
Spült Joghurtbecher aus, bevor er sie wegwirft, und zerlegt Verbundstoffe mit chirurgischer Präzision: Der Mülltrennungs-Spießer© Gerhard Haderer
Das "Golddorf" Winnekendonk nahe der holländischen Grenze hat diverse Auszeichnungen im Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden/Unser Dorf hat Zukunft" gewonnen. Es enthält alles, was man so braucht: Edeka-Laden, Schlecker- Markt, Kirche, Eisdiele, Apotheke, Bank mit Geldautomat, Kriegerdenkmal, Minigolfplatz. Vor den Häusern und Bungalows saubere Rasenflächen, ondulierte Buchsbaumhecken, Carports. Keine Graffiti, keine sichtbare Migrantenszene, kein Müll auf Straßen und Gehsteigen. Der Event des Herbstes heißt "Wettpflügen".
Hier lässt man noch das Navi über Nacht an der Frontscheibe kleben. Frage: "Wo ist es denn besonders schön?" "Na, hier halt so", sagt die Frau vom Imbiss und macht eine Handbewegung zur Hauptstraße hin. Lebte Gisela Elsner noch, im Golddorf fände sie das ideale Ambiente für eine ätzende Satire. Oder?
"Vorsicht!", warnt Soziologe Schulze. "Buchsbaumhecken und Kriegerdenkmäler sagen heutzutage nichts mehr darüber aus, wie die Leute denken. Die alten Schubladen funktionieren nicht mehr." Ausgerechnet das Zentralorgan der Lehrerszene, die "taz", hat ein paar schöne neue Spießertypen ausgemacht. Den "Alternativspießer" etwa oder den "Traditionsspießer". Wie wahr: Die Frau, die auf dem Parteitag der Grünen der Afghanistan-Debatte lauscht, neben sich einen Plüschbären, der einen blauen Button mit Friedenstaube zwischen den Tatzen hält - dieses Bild von einer, die sich hinter ihrem ideologischen Jägerzaun von keiner Realität stören lässt, es sagt mehr als drei Leitartikel.
Und was ist mit dem Traditionsspießer? Ortstermin in der Hamburger Filiale des Edelversenders Manufactum ("Es gibt sie noch, die guten Dinge"). Das vor 20 Jahren gegründete Unternehmen vertreibt mit großem Erfolg Dinge, die schön altmodisch, überflüssig und teuer sind. Wie Filzpantoffeln aus Kamelhaar (72 Euro), nostalgieträchtige Bakelit-Telefone (229 Euro, "emaillierte Ziffernscheibe, mit Eisengarn umflochtene Handapparateschnur") und Montecristi-Panamahüte (629 Euro, "aus den Fasern der Toquilla-Palme Carludovica palmata; ein Flechter arbeitet 2-3 Monate an einem Hut"). Der gepflegte Manufactum-Spießer besitzt Landhaus, SUV und aufgenähte Lederflecken am Tweedjackett und distinguiert sich über die subtile Kennerschaft des Wahren, Genuinen.
Ein Paar begutachtet den Gartenschlauch Marke Goldschlange, 20 Meter für 218 Euro. Sie: "Arg teuer. Soll man sich den ins Wohnzimmer legen?" Er: "Hält aber glatt 30 bar aus." Wie machen Spießer Urlaub und wo? Möglichkeit eins: das Hotel Paradise Side Beach an der türkischen Riviera. Keine Frau über 50 mit langen Haaren, kaum ein Mann dieses Alters ohne Wampe. Am Pool, wo eine 14-Punkte-Badeordnung hängt, spielen sie: "Da steht ein Pferd auf dem Flur". In der Disco läuft Wolfgang Petrys "Wahnsinn". Der türkische Gärtner, der in der Früh den Rasen sprengt, grüßt mit: "Morgen!" Ab neun Uhr gibt es "Bild".
Das Hotel ist sehr beliebt bei Deutschen, weil es sehr deutsch ist. "Russen kommen hier nicht rein", freut sich die miniplierte Frau K. am Frühstückstisch. "Das heißt, ein russisches Paar ist da. Oder sind es Polen? Benehmen sich aber tadellos." Überhaupt ist alles im Paradise Side Beach akkurat, der Pool von 9 bis 12.30 Uhr und von 13 bis 17 Uhr bewacht. Schick ist die Anlage nicht. Trotzdem kriegt sie Jahr für Jahr den "Primo", eine Neckermann-interne Trophäe für viele zufriedene Gäste. Spießer? Vielleicht.
Oder findet man sie eher 3000 Kilometer nordwestlich von Side, auf der Nordseeinsel Spiekeroog? 800 Einwohner, 350 Häuser, 27 autofreie Straßen. Fahrradfahren ist verpönt. Väter ziehen ihre Lütten in Bollerwägen hinter sich her, Mütter kaufen im Naturkostladen Schokocreme der Marke Rapunzel. Hier bollert zusammen, was zusammengehört. Rudolf-Steiner-Jünger, Bachblüten-Fans, Frauen, die beruflich "was mit Kindern" machen. Eigentümlich still ist es in den Gassen des einzigen Ortes. Die Urlauber gucken oft ernst und unterhalten sich gedämpft, als fürchteten sie, abgehört zu werden. Worte wie "nachhaltig" oder "ganzheitlich" fallen häufig. Kinder, die in den Dünen spielen, werden angepfiffen. Die Gäste stören sich nicht am Naturschutz-Terror, der sich in zahllosen Verboten und Mahnungen niederschlägt.
Im Gegenteil. Wer hier Ferien macht, kann seinen Häuptling Seattle ("Was immer der Erde widerfährt, widerfährt den Söhnen und Töchtern der Erde") im Tiefschlaf singen. Jetzt ist Stunk im Biotop. Ein Investor vom Festland hat sich in das Eiland verguckt. Schon jetzt hält er zehn Prozent der Bettenkapazität, und er will Millionen in hochwertige Unterkünfte investieren. Ein Glücksfall für Spiekeroog, wo Gäste für viel Geld in spießigen 50er-Jahre-Rotklinkerbauten nächtigen müssen? Nicht doch!
Viele Insulaner fürchten die Konkurrenz. Und die Stammgäste barmen, auf Spiekeroog halte "Schickimicki" Einzug. "Nichts rührt sich im Idyll", beschreibt die "Hannoversche Neue Presse" ihren Wunschzustand, "alles ist wie immer." "Der Spießbürger", definierte der Dresdener Militärpsychologe Dr. Gniza in einer typologischen Persönlichkeitsanalyse, "hat vor allem nur den Wunsch, dass alles so bleiben möge, wie es ist, oder wieder so werde, wie es war." Er sei einer, "der die Zeit verschläft, ein Ewiggestriger, der an veralteten Gewohnheiten, die bisher seine Ruhe garantierten, festhält". Gniza nennt ihn "kleinformatig" und bescheinigt ihm "Ichbegrenztheit ohne Entsagung". Seine Analyse stammt aus dem Kriegsjahr 1941. Liest sich, als habe er Spiekeroog vorausgeahnt.
Um mal den Müll in der Tonne zu lassen: Auch den dumpfen Spießer-Dino gibt es noch, wie ihn Gerhard Polt in seinen wunderbaren Fernsehsketchen gab. Einer seiner Horte ist der Prickings-Hof im westfälischen Haltern. Zig Busladungen mit grauhaarigen Windjackenträgern aus der ganzen Republik besuchen jeden Tag den monströsen Agrarindustriebetrieb, den der "singende und dichtende Bauer Ewald" aufgebaut hat. Kostprobe: "Wer gerade seine Furche pflügt, den Freund und Kumpel nicht betrügt, wer keinem Lump die Stiefel putzt und nicht das eigene Nest beschmutzt, wer, gleichwie auch der Würfel fällt, dem Vaterland die Treue hält, tut jetzt und im neuen Jahre 'das Wahre'." Ungefähr so klebrig wie die Verse des früh verstorbenen Ewald ist sein abgewetzter Hof mit der deprimierenden Massentierhaltung, über allem der Gestank von Schweinegülle. Es gibt Leberwurst, Blutwurst, Schwartemagen und gekochtes Mett, vier Dosen 12,80 Euro, gratis dazu den Ewald-Spruch "Schaffen und Streben ist Gottes Gebot, Arbeit ist Leben, Nichtstun ist Tod." Bei einer Tombola wird ein halbes Schwein verlost. "Jetzt kommt der Orgasmus!", kräht der Alleinunterhalter, "gewonnen hat Los 495554, hallo Sau, bitte melden!" Tausende pilgern immer mal wieder zum Prickings-Hof, um dort ein im Fahrpreis enthaltenes "Schlemmerpaket" abzugreifen, welches normale Menschen ruckartig zu Vegetariern machen würde.
Der Ausflug ins Herz der deutschen Finsternis beweist: Neben diversen Neospießern lebt auch noch das Original. Sind wir denn allesamt irgendwie spießy und haben auch noch Spaß dabei? Eine "schleichende Entkriminalisierung des Spießerseins" machte das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" aus. Harald Schmidt bekannte: "Mir geht's richtig gut, seit ich mich entschieden hab, auch offiziell ein Spießer zu sein."
Einen Volltreffer landete die Landesbausparkasse mit ihrer Werbung: "Du, Papi, wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden." Klein-Lena sagt das zu ihrem Alten, der als Spätalternativo in einer Bauwagenkolonie haust und alle als Spießer abtut, die es zum Eigenheim gebracht haben. "Mit dem Spot kamen wir schlagartig in alle Feuilletons", sagt Günther Lüke, Fernsehreferent der LBS. "Viele Leute besetzen den Spießerbegriff heutzutage positiv, das wissen wir aus Gesprächen." Für seine Kollegin Ivonn Kappel von der LBS-Bundesgeschäftsstelle war der Erfolg mehr als ein Gag. "Bausparen wird ja als eingeschlafenes Produkt dargestellt. Aber viele machen es, und sie haben recht damit. Die freuen sich, wenn sie endlich mal die Botschaft hören: Wir liegen gar nicht so falsch, wenn wir so leben, wie wir leben." Folgerichtig setzt die LBS ihre Spießer-Reha gnadenlos fort. Auf einer neueren Anzeige lümmelt ein Typ vor seinem Häuschen auf der Harley, Tankbeschriftung: "Born to be Bausparer". Neben dem Bike ein Gartenzwerg.
Die Ironie, scheint's, hat den alten Hass aufs Spießertum elegant erledigt. Der ja immer auch Selbsthass war. Wo aber alle - irgendwo - Spießer sind, ist nichts mehr richtig spießig. Gerhard Schulze, der etwas andere Soziologe, erkennt in dem Schmäh "nur noch ein anderes Wort für Arschloch". Er glaubt unbeirrbar an die Fortentwicklung des Deutschen zu einem Menschen, "der sich jeden Tag neu erfindet".
Letzter Versuch. Rundgang über die Kölner Sport- und Gartenartikelmesse. Genau hier müsste sich die geballte Kraft des Spießergeschmacks entfalten. Doch Fehlanzeige. Ein einziger Hersteller bietet Gartenzwerge. Jägerzäune? Nirgendwo. Stattdessen wimmelt es von eleganten italienischen Gartenliegen und stilvollen Tischen aus Plantagenteak. Doch halt, etwas fürs Herz gibt es doch! Eine Gartenteichinsel der Firma Sunline. Aus der plätschert eine lustige Fontäne bis zu 50 Zentimeter hoch, von der Energie "amorpher Solarzellen" getrieben. Ja, wenn wir spießern, dann topaktuell. Und klimaneutral.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 48/2008