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27. Juni 2009, 19:52 Uhr

Schwarzfahrer in Uniform

Fahren in der ersten Klasse? Für viele Polizisten offenbar eine Selbstverständlichkeit - auch ohne gültiges Ticket und entgegen der Vorschriften. Fahrgäste der Bahn sind empört, das Image der Polizei könnte erheblich leiden. Von Kerstin Schneider

Polizei, erste Klasse, Deutsche Bahn, Nahverkehr

Nord-Ostsee-Bahn (NOB) hat sich schon beim Innenministerium in Kiel beschwert: Freifahrten gibt es nur in der zweiten Klasse© Picture Alliance

Fast jeden Morgen steigt Hauptkommissar S. in den Vorortzug Richtung Hamburg. In der Hansestadt arbeitet der Streifenpolizist als "bürgernaher Beamter". Auf seiner Fahrt zum Dienst sucht der "Bünabe" allerdings nicht gerade die Nähe zu seiner Klientel. Hauptkommissar S. setzt sich in die erste Klasse. Die teure Fahrkarte spart er sich. "Ich mache das schon seit Jahren", sagt er.

Polizeibeamte, die sich ohne Fahrschein in die erste Klasse setzen, haben jetzt für Ärger gesorgt. Die Nord-Ostsee-Bahn (NOB) in Kiel hat dem Innenministerium des Landes Schleswig Holstein einen Beschwerdebrief geschickt. "Wir möchten höflichst darauf hinweisen, dass sich die Freifahrt für Beamte im Dienst auf die 2. Klasse beschränkt", heißt es darin. Und weiter: "Es gab schon Unstimmigkeiten, wenn die Polizeibeamten von unserem Personal der 1. Klasse verwiesen wurden."

Weder das Innenministerium noch die NOB wollen den Vorgang offiziell kommentieren. Doch ein Schaffner nimmt gegenüber stern.de kein Blatt vor den Mund. "Die Polizisten setzen sich einfach in die erste Klasse und vertrauen darauf, dass wir beide Augen zu drücken, weil sie ja eine Uniform tragen. Das tun die meisten Kollegen natürlich auch, denn im Notfall sind wir ja auf die Polizisten angewiesen. Doch wehe, man wagt es, die Beamten darauf hinzuweisen, dass sie in der ersten Klasse nichts zu suchen haben, dann werden sie pampig." Und ein anderer Schaffner erzählt: "Ich habe schon Fahrgäste erlebt, die keine Uniform trugen und meinten, sie dürften umsonst in der ersten Klasse fahren, weil sie in der Hamburger Innenbehörde arbeiten."

Optische Präsenz sehr wichtig

In 14 Bundesländern dürfen Polizeibeamte in Uniform nach einer Vereinbarung zwischen den Innenministerien und der Bahn umsonst mit den Zügen des Nah- und Fernverkehrs fahren. In Baden-Württemberg gilt die Vereinbarung nur für den Nahverkehr. In Sachsen-Anhalt müssen Beamte ihre Bahnfahrten bezahlen. In den übrigen Ländern sollen die Fahrgäste in Uniform das "subjektive Sicherheitsgefühl der Reisenden" steigern, Randalierer und Schwarzfahrer dingfest machen. Uniformierte Polizisten dürfen allerdings nur umsonst in der zweiten Klasse fahren. "Die zweite Klasse wird durch Reisende, Berufs- und Schülerverkehr wesentlich mehr genutzt", erklärt Bahn-Sprecher Hartmut Sommer. "Hier ist die optische Präsenz der Polizeibeamten am Wirksamsten." Uniformierte Polizisten, die dennoch erster Klasse fahren wollen, müssen sich also eine Fahrkarte kaufen. So wie jeder andere Fahrgast auch.

Doch Hauptkommissar S. ist nicht der einizige Schwarzfahrer in Uniform. Auch Kommissar A. schätzt den Komfort von Tischen und Ledersitzen. "Ich weiß gar nicht, wo das Problem ist, in der ersten Klasse ist doch genug Platz", meint er. Polizeihauptmeister D. blafft: "Ich darf in Uniform fahren, wo ich will." Und Wasserschutzpolizist Sch. verteidigt sich mit den Worten: "Ich bin vom Zugbegleiter eingeladen worden, in der ersten Klasse zu fahren."

Doch nicht nur Zugbegleiter ärgern sich über die Schwarzfahrer in Uniform. Auch bei den Fahrgästen regt sich Protest. "Es ist überhaupt nicht einzusehen, dass sich Beamte einen Vorteil herausnehmen, für den andere Fahrgäste teuer bezahlen müssen", sagt Karl-Peter Naumann, Bundesvorsitzender des Fahrgastverbandes. Immerhin sind Bahnkarten der ersten Klasse bis zu 60 Prozent teurer.

Die braven Bayern

Nicht nur deshalb findet der Krimiautor Walter K. Ludwig ("Die Wandlitz-Papiere") das Verhalten schwarzfahrender Polizisten "unverschämt". Der Schriftsteller hält das "selbstherrliche Verhalten" der Beamten fast für ein Politikum. "In einer Demokratie dürfen auch Uniformträger nicht einfach machen, was sie wollen", sagt der Historiker und Politologe. Ludwig, der in Hamburg lebt, hat den Eindruck, dass es bei den schwarzfahrenden Polizisten ein "Nord-Südgefälle" gibt. "In Bayern sitzen Polizisten immer brav in der zweiten Klasse", hat der Vielfahrer beobachtet. "Aber je näher ich gen Norden komme, desto mehr Schwarzfahrer in Uniform sitzen in der ersten Klasse."

Hauptkommissar S. ist sich allerdings keiner Schuld bewusst. Er sieht sich nicht als "Schwarzfahrer", sondern als Beschützer. Gerade "die Frauen" unter den Zugbegleitern würden ihn regelrecht dazu auffordern, in der ersten Klasse Platz zu nehmen, behauptet er. "Die wissen dann, wo sie mich finden können, wenn sie Hilfe brauchen."

Die Zugbegleiter können die Beamten allerdings über Lautsprecher ausrufen lassen, wenn es brenzlig wird. Das geht im Zweifelsfall sogar schneller als in die erste Klasse zu laufen, von denen es in den meisten Zügen mehrere Waggons gibt. Darüber hinaus dürfen Zugbegleiter Polizisten gar keinen Platz in der ersten Klasse anbieten. Sie würden sich damit nicht nur eigenmächtig über die Vereinbarung zwischen Bahn und den Innenministerien hinwegsetzen, sondern den Beamten sogar einen Vorteil gewähren, den diese gar nicht annehmen dürften.

Lesen Sie im zweiten Teil. was Fahrgäste dazu sagen und was die Bundespolizei von den Schwarzfahrern hält.

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KOMMENTARE (10 von 53)
 
h-p-t (30.06.2009, 09:41 Uhr)
wo ist das Problem ?
solange die jungs für ne alte dame aufstehen und ihrer vorbildfunktion gerecht werden ?
sollen sie vielleicht auch noch steuern für ihre dienstwagen zahlen ?
ich bin froh wenn ich die polizei sehe und sie präsent ist, mir haben sie stets mit gutem beispiel gedient, irgendwelche negativen kommentare kenn ich nur aus dem i-net / den nachrichten.
von mir sollte jeder polizist freien zugang zu allem haben und sollte diese vergünstigungen haben. erstens sind sie präsent, und zweitens halten sie oft genug für ihr mickriges gehalt ihren kopf hin...!
( da ein polizist nie feierabend hat, schließe ich die zeit af dem weg zur arbeit und zurück mit ein ^^)
die welche sich hier so aufregen, sollten mal besser nachdenken wo überall sie sich ihre "vergünstigungen" herausnehmen...also immer schön ball flachhalten ^^
McKenzie73 (29.06.2009, 18:52 Uhr)
Ich fahre niemals in Uniform...
weil ich, wie jeder andere, der zur Arbeit fährt, erst wirklich dort meinen Dienst beginnen will. Das ist mir die Monatskarte wert. Der Artikel ist sehr polemisch aufgemacht und schmälert das Ansehen derjenigen Kollegen, die schon auf der Fahrt zur Arbeit Material für zwei Tätigkeitsberichte, eine Strafanzeige und diverse Dienstkartenaushändigungen ansammeln, weil sie wirklich bürgernah sind.
BodoGiertz (29.06.2009, 09:34 Uhr)
Ein Relikt abschaffen
Einmal davon abgesehen, dass es natürlich ein Unding ist, dass hier Leute, die sowieso schon priviligiert sind diese Privilegien auch noch missbrauchen:
Die erste Klasse ist ein Relikt aus vergangenen Zeiten und eine Unverschämtheit gegen die mehrheit der Fahrgäste, die oft in überfüllten Wagen stehen müssen, während die 1.Klasse-Wagen halb leer sind !
Auch das Problem der 1.Klasse-Beamten hätte sich dann erledigt.
Gruebler-66 (29.06.2009, 01:33 Uhr)
Ups, vergessen....
... wundert euch nicht wenn der Beitrag da schnell gesperrt wird, kritische Kommentare sind da manchmal sehr schnell verschwunden...
Einige "Moderatoren" da sind sehr dünnhäutig wenn es um kritische Beiträge geht.
Aber in der Grundidee ein nicht schlechtes Forum.
Gruebler-66 (29.06.2009, 01:22 Uhr)
Postet den Artikel...
... doch mal hier:
www.copzone.de
Und wundert euch dann wieviele Ausflüchte und Ausreden Ihr bekommt...
So viel zu der Meinung der Gutbürger über die Integrität einer Uniform.
Bevor etwas falsch verstanden wird, ich bin für die Präsenz der Polizei in den Zügen, auch umsonst, aber halt da wo sie hin gehören und auch legitimiert sind.
Nicht in der Nobelklasse für die jeder Normal Bürger sehr teures Geld bezahlt.
(Und in deren Abteilen sie nichts von "bahntypischen Problemen" mitbekommen....
balldurian (28.06.2009, 22:06 Uhr)
Der bericht zeigt wirkung ...
... die herren arbeiten an ihrem image. Schwarzfahren kann auch berufsbedingt passieren, russ und rauch sind seit über hundert jahren ein markenzeichen unerreichbarer pünktlichkeit.
Der Artikel
http://www.stern.de/panorama/:Bahn-Panik-Brand-Regionalzug/704800.html
Vier Bundespolizisten, die in dem Zug auf dem Weg zum Dienst mitreisten, löschten die Flammen mit Feuerlöschern
.
... liefert die Erklärung ...
sophia7519 (28.06.2009, 21:22 Uhr)
RE: Der Artikel regt mich auf!
>>>
Sollte man die Gesellschaft wirklich gegen die Ordnungshüter aufhetzen??? In was für einer Welt leben wir eigentlich??? Traurig
......
Wo sehen Sie Ordnungshüter ?
Oder kommts von der Aufregung - manche sehen dann auch weiße Mäuse.
War erst vor 3 Tagen in der Zeitung wie Polizeibeamte privat abkassierten.
Vielleicht nicht überall so, aber wenn Sie nicht angeboten hätten ins Schiffchen zu stecken - direkt in die Hand gedrückt hätte vielleicht geklappt ?
Und solange Polizisten keine Bank überfallen ist doch alles nur Grund zur Freude !
sophia7519 (28.06.2009, 21:19 Uhr)
RE: Der Artikel regt mich auf!
>>>
Sollte man die Gesellschaft wirklich gegen die Ordnungshüter aufhetzen??? In was für einer Welt leben wir eigentlich??? Traurig
debrasseur (28.06.2009, 18:05 Uhr)
Warum aufregen, über alltägliches?
Die Macht wird ausgelebt, zum Schaden der Demokratie.
Mardiabolo (28.06.2009, 18:00 Uhr)
Der Artikel regt mich auf!
Ok, was war der Grund für diesen Artikel? Futterneid? Rache? Oder einfach nur schlechte Recherche?!? Ich fahre häufig Bahn (Kiel - Hamburg) und habe schon sehr oft Beamte in Uniform in der zweiten Klasse sitzen sehen. Einmal sogar habe ich erlebt, dass eine von ihnen (Waschpo) einschreiten mußte. Der ältere Herr schien jedenfalls sehr dankbar zu sein. Ich glaube, dass die Gesellschaft immer weniger Respekt vor der Polizei hat. Wo sollen die Polizisten denn in einer Großstadt parken? 10 min Fußweg vom Streifenwagen entfernt? Wenn ich die Polizei brauche, dann will ich sie sofort. Und das passiert nicht, wenn sie erst ewig weit laufen müssen! Sicherlich, einige wenige Polizistin benehmen sich vielleicht grenzwertig. Aber 99% von ihnen sind korrekt und höflich. Ich durfte einmal noch nicht mal was für die Kaffeekasse spenden, sondern sollte es in ein Schiffchen für die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger werfen. Nein, dieser Stern-Artikel ist falsch und überspitzt und vermutlich sogar noch verdreht dargestellt. Pfui! Sollte man die Gesellschaft wirklich gegen die Ordnungshüter aufhetzen??? In was für einer Welt leben wir eigentlich??? Traurig
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