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5. Januar 2010, 13:24 Uhr

Kein Mann für alle Fälle

Ein junger Mann geht in ein thailändisches Bordell. Dort hat er Sex, bis er eine der gebuchten Prostituierten als Mann identifiziert. Der Freier rastet aus, schlägt zu und nimmt sich sein Geld zurück. Vor dem Berliner Amtsgericht wird es nun für alle peinlich. Von Uta Eisenhardt

 
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Schlanke Beine müssen nicht immer zwangsläufig zu Frauen gehören - wie ein junger Mann feststellen musste© DDP

In "Pattys Thai Oase" herrschte Urlaubszeit. Fast alle der dort beschäftigten Prostituierten weilten in ihrer thailändischen Heimat. Nur eine langhaarige Mittfünfzigerin und ein Ladyboy, ein Mann im Frauenoutfit mit Perücke und langem Kleid warteten an diesem Märzsonntag auf Kundschaft. Gegen zehn Uhr klingelte diese stürmisch an der Tür und verlangte nach zwei Frauen.

Zwanzig Minuten später hatte der türkische Freier einen Orgasmus. Er bekam ihn nicht mit, weil er im Augenwinkel den Ladyboy bemerkt haben will. Entsetzt sprang der junge Mann vom Bett in seine Hosen und verlangte sein Geld zurück. Dann schlug er die Frau, mit der er soeben Sex hatte. Der Ladyboy bekam die Faust gleich drei Mal zu spüren - sie hinterließ eine blutende Platzwunde im Gesicht. Unter dem Eindruck dieser Aggression gaben die Thailänder ihren soeben kassierten Lohn zurück.

Die anderen Bordelle hatten schon geschlossen

Bevor Doga Ikici* weiteres Geld aus seinen Opfern herausprügeln konnte, flüchteten die beiden aus dem Fenster. Von ihrem Kunden blieb nur das gefüllte Kondom, welches die Staatsanwaltschaft zu dem vorbestraften Türken führte.

Vor Gericht steht später ein junger Mann. Mittelgroß und schlank, ebenmäßig wirkt sein bartschattiges Gesicht mit den großen Kulleraugen. An der mittleren Reife scheiterte er. Derzeit verdient er 750 Euro bei einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im Gartenbau. Seine Eltern, bei denen er noch wohnt, bekommen von ihm 150 Euro. Die Nacht vor seinem Bordellbesuch habe er in einem Club verbracht, erzählt der 23-Jährige.

"Sind Sie vielleicht schwul?"

Unter dem Einfluss von Kokain sei er die ganze Nacht wach geblieben. Am Morgen sei sein Bedürfnis nach Sex so groß gewesen, dass er unbedingt ein Bordell besuchen wollte. Das war nicht einfach: "Die anderen waren alle zu, so bin ich da gelandet", so der Angeklagte. In "Pattys Thai Oase" habe er zwei Frauen verlangt und einer von ihnen 100 Euro gegeben. "Ich habe ihr nicht ins Gesicht geschaut, weil es mir ein bisschen peinlich war", sagt Doga Ikici.

Und es wird noch peinlicher für ihn: "Kann es sein, dass Sie eine Transe verlangt haben", fragt der Richter den Angeklagten. "Nein, woher sollte ich wissen, dass es da eine gibt?" "Sind Sie vielleicht schwul? Hatten Sie schon mal sexuellen Kontakt zu einem Mann? Wollten Sie das unter dem Einfluss von Kokain einmal probieren?" Nein, nein und nochmals nein.

Stimulationshilfe vom Ladyboy?

Das eine Opfer, als Zeugin geladen, kann die Version nur in Teilen bestätigten: Sie sei Hausfrau und mache in "Pattys Thai Oase" sauber, erklärt die Thailänderin mit Hilfe einer Dolmetscherin. "Ich massiere", gibt sie im zweiten Anlauf zu, bis sie dem Richter bestätigt, dass sie auch Sex mit den Kunden mache. Der Türke habe an jenem Vormittag "einen Mann und eine Frau" verlangt und bei ihr bezahlt.

Zu dritt seien sie aufs Zimmer gegangen. Die Frau habe sich ausgezogen, der Ladyboy sich aufs Bett gelegt und zugeguckt. "Ich habe ein bisschen geholfen", sagt Nattawud Saowaphong*. Der hagere 42-Jährige will den jungen Freier oral stimuliert haben. "Krass", sagt der Angeklagte, den diese Information sichtlich überrascht.

Der Staatsanwalt hat viel zu lachen

Der Richter will wissen, ob der Mann als "Transe zu erkennen war?" Ja, an der Stimme, antwortet der Zeuge. "Ich verstehe das nicht: Wir waren alle drei im Zimmer, der Kunde hat nicht protestiert." Seine Kollegin gibt sich ebenfalls erstaunt: Das Geschäft mit Transen boome. "Die Kunden wissen ganz genau, dass es ein Mann ist. Viele verlangen so etwas - jeden Tag."

Nachdem die Beteiligten ausgesagt haben, treten Anklage und Verteidgung auf den Plan: "Ich habe heute viel gelacht", sagt der Staatsanwalt zu Beginn seines Plädoyers. Dennoch sei die Angelegenheit ernst. Möglicherweise habe der Angeklagte nicht bemerkt, dass es sich bei dem verkleideten Saowaphong um einen Mann gehandelt habe. Aber Doga Ikici sei nicht nur wegen gefährlicher Körperverletzung vorbestraft, er habe sogar unter Bewährung gestanden, als er die beiden Thailänder verprügelte. Er soll deshalb für 14 Monate ins Gefängnis.

Sechs Monate Haft auf Bewährung seien ausreichend, meint dagegen der Verteidiger. Sein Mandant habe die beiden lediglich zur Rückgabe seines Geldes genötigt. Die Hauptschuld läge aber bei den Prostituierten, die ihren Personalengpass mit einem Mann kaschieren wollten.

Selbst der Angeklagte muss grinsen

Das Gericht entscheidet auf ein Jahr Haft auf Bewährung. Vier Jahre lang darf der Türke keine Straftaten begehen und muss 1000 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Der Richter entwickelt seine eigene Theorie zur den Geschehnissen: Ob ihm absichtlich ein Mann untergeschoben wurde, könne er nicht entscheiden. Er glaubt aber, dass der Angeklagte unter dem Einfluss von Kokain zwei Frauen verlangt habe. Das sei typisch für diese Droge, die auch den Sexualtrieb steigere.

Deshalb habe der Türke damals weder über den Preis verhandelt noch gefragt, welche Frauen in dem Bordell arbeiten. Er sei schnurstracks ins Zimmer gegangen. "Dort bekommt Herr Ikici von Herrn Saowaphong einen geblasen, wie man volkstümlich sagt", referiert der Richter.

"Es war Sex vereinbart, den hat er gehabt"

Durch seinen Orgasmus habe der Türke Druck abgebaut und die Situation erkannt, erklärt der Richter. Er sei ausgerastet und habe sein Geld plus einen finanziellen Ausgleich gefordert. Doch stehe ihm kein Schadensersatz zu: "Es war Sex vereinbart, den hat er gehabt." Ekel sei keine Körperverletzung, darum kann es kein Schmerzensgeld geben. Moralische Ansprüche seien ebenfalls nicht einklagbar. Allerdings habe es sich um einen minderschweren Fall der räuberischen Erpressung gehandelt: Zu sehr weiche das Geschehen ab vom typischen "Geld her oder es setzt was!"

Besonders lange habe das Gericht darüber diskutiert, ob der Angeklagte trotz seines Bewährungsbruchs noch eine Chance erhalten soll. "Die Verwerfbarkeit ist nicht so hoch", sagt der Richter: Doga Ikici sei überraschend in etwas hinein geraten, was ihm persönlich zutiefst zuwider ist.

* Namen von der Redaktion geändert

Von Uta Eisenhardt
 
 
"Icke muss vor Jericht"

Ob Kneipenschlägerei oder Ehekrach: Die Prozesse am Amtsgericht Berlin spiegeln das pure Leben wider. In "Icke muss vor Jericht" berichtet Uta Eisenhardt über Prozesse mit dem gewissen Etwas.

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