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17. September 2009, 11:13 Uhr

Skandal-Chefarzt steht vor Gericht

Fehlende Blutkonserven, unnötige Gallenblasen-Operationen, Zitronensaft zur Wunddesinfektion: Mit solchen Praktiken soll ein Chefarzt eine Klinik in Wegberg saniert haben. Jetzt hat der Prozess gegen den Mediziner begonnen. Die Anklage: Körperverletzung mit Todesfolge und fahrlässige Tötung.

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Die Antonius-Klinik in Wegberg: Der Chefarzt des Krankenhauses muss sich wegen des Todes von sieben Patienten vor Gericht rechtfertigen© Fredrik von Erichsen/DPA

Vor dem Landgericht in Mönchengladbach hat am Donnerstag der Prozess um einen der größten Krankenhaus-Skandale in Deutschland begonnen. Der ehemalige Chefarzt einer Klinik im niederrheinischen Wegberg muss sich wegen des Todes von sieben Patienten und Körperverletzung in mehr als 60 Fällen verantworten. Neben dem Klinikleiter sind fünf andere Ärzte angeklagt, das Verfahren gegen zwei weitere Mediziner wurde gegen Geldauflagen eingestellt.

Dem früheren Chefarzt, der das St. Antonius-Krankenhaus in Wegberg Anfang 2006 übernommen hatte, werden Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen und fahrlässige Tötung in vier Fällen vorgeworfen. Der Mann habe nach dem Kauf der Klinik sämtliche Abteilungen einem strikten Spardiktat unterworfen, heißt es in der Anklage. Auf seine Anweisung hin sei bei der Gabe von Blutkonserven und teuren Medikamenten gespart worden. In vielen Fällen wurde demnach zur Wunddesinfektion statt einer teuren sterilen Lösung frisch gepresster Zitronensaft verwendet.

Operationen ohne medizinische Begründung

Zudem führte der Mediziner laut Anklage zahlreiche Operationen durch, für die es keine medizinische Begründung gab - etwa unnötige Gallenblasen-, Nieren-, Blinddarm- und Brustfellentfernungen. Bei der Behandlung einiger Patienten soll sich der Klinikchef darüber hinaus medizinische Fachkompetenz angemaßt haben, die er nicht hatte. Dadurch sei es zu folgenreichen medizinischen Fehlentscheidungen gekommen, die in sieben Fällen den Tod der Patienten nach sich gezogen hätten.

Der Hauptangeklagte war Klinik-Besitzer, Chefarzt und ärztlicher Direktor in einer Person. Am 1. Januar 2006 hatte der Arzt das kleine St. Antonius-Krankenhaus von der Kommune Wegberg für geschätzte 26.000 Euro gekauft, als es vor der Insolvenz stand. Das Krankenhaus hatte knapp 100 Betten und beschäftigte rund ein Dutzend Ärzte.

Der Mediziner ist immer noch Geschäftsführer der Klinik, die ärztliche Zulassung war ihm entzogen worden. Nach mehreren Monaten Untersuchungshaft ist er derzeit auf freiem Fuß. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft. Mindestens einer der Angeklagten praktiziert auch noch in dem Krankenhaus.

Überraschender Befangenheitsantrag

Die Hauptverhandlung ist zunächst auf 24 Prozesstage angesetzt. Der Prozess wird sich nach Angaben eines Gerichtssprechers sehr aufwendig gestalten, weil eine Vielzahl von Einzelfällen aufzuklären ist. Die Staatsanwaltschaft hat insgesamt 106 Zeugen und sechs medizinische Sachverständige benannt, ein Urteil wird nicht vor März nächsten Jahres erwartet.

Am Donnerstag wurde der Prozess bereits nach wenigen Minuten überraschend unterbrochen. Der Verteidiger des Hauptangeklagten stellte gleich zu Beginn der Verhandlung einen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Lothar Beckers und eine Beisitzerin. Beckers kündigte daraufhin eine Beratung über den Antrag an und unterbrach den Prozess. Die Verhandlung soll in der nächsten Woche fortgesetzt werden.

DPA/AP
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
dlonra (18.09.2009, 09:20 Uhr)
Wegberger Klinikskandal
Unglaublich, was der "Arzt" sich da geleistet hat. Allerdings müsste auch die Pflegedienstleitung auf die Anklagebank.
Dass man mit Zitronensaft nicht desinfizieren kann, weiß ja schon die kleinste Lernschwester. Gab es noch andere Ärzte in diesem Krankenhaus. Allen müsste die Approbation entzogen werden.
felice4711 (17.09.2009, 15:17 Uhr)
"...mußten den Sparkurs mit dem Tode bezahlen"
tststs..., mit dem Leben bezahlt man. Den Tod gibt's bekanntlich umsonst.
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