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Kommentar

Herr Spahn, Sie verwechseln Hipster mit Deppen

Jens Spahn ist im Wahlkampfmodus: Der CDU-Staatssekretär stößt eine seltsame Debatte um englischsprechende Hipster an, erntet die von ihm erhoffte Kritik - und legt jetzt mit einem Gastbeitrag in der "Zeit" nach. Replik auf einen verwirrenden Text.

Jens Spahn

Jens Spahn, CDU-Präsidiumsmitglied und Staatssekretär im Bundesfinanzministerium

Lieber Herr ,

klar, es ist . Da müssen Sie sich was einfallen lassen. Also haben Sie sich darüber aufgeregt, dass in manchen Berliner Restaurants die Bedienung nur Englisch spricht. So weit, so langweilig – denn um diesen Unsinn ernsthaft als Beitrag zur Migrationsdebatte zu verstehen, ist er doch allzu schlicht. Kritik hat sich natürlich trotzdem geregt, wie heutzutage immer und überall in unserer Erregungsgesellschaft. Hat also funktioniert, haben Sie sich gedacht, und deshalb schicken Sie jetzt einen Gastbeitrag in der "Zeit" hinterher.

Dort argumentieren Sie allerdings so schief, dass auch wir Ihnen an dieser Stelle kurz ein Forum bieten müssen. Was wir uns in diesem Zusammenhang gerne verkniffen hätten. Aber Ihr Artikel "Sprechen Sie doch deutsch!" schreit geradezu danach. Weil Sie so viele Aspekte, die nichts miteinander zu tun haben, in den rhetorischen Mixer werfen. Das ist einerseits gerissen kalkuliert, denn irgendwem werden Sie damit schon so laut aus der Seele sprechen, dass er ruft: "Endlich sagt’s mal einer!"

Jens Spahn: "Nicht weltoffen, sondern provinziell"

Andererseits zeugt Ihr Text davon, dass Sie vom Großstadtleben in den sogenannten Hipstervierteln offenbar keine Ahnung haben. Es ist beinahe schon zu einfach, Ihrer Kritik zu widersprechen: Wenn sich junge oder ältere Menschen aus unterschiedlichen Ländern in Athen oder Amsterdam zwecks schnellerer und besserer Verständigung auf Englisch unterhalten, ist das kein Akt der von ihnen bemängelten Abschottung gegenüber Normalbürgern (was auch immer das sein soll: ein "Normalbürger"). Das, was sie betreiben, nennt sich Kommunikation. Etwas "normaleres" gibt es nicht. "Das ist nicht weltoffen, sondern provinziell", schreiben Sie – aber was ist offener als Kommunikation, erst recht zwischen Menschen, die nicht denselben sprachlichen Hintergrund haben? Sie ist das Gegenteil von elitär.

Überhaupt: Mit dem von Ihnen bemühten Hipstertum hat das alles nichts zu tun. Allerdings wird auch nicht klar, wen Sie mit "elitären Hipstern" überhaupt meinen. "Zwei Deutsche, die sich in der deutschen Hauptstadt auf Englisch unterhalten – ist das cool und kosmopolitisch?", fragen Sie. "Oder nicht doch eher peinlich provinziell?" Die Antwort lautet natürlich: weder noch. Zwei Deutsche, die sich in der deutschen Hauptstadt auf Englisch unterhalten, sind keine elitären Hipster, sondern wahrscheinlich einfach nur zwei Deppen – die mit Ihrer seltsam verallgemeinernden Debatte aber genau so wenig zu tun haben wie der von Ihnen zitierte Deutsche von Gerhard Polt, der beim Italiener im südländischen Kauderwelsch zu bestellen versucht.

Was Sie in Ihrem verwirrenden Text anprangern, Herr Spahn, sind die ganz normalen Begleiterscheinungen unserer globalisierten Gesellschaft. Sie führen dazu, dass wahrscheinlich keine Generation zuvor so weltoffen war wie die jungen Leute, die sich für Ihren Geschmack allzu gerne auf Englisch verständigen. Wer sich nicht komplett isolieren will, hat auch gar keine andere Wahl. Keine Frage, Herr Spahn, die Welt dreht sich immer schneller, da wird Ihnen wahrscheinlich manchmal schwindlig. Aber trotz aller vereinfachten Kommunikation können Sie beruhigt sein: Kulturelle Eigenheiten bleiben dabei eben nicht auf der Strecke.

Warum der Umkehrschluss entscheidend ist

Im Gegenteil: Mir begegnen in den Vierteln, die Sie meinen, ausschließlich Ausländer, die hochinteressiert an den sprachlichen und regionalen Fein- und Eigenheiten des jeweiligen Landes sind. Sie wollen diese Dinge wissen über das Land, in dem sie zu Gast sind. So findet Austausch statt, Herr Spahn. Finden Sie seltsam? Ist doch ganz normal – so normal wie dieser "Normalbürger", um den Sie sich solche Sorgen machen. Und dass die englische Sprache in solchen Situationen als Brücke benutzt wird, ist so selbstverständlich wie Hashtags oder Emojis in der digitalen Alltagskommunikation. Nur so können die "kulturellen Nuancen", die Ihnen vermeintlich so wichtig sind, überhaupt erst gespiegelt werden.

Was Sie also als "sprachliche Verarmung" geringschätzen, sind die wichtigsten Mittel der gegenseitigen Verständigung – und die ist in unsicheren und konfliktbeladenen Zeiten wie diesen so wichtig wie nie zuvor. Sie bringt Menschen zusammen und macht eine immer unübersichtlicher werdende Welt ein bisschen übersichtlicher. Und es ist vollkommen egal, in welcher Sprache das passiert – Hauptsache, es passiert. Was Sie in Ihrem Wahlkampfmodus propagieren, wäre demnach ein fataler Rückschritt. Denn der Umkehrschluss ist entscheidend: Sie, Herr Spahn, nennen das Verwenden einer anderen Sprache zur Unzeit "durchaus keinen Ausweis von Internationalität". Mag sein. Aber das Verwenden der eigenen Sprache zur Unzeit wäre erst recht kein solcher Ausweis. Sondern auf Dauer höchstens gefährlich. 

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