Ein tödliches Déjà-vu

13. Februar 2013, 14:12 Uhr

Zwei flüchtende Motorradfahrer erschossen im November 2011 einen Augsburger Polizisten. Der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter ist die Begegnung mit einem alten Bekannten mit dunkler Vergangenheit. Von Malte Arnsperger

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Spurensuche kurz nach der Tat: Polizisten durchkämmen am 31. Oktober 2011 ein Waldstück. Die Staatsanwaltschaft wird im Prozess umfangreiche Indizien gegen die Angeklagten vorlegen.©

Mord glich einer Hinrichtung

Am 28. Oktober 2011 trägt Vieth eine Schutzweste, als er mit seiner Kollegin nachts gegen 2.45 Uhr auf einem Parkplatz am Rande von Augsburg zwei Verdächtige kontrollieren will. Die flüchten jedoch auf einem Motorrad, die Polizisten rasen im Auto hinterher. Auf einem Waldweg stürzen die Motorradfahrer. Vieth steigt mit gezogener Pistole aus dem Dienstwagen. Die beiden Täter schießen. Die Staatsanwaltschaft geht in ihrer Anklage nach stern.de-Informationen davon aus, dass Vieth zunächst von Patronen aus einer Pistole der Marke FEG getroffen wurde und dass dann mit einem Kalaschnikow-Gewehr auf ihn gefeuert wurde, als er bereits am Boden lag. Eine Hinrichtung. Die Täter können fliehen, Vieths Kollegin bleibt leicht verletzt bei dem Sterbenden zurück.

Noch in der Nacht laufen intensive Fahndungen an. So finden die Beamten nahe des Parkplatzes ein Auto mit warmer Motorhaube, das laut Anklage auf einen Bekannten von Rudolf R. zugelassen ist und oft von diesem benutzt wurde. Die Brüder rücken in den Fokus der Ermittler. Sie werden rund um die Uhr überwacht, es werden angeblich verdächtige Telefonate mitgehört. Am 29. Dezember schlägt die Kripo zu. Nach der Festnahme der Brüder durchsuchen die Fahnder Wohnungen und Häuser der gesamten Familie. Und werden offenbar fündig: Auf dem Hof des Schwagers von Raimund M. habe sich in einer Aluminiumkiste ein Seesack befunden, auf dem Blut des getöteten Polizisten hafte. Beide Brüder hatten nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Schlüssel für den Koffer besessen. Bei der Tochter von Raimund M., seinem Schwager sowie weiteren Wohnungen und Räumen, die den Angeklagten und ihrem Umfeld zugerechnet werden, haben die Ermittler zigtausend Euro sowie ausländische Währungen gefunden. Geld, das aus den Überfällen stammen soll.

Außerdem wurde bei den Durchsuchungen ein riesiges Waffenarsenal entdeckt, von diversen Pistolen über Handgranaten bis hin zu Schlagringen, Messern und sogar DNA-Vernichtungssprays. All das soll den Brüdern gehört haben. Auch ein Kalaschnikow-Gewehr war angeblich darunter, an dem DNA von Rudolf R. klebe. Dessen Auswerfer passe zu einigen am Tatort des Polizistenmordes gefundenen Hülsen. Die Täter haben dort zudem das Magazin einer FEG-Pistole, eine Tokarev und einen Helm hinterlassen. Auf der Waffe und dem Helmvisier wurden der Anklage zufolge die DNA von Raimund M. gefunden, in dessen Wohnung eine umgebaute FEG-Pistole, die zu dem gefundenen Magazin gehöre.

Optimistische Verteidiger

Trotz dieser umfangreichen Indizien geben sich die Verteidiger von Rudolf R. optimistisch. "Es gibt keinen einzigen stichhaltigen Beweis dafür, dass unser Mandant an den Tatorten war, weder bei dem Mord noch bei den Überfällen", sagt der Münchner Anwalt Markus Meißner im Gespräch mit stern.de. "Natürlich mag man sich Gedanken machen, ob etwa der Seesack eine Verbindung zu unserem Mandanten herstellt. Aber keiner weiß, wie alt die Spur ist und wie sie an den Sack gekommen ist." Zudem seien weder der Koffer noch andere angebliche Beweise wie das Geld oder die Waffen bei Rudolf R. gefunden worden, argumentiert der Anwalt. "Zwingende Beweise sind das also nicht." Meißner und sein Kollege Kai Wagler warnen davor, ihren Mandanten wegen dessen Vorstrafen bereits zu verurteilen. "Natürlich passt das der Staatsanwaltschaft ins Bild. Aber er hat den ersten Mord bestritten und bestreitet auch diesen Mord. Ein faires Verfahren muss also bei null anfangen."

Der Verteidiger von Raimund M. sieht auch den Falschen auf der Anklagebank. "Aufgrund seiner schweren Parkinsonkrankheit war er gar nicht in der Lage, die ihm vorgeworfenen Taten zu begehen", sagt der Münchner Jurist Adam Ahmed stern.de. "Trotz der Spuren ist mein Mandant nicht der Täter, was sich im Verlaufe des Verfahrens auch herausstellen wird."

Es ist davon auszugehen, dass die beiden Angeklagten – wie schon während der Ermittlungen - im Prozess schweigen werden. Auch von der Ehefrau des Opfers wird es im Gerichtssaal kein Wort geben. Ihr Anwalt sagt: "Sie wird überhaupt nicht an dem Prozess teilnehmen und auch kein Schmerzensgeld fordern. Sie will eine gerechte Strafe für die Täter, aber alleine mit diesem Drama fertig werden."

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