kollektion war von Reisen nach Ägypten inspiriert, zeigte Burkas, Kaftane und andere Elemente arabischer Kleidungskultur. Sie fand wohlwollende Kritik, doch zwei Tage später stürzte das World Trade Center ein. 9/11 machte aus Adrover einen vermeintlichen Schurken. "Die Zeitungen nannten mich einen Terroristen. Mein Telefon wurde abgehört. Ich habe wirklich Angst bekommen." Über Monate war er regelmäßig nach Ägypten gereist, wo er in Luxor ein gekauftes Haus renovierte. Sein Name blieb im Fahndungsraster hängen, seine Geldtransfers weckten das Misstrauen des FBI. "Noch heute werde ich nervös, wenn ich auf Flughäfen nicht kontrolliert werde", sagt er lächelnd. Gewöhnt hat er sich mittlerweile daran, auf der Straße nicht nur Jesus oder Ali Baba gerufen zu werden, sondern auch bin Laden.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 17/2009