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Gestatten: Der neue deutsche Spießer

Der Schmähbegriff galt bislang Kleingärtnern, Briefmarkensammlern, Hosenträger-Trägern. Höchste Zeit, das zu ändern, sagt unser Autor. Und präsentiert eine frische Typologie des Biedersinns.

Von Wolfgang Röhl

"Ach, ist das schön hier! Ich glaube, es hat sich gar nichts verändert" (Gila von Weitershausen zu Heinz Reincke in "Heimatgeschichten", ARD)

Er sitzt im Starbucks-Coffeeshop am Kölner Hauptbahnhof, Fensterplatz. Hat den Laptop aufgeklappt und das Bluetooth-Mikro am Ohr. Dass der mittelgroße Cappuccino stolze 3,40 Euro kostet, stört ihn nicht. Er glaubt wirklich, dass das gutmenschelnde US-Unternehmen den Kaffeebauern "Spitzenpreise" zahle - so dessen Credo. Ihn irritiert nicht, dass die Sessel voller Flecken und die Tische unabgeräumt sind und der Boden mit Strohhalmen übersät ist. Die Starbucks-Kette ist einfach angesagt, speziell für Leute aus seiner, der IT-Generation.

Er wird beim Bestellen nach seinem Vornamen gefragt und mit diesem aufgerufen, wenn der Kaffee gebrüht ist. Cool. Er könnte sein Getränk auch in einem Pappbecher kaufen und damit auf der Straße rumlaufen; auf diese Art publizierend, dass er keine Minute zu verlieren hat, unheimlich beschäftigt, wie er ist. Wow!

Die albernstmögliche Art zu gehen

Abends geht er am Stock. Und zwar durch den Stadtpark. Das nennt sich Nordic Walking und verspricht "die Aktivierung der Arm- und Rückenmuskulatur". Diese albernstmögliche Art zu gehen ist unter Deutschen ebenso beliebt wie der Coffee-to-go-Quatsch. Ein Not leidender finnischer Hersteller von Langlaufstöcken hat vor Jahren den Modesport erschaffen, der seinen Anhängern bestenfalls nicht schadet. Alle walken sie jetzt nordic. Am liebsten auf dem Jakobsweg, seit Hape Kerkeling (über zwei Millionen Auflage mit "Ich bin dann mal weg") ihn als spirituellen Joggingpfad entdeckte. Der Hit? Mit einem Coffee to go auf dem Jakobsweg nordicwalken. Leider etwas schwierig.

Gestatten: Hier kommt der NDS, der Neue Deutsche Spießer. Sieht nicht mehr ganz so aus wie Alfred Tetzlaff, Wolfgang Menges unvergessenes Kult-Ekel aus dem Fernsehen den Siebziger. Passt aber in die Definition. Laut Brockhaus ist der Spießer ein "engstirniger Mensch, der sich an überlebten Anschauungen und moralischen Grundsätzen orientiert, Neuerungen und Fortschritte ablehnt und seinen sozialen Status verteidigt". Der Mainstream-Mensch eben, immer im Kielwasser seines Szenedampfers. Der Typus stirbt nie. Man kann ihn überall entdecken.

Wärmestube für Stalinisten

Auf dem Rosa-Luxemburg-Kongress in Berlin zum Beispiel, einer Wärmestube für Stalinisten und Linksextreme. Stasi-Rentner, die Schlipse zu schwarzen Lederjacken tragen, umarmen den Genossen Egon Krenz. Der ehemalige SED-Bonze trägt Bauch und eine Joppe drüber, die er bei Takko gekauft haben mag. Palästinenserfeudelträger sind da, kurzhaarige Toskana- Frauen mit 200-Euro-Schals, ein paar Punker-Würstchen mit schlecht gefärbten Haaren sowie der zerfurchte Schauspieler Rolf Becker, der im Plenum mit angenehmer Stimme Freiheit für Christian Klar und den amerikanischen Polizistenmörder Mumia Abu-Jamal fordert. Es gibt neue Darlings im Kasperletheater der Ultralinken, wie Venezuelas Populisten Chávez, und alte Idole wie die Schlächter Saddam und Milosevic. Die üblichen Schinken von Marx, Engels, Lenin und Luxemburg gilben auf den Büchertischen. Bush ist Satan, Merkel Luzifer. Der wohlige Mief des Antiamerikanismus wabert durch die Hallen der Berliner TU.

Am DDR -Nostalgiebedarfstand verkauft einer im quietschblauen FDJ-Polyesterhemd Trabbi-Modelle. Komische Farben hatten die Kisten, oder? "Wir kamen ja an die juten Farben uffm Weltmarkt nicht ran, wa", sagt das Blauhemd. "Da hatte ja der Ami die Krallen drauf, wa. Det war ja wie heute noch in Kuba, wa." Er führt auch T-Shirts mit Marx und Engels, DDR-Filme, Plastikeierbecher und Ata-Scheuerpulver, lauter lustige Zwerge für die Vorgärten der Systemveränderer.

Sehnsucht nach der Welt vor 1989

Am nächsten Tag Latschdemo auf der Frankfurter Allee. Auf den Bannern die Parole: "Karl und Rosa, unsere Zukunft". Aus Blechlautsprechern scheppert das Einheitsfrontlied. Geduldig warten rund 1000 Menschen, vereint in ihrer Sehnsucht nach der Welt vor 1989, am "Happy Grillo"-Imbiss auf den Marschbefehl zum Grab von Karl und Rosa. Durchsage: "Wir müssen Geduld haben, Genossen. Die Polizei hat die Ampeln noch nicht durchgeschaltet." Da zittern sie aber, die morschen Knochen des Spätkapitalismus.

Der Ur-Spießer war leicht zu erkennen. Er trug Kaiserbart. Ein Muss für jeden Untertan war das einst, dieses zackige, haarige W über der Oberlippe, wie es das Eitelpaket Wilhelm II. trug. Im Lübecker Buddenbrookhaus konnte man den Bart jüngst in einer Ausstellung bewundern, die Untertanen sui generis gewidmet war. Dem Nach-unten-Treter und Nach-oben-Buckler, dem urdeutschen Spießer. Heinrich Mann hat ihn als Diederich Heßling in seinem 1918 erschienenen Roman "Der Untertan" verewigt.

Peters mimte den Spießer in allen Varianten

Werner Peters spielte die Figur 1951 in der Defa-Verfilmung von Wolfgang Staudte. Von der Rolle seines Lebens kam er nie mehr runter. Jahrzehntelang mimte Peters den Spießer in allen Varianten, den kleinbürgerlichen, bigotten Dreckskerl, für jede Denunziation, jede Schleimerei gut. Amüsiert, aber unberührt spazieren Besucher durch die Ausstellung. Sie enthält auch eine Gute Stube aus der Kaiserzeit, den in dunkles Holz gefassten Spießerhimmel der Altvorderen. Ach, Staub der Geschichte. Untertanen der wilhelminischen Art hat die Bundesrepublik, deren Bürger sich bei jeder echten oder vermeintlichen Benachteiligung auf den langen Marsch durch die Gerichtsinstanzen machen, wohl kaum mehr.

Frage an den Kurator: Warum legt das Ganze, abgesehen von einem "Stromberg"-Video, nicht den Finger auf den zeitgenössischen Spießer? "Haben wir überlegt", sagt Michael Grisko. "Wollten die Besucher aber nicht verschrecken." Spießer ist seit rund 100 Jahren ein deutscher Kampfbegriff (siehe Kasten Seite 82). In anderen Sprachen gibt es ihn so nicht. Dem französischen "Bourgeois", dem englischen "Square" oder dem schweizerischen "Bünzli" fehlt der Charakter der Schwerstbeleidigung, und die Worte werden auch nicht häufig verwendet. Hierzulande schleudert jeder jedem, dessen Einstellung ihm nicht passt, ein vernichtendes "Spießer!" entgegen.

Unter Spießer-Generalverdacht

Spießer sind immer die anderen. Spießig nennen 15-Jährige ihre Eltern, die es nicht so gut finden, dass ihre Sprösslinge bis vier Uhr früh in der Drogendisco rumhängen. Als spießig gelten Menschen, die die Polizei rufen, weil sie von ihren Nachbarn unablässig mit Heavy-Metal-Lärm gefoltert werden. Unter Spießer-Generalverdacht stehen von jeher Beamte, Hausmeister, Campingplatzwarte, Opelfahrer, Förster, Kleingärtner, Bausparer, Dauercamper, Züchter von Kaninchen der Rasse "Deutscher Riese", Briefmarkensammler, Hosenträger-Träger, Besitzer von Wandteppichen mit röhrenden Hirschen und sprudelnden Bergbächen (Türken). Der klassische Spießer läuft in weißen Socken und durchbrochenen Sandalen rum. Ja doch, den gibt es noch. In jedem Urlaubsort.

Gern schmäht die Linke Andersdenkende als Spießer, mit dem Zusatz "kleine braune". Der Spießerbegriff ist politisch geladen. Reinhard Mey, dem die Rasenmähwut seiner spießigen Sylter Nachbarn auf den Keks ging, ernannte sie flugs zu "Gartennazis". Was Stefan Raab unvergessen so bereimte: "Ich schau mir grad 'nen Porno an und kann kein einziges Wort verstehn, denn im Garten nebenan fängt ein Nazi an zu mähn. Ihr glaubt wohl, mit mir könnt ihr's machen, doch bald ist es zu spät, denn ab 5.45 Uhr wird zurückgemäht." Keine Frage, Spießer stehen nach landläufiger Meinung rechts. Obwohl per Definition ("Engstirnigkeit") unser größter lebender Spießer ja ein Linker ist. Der Literaturnobelpreisträger betrommelt seine Mitbürger seit Dezennien mit seinem gusseisernen Moralismus. Dennoch hat sich irgendwie ein konservatives Image des Spießers eingeschliffen.

"Linke Spießer"

Als die 68er, mit dem Spießervorwurf besonders freigebig, in die Jahre und die Institutionen kamen, wurden sie auf einmal als "linke Spießer" gebrandmarkt, so in einem Song des Anarchobarden Rio Reiser. Auch der notorisch Unangepasste kann ein verkappter Spießer sein. Wie Sven Regeners Romanheld "Herr Lehmann", der ums Verrecken nicht will, dass sich in seinem Kreuzberger Nischenidyll irgendetwas verändert. Auch nicht durch Petitessen wie die Wiedervereinigung.

"Neuerdings gibt es sogar den Begriff 'Aufklärungsspießer'", hat der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze festgestellt. Wie bitte? "So nennen Fundamentalisten Leute, die nicht wollen, dass unsere Gesellschaft hinter die Maxime der Aufklärung zurückfällt, etwa aus falscher Toleranz gegenüber Muslimen."

Das weite Feld der Spießigkeit

Verdammt weites Feld, diese Spießigkeit. Gut, dass da ein paar traute Landmarken aus dem Boden ragen. Die Gartengemeinschaft Wolfskuhle in Hamburg- Moorfleet zum Beispiel. Hier gibt es noch Wasserwart, Kassierer und Kolonieobmann; Lärmverbote von 13 bis 15 Uhr und von 19 bis 9 Uhr (sonn- und feiertags ganztägig) und acht Pflichtstunden Gemeinschaftsarbeit, die gefälligst pünktlich abzuleisten sind ("letzte Gemeinschaftsarbeiten können beim Obmann während der Sprechzeit nachgefragt werden"). Die Hecken sind auf Kante geschnitten. Unkraut hat keine Chance. Spießig? Vielleicht.

Sichelt hier der Nazi? Quatsch. Der typische Hamburger Kleingärtner wählt SPD. Herr R. aus dem Landkreis Bad Kreuznach wählt sicher grün, wenn überhaupt. Er hat zwölf Wertstoffeimer im Garten und außerdem einen an der Waffel, finden manche in seinem Dorf. R. ist "ökologischer Bauberater", Spezialgebiet Lehmtechnik.

Zero Mülltoleranz

Er und seine Frau stellen auch naturbelassenes Holzspielzeug her. Vor allem aber trennen sie Müll, dass es kracht. Bei Glühbirnen etwa sortieren sie Metall, Glas und die Brösel des mineralischen Klebers auseinander. Die Mission von R. und seiner Familie heißt: Zero Mülltoleranz. Alles wird wiederverwertet. Und zwar totaler und radikaler, als es sich selbst Deutsche - zu 91 Prozent hoch motivierte Mülltrenner - vorstellen können. Das Leben des Herrn R. kreist um Müllvermeidung. In den Achtzigern hat er komplett die Alternativund Friedensbewegung inklusive Anti- AKW- und Startbahn-West-Protest durchlaufen, und das ist das Ergebnis. Er möchte "alles für die kommenden Generationen tun" und hat es zum Helden des "Greenpeace Magazins" gebracht. Da ihm die Behörden die völlige Mülllosigkeit nicht abkaufen und ihm eine Restmülltonne aufzwingen wollen, prozessiert der "Müllrebell" seit Jahren gegen den Landkreis.

Seine Homepage steckt voller Aktenmüll. Er leiste Widerstand "gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen kommender Generationen", glaubt R. Mit wem würde man eher mal ein Bier trinken, mit einem aus der Gartengemeinschaft oder mit dem Totaltrenner? Eben.

Spießigkeit eine Farbe: Grün

"Ist Ihnen eigentlich schon einmal aufgefallen, dass es nichts Bürgerlicheres gibt als Ökologie?", fragt der junge Autor Christian Rickens in seinem Buch "Die neuen Spießer". Und zitiert Weisheiten aus der Ökoszene: "Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geliehen", "Geld kann man nicht essen". Wie sehr sie doch Kalendersprüchen der 50er-Jahre-Eltern ähneln, nach denen Geld nicht glücklich mache, nichts so schwer zu ertragen sei wie eine Reihe von guten Tagen und so fort. Wenn die instinktive Abwehr von Veränderungen und Innovationen spießig ist, dann hat Spießigkeit eine Farbe: Grün. Fragen Sie mal Leute, die pro Genforschung sind.

Das "Golddorf" Winnekendonk nahe der holländischen Grenze hat diverse Auszeichnungen im Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden/Unser Dorf hat Zukunft" gewonnen. Es enthält alles, was man so braucht: Edeka-Laden, Schlecker- Markt, Kirche, Eisdiele, Apotheke, Bank mit Geldautomat, Kriegerdenkmal, Minigolfplatz. Vor den Häusern und Bungalows saubere Rasenflächen, ondulierte Buchsbaumhecken, Carports. Keine Graffiti, keine sichtbare Migrantenszene, kein Müll auf Straßen und Gehsteigen. Der Event des Herbstes heißt "Wettpflügen".

Hier lässt man noch das Navi über Nacht an der Frontscheibe kleben. Frage: "Wo ist es denn besonders schön?" "Na, hier halt so", sagt die Frau vom Imbiss und macht eine Handbewegung zur Hauptstraße hin. Lebte Gisela Elsner noch, im Golddorf fände sie das ideale Ambiente für eine ätzende Satire. Oder?

Der Soziologe warnt

"Vorsicht!", warnt Soziologe Schulze. "Buchsbaumhecken und Kriegerdenkmäler sagen heutzutage nichts mehr darüber aus, wie die Leute denken. Die alten Schubladen funktionieren nicht mehr." Ausgerechnet das Zentralorgan der Lehrerszene, die "taz", hat ein paar schöne neue Spießertypen ausgemacht. Den "Alternativspießer" etwa oder den "Traditionsspießer". Wie wahr: Die Frau, die auf dem Parteitag der Grünen der Afghanistan-Debatte lauscht, neben sich einen Plüschbären, der einen blauen Button mit Friedenstaube zwischen den Tatzen hält - dieses Bild von einer, die sich hinter ihrem ideologischen Jägerzaun von keiner Realität stören lässt, es sagt mehr als drei Leitartikel.

Und was ist mit dem Traditionsspießer? Ortstermin in der Hamburger Filiale des Edelversenders Manufactum ("Es gibt sie noch, die guten Dinge"). Das vor 20 Jahren gegründete Unternehmen vertreibt mit großem Erfolg Dinge, die schön altmodisch, überflüssig und teuer sind. Wie Filzpantoffeln aus Kamelhaar (72 Euro), nostalgieträchtige Bakelit-Telefone (229 Euro, "emaillierte Ziffernscheibe, mit Eisengarn umflochtene Handapparateschnur") und Montecristi-Panamahüte (629 Euro, "aus den Fasern der Toquilla-Palme Carludovica palmata; ein Flechter arbeitet 2-3 Monate an einem Hut"). Der gepflegte Manufactum-Spießer besitzt Landhaus, SUV und aufgenähte Lederflecken am Tweedjackett und distinguiert sich über die subtile Kennerschaft des Wahren, Genuinen.

Der türkische Gärtner grüßt mit: "Morgen!"

Ein Paar begutachtet den Gartenschlauch Marke Goldschlange, 20 Meter für 218 Euro. Sie: "Arg teuer. Soll man sich den ins Wohnzimmer legen?" Er: "Hält aber glatt 30 bar aus." Wie machen Spießer Urlaub und wo? Möglichkeit eins: das Hotel Paradise Side Beach an der türkischen Riviera. Keine Frau über 50 mit langen Haaren, kaum ein Mann dieses Alters ohne Wampe. Am Pool, wo eine 14-Punkte-Badeordnung hängt, spielen sie: "Da steht ein Pferd auf dem Flur". In der Disco läuft Wolfgang Petrys "Wahnsinn". Der türkische Gärtner, der in der Früh den Rasen sprengt, grüßt mit: "Morgen!" Ab neun Uhr gibt es "Bild".

Das Hotel ist sehr beliebt bei Deutschen, weil es sehr deutsch ist. "Russen kommen hier nicht rein", freut sich die miniplierte Frau K. am Frühstückstisch. "Das heißt, ein russisches Paar ist da. Oder sind es Polen? Benehmen sich aber tadellos." Überhaupt ist alles im Paradise Side Beach akkurat, der Pool von 9 bis 12.30 Uhr und von 13 bis 17 Uhr bewacht. Schick ist die Anlage nicht. Trotzdem kriegt sie Jahr für Jahr den "Primo", eine Neckermann-interne Trophäe für viele zufriedene Gäste. Spießer? Vielleicht.

Naturschutz-Terror

Oder findet man sie eher 3000 Kilometer nordwestlich von Side, auf der Nordseeinsel Spiekeroog? 800 Einwohner, 350 Häuser, 27 autofreie Straßen. Fahrradfahren ist verpönt. Väter ziehen ihre Lütten in Bollerwägen hinter sich her, Mütter kaufen im Naturkostladen Schokocreme der Marke Rapunzel. Hier bollert zusammen, was zusammengehört. Rudolf-Steiner-Jünger, Bachblüten-Fans, Frauen, die beruflich "was mit Kindern" machen. Eigentümlich still ist es in den Gassen des einzigen Ortes. Die Urlauber gucken oft ernst und unterhalten sich gedämpft, als fürchteten sie, abgehört zu werden. Worte wie "nachhaltig" oder "ganzheitlich" fallen häufig. Kinder, die in den Dünen spielen, werden angepfiffen. Die Gäste stören sich nicht am Naturschutz-Terror, der sich in zahllosen Verboten und Mahnungen niederschlägt.

Im Gegenteil. Wer hier Ferien macht, kann seinen Häuptling Seattle ("Was immer der Erde widerfährt, widerfährt den Söhnen und Töchtern der Erde") im Tiefschlaf singen. Jetzt ist Stunk im Biotop. Ein Investor vom Festland hat sich in das Eiland verguckt. Schon jetzt hält er zehn Prozent der Bettenkapazität, und er will Millionen in hochwertige Unterkünfte investieren. Ein Glücksfall für Spiekeroog, wo Gäste für viel Geld in spießigen 50er-Jahre-Rotklinkerbauten nächtigen müssen? Nicht doch!

"Nichts rührt sich im Idyll"

Viele Insulaner fürchten die Konkurrenz. Und die Stammgäste barmen, auf Spiekeroog halte "Schickimicki" Einzug. "Nichts rührt sich im Idyll", beschreibt die "Hannoversche Neue Presse" ihren Wunschzustand, "alles ist wie immer." "Der Spießbürger", definierte der Dresdener Militärpsychologe Dr. Gniza in einer typologischen Persönlichkeitsanalyse, "hat vor allem nur den Wunsch, dass alles so bleiben möge, wie es ist, oder wieder so werde, wie es war." Er sei einer, "der die Zeit verschläft, ein Ewiggestriger, der an veralteten Gewohnheiten, die bisher seine Ruhe garantierten, festhält". Gniza nennt ihn "kleinformatig" und bescheinigt ihm "Ichbegrenztheit ohne Entsagung". Seine Analyse stammt aus dem Kriegsjahr 1941. Liest sich, als habe er Spiekeroog vorausgeahnt.

Um mal den Müll in der Tonne zu lassen: Auch den dumpfen Spießer-Dino gibt es noch, wie ihn Gerhard Polt in seinen wunderbaren Fernsehsketchen gab. Einer seiner Horte ist der Prickings-Hof im westfälischen Haltern. Zig Busladungen mit grauhaarigen Windjackenträgern aus der ganzen Republik besuchen jeden Tag den monströsen Agrarindustriebetrieb, den der "singende und dichtende Bauer Ewald" aufgebaut hat. Kostprobe: "Wer gerade seine Furche pflügt, den Freund und Kumpel nicht betrügt, wer keinem Lump die Stiefel putzt und nicht das eigene Nest beschmutzt, wer, gleichwie auch der Würfel fällt, dem Vaterland die Treue hält, tut jetzt und im neuen Jahre 'das Wahre'." Ungefähr so klebrig wie die Verse des früh verstorbenen Ewald ist sein abgewetzter Hof mit der deprimierenden Massentierhaltung, über allem der Gestank von Schweinegülle. Es gibt Leberwurst, Blutwurst, Schwartemagen und gekochtes Mett, vier Dosen 12,80 Euro, gratis dazu den Ewald-Spruch "Schaffen und Streben ist Gottes Gebot, Arbeit ist Leben, Nichtstun ist Tod." Bei einer Tombola wird ein halbes Schwein verlost. "Jetzt kommt der Orgasmus!", kräht der Alleinunterhalter, "gewonnen hat Los 495554, hallo Sau, bitte melden!" Tausende pilgern immer mal wieder zum Prickings-Hof, um dort ein im Fahrpreis enthaltenes "Schlemmerpaket" abzugreifen, welches normale Menschen ruckartig zu Vegetariern machen würde.

"Entkriminalisierung des Spießerseins"

Der Ausflug ins Herz der deutschen Finsternis beweist: Neben diversen Neospießern lebt auch noch das Original. Sind wir denn allesamt irgendwie spießy und haben auch noch Spaß dabei? Eine "schleichende Entkriminalisierung des Spießerseins" machte das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" aus. Harald Schmidt bekannte: "Mir geht's richtig gut, seit ich mich entschieden hab, auch offiziell ein Spießer zu sein."

Einen Volltreffer landete die Landesbausparkasse mit ihrer Werbung: "Du, Papi, wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden." Klein-Lena sagt das zu ihrem Alten, der als Spätalternativo in einer Bauwagenkolonie haust und alle als Spießer abtut, die es zum Eigenheim gebracht haben. "Mit dem Spot kamen wir schlagartig in alle Feuilletons", sagt Günther Lüke, Fernsehreferent der LBS. "Viele Leute besetzen den Spießerbegriff heutzutage positiv, das wissen wir aus Gesprächen." Für seine Kollegin Ivonn Kappel von der LBS-Bundesgeschäftsstelle war der Erfolg mehr als ein Gag. "Bausparen wird ja als eingeschlafenes Produkt dargestellt. Aber viele machen es, und sie haben recht damit. Die freuen sich, wenn sie endlich mal die Botschaft hören: Wir liegen gar nicht so falsch, wenn wir so leben, wie wir leben." Folgerichtig setzt die LBS ihre Spießer-Reha gnadenlos fort. Auf einer neueren Anzeige lümmelt ein Typ vor seinem Häuschen auf der Harley, Tankbeschriftung: "Born to be Bausparer". Neben dem Bike ein Gartenzwerg.

"Ein anderes Wort für Arschloch"

Die Ironie, scheint's, hat den alten Hass aufs Spießertum elegant erledigt. Der ja immer auch Selbsthass war. Wo aber alle - irgendwo - Spießer sind, ist nichts mehr richtig spießig. Gerhard Schulze, der etwas andere Soziologe, erkennt in dem Schmäh "nur noch ein anderes Wort für Arschloch". Er glaubt unbeirrbar an die Fortentwicklung des Deutschen zu einem Menschen, "der sich jeden Tag neu erfindet".

Letzter Versuch. Rundgang über die Kölner Sport- und Gartenartikelmesse. Genau hier müsste sich die geballte Kraft des Spießergeschmacks entfalten. Doch Fehlanzeige. Ein einziger Hersteller bietet Gartenzwerge. Jägerzäune? Nirgendwo. Stattdessen wimmelt es von eleganten italienischen Gartenliegen und stilvollen Tischen aus Plantagenteak. Doch halt, etwas fürs Herz gibt es doch! Eine Gartenteichinsel der Firma Sunline. Aus der plätschert eine lustige Fontäne bis zu 50 Zentimeter hoch, von der Energie "amorpher Solarzellen" getrieben. Ja, wenn wir spießern, dann topaktuell. Und klimaneutral.

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