Der mutmaßliche Kindermörder Martin N.: Immer mehr Details über den 40-Jährigen gelangen an die Oberfläche. stern-Recherchen zeichnen ein verkorkstes Leben nach. Von Kerstin Hernkind, Werner Mathes und Frank Gerstenberg

Drei Morde hat er gestanden, 40 weitere Missbrauchsfälle werden ihm vorgeworfen: Martin N.
Er nannte sich "GerdX" – X, wie die Unbekannte in einer mathematischen Gleichung. Unter diesem "Nickname" war Martin N. aus Hamburg in einschlägigen Pädophilen-Internetforen unterwegs. Der 40-jährige Sozialpädagoge hatte vor rund einer Woche den Mord an Dennis Klein und zwei weiteren Jungen gestanden. Die Polizei legt ihm darüber hinaus mindestens 40 Missbrauchsfälle zur Last.
Das Bild im Profil von "GerdX" zeigt einen halb nackten Jungen, der die Hände vors Gesicht schlägt, als würde er weinen. Immer mehr Einzelheiten aus dem Leben des mutmaßlichen Mörders werden bekannt, einem Mann mit zwei Gesichtern. Einem Jekyll und Hyde wie aus der Novelle des schottischen Schriftstellers Stevenson.
Martin N. wird im Dezember 1970 in Bremen geboren. Seine Eltern trennen sich früh. Sein Vater, so erzählen ehemalige Nachbarn, soll gewalttätig gewesen sein. Die Mutter, eine Krankenschwester, bringt die zwei gemeinsamen Söhne alleine durch. Sie leben in einem schmucklosen Hochhaus in Bremen-Schönebeck. Ein weiterer Sohn von einem anderen Vater wird geboren. Alle drei Jungs gehen aufs Gymnasium.

"Wir könnten eines Ihrer Kinder entführen und Lösegeld von Ihnen fordern": Diesen Erpresserbrief schrieb Martin N. als 16-Jähriger© "Weser Kurier"
Als Martin N. 16 Jahre alt ist, erpresst er fünf Familien, darunter seinen Hausarzt, wie der Bremer "Weser Kurier" enthüllte. Der Ton seiner Briefe ist von zynischer Kälte: "Wir könnten eines ihrer Kinder entführen und Lösegeld von Ihnen fordern. Um Ihnen diese Belastung zu ersparen, machen wir folgenden Vorschlag: Sie geben uns 150.000 Mark und wir entführen ihre Kinder nicht", schreibt Martin N. in großen Druckbuchstaben. "Wenn Sie den Vorschlag ablehnen oder die Polizei alarmieren, wird eines Ihrer Kinder sterben ..." Er fordert die Eltern auf, eine Anzeige mit vorgeschriebenem Text im "Weser Kurier" aufgeben. "Wenn diese Anzeige nicht erscheint, haben Sie demnächst einen Todesfall in ihrer Familie zu bedauern."
Für diese Tat wird Martin N. zu acht Wochen Sozialdienst verurteilt. Der Gutachter bittet für den Angeklagten um Verständnis. Neid und Hass auf wohlhabende Familien sieht er als Motiv. Martin N. habe kein eigenes Zimmer gehabt und keine Freunde mit nach Hause bringen dürfen.
Tatsächlich scheint sich Martin N. zu fangen. Er macht Abitur, studiert Mathematik auf Lehramt an der Universität Bremen. "Er war ein ganz ruhiger, zurückhaltender, absolut unauffälliger Typ", erinnert sich ein ehemaliger Kommilitone. Martin N. ist über 1,90 Meter groß, blond und sehr schlank. "Schon alleine von seiner Art und Gestalt her, verstand er es, sich Respekt zu verschaffen", sagt der ehemalige Mitstudent. Das bemerken auch die Professoren, die Martin N. als Tutor einsetzen. Fortan bringt er jüngeren Lehramtsstudenten "Analysis für die Primarstufe und die Sekundarstufe I" bei. "Der Professor war begeistert von ihm", erinnert sich ein Kommilitone. "Er sagte immer: Der Herr N. macht das richtig gut. Der bringt die Leute mit seiner ruhigen Art zum Arbeiten."
Im Mai 1992 wird im Stadtwald von Verden die Leiche des 13-jährigen Stefan Jahr gefunden. Er ist vermutlich das erste Opfer von Martin N. Der Student soll sich etwa zu dieser Zeit in Bremen auch in einem politischen Jugendverband engagiert haben. Der Verband sah sich jedoch nicht in der Lage, diese Information zu dementieren oder zu bestätigen.
1994 wird in Bremen wieder gegen Martin N. ermittelt. Diesmal wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern. Das Verfahren wird eingestellt. Die Akten sind zwischenzeitlich vernichtet. Im Jahr darauf wird der achtjährige Dennis Rostel bei Flensburg ermordet. Martin N. soll sich zu dieser Zeit in der Nähe ein Ferienhaus gemietet und das Kind eine zeitlang gefangen gehalten haben. Das Lehramtsstudium bricht er ab, sattelt um auf Sozialpädagogik. In den folgenden Jahren kommt es zu zahlreichen Missbrauchsfällen in und um Bremen. Die Zeugen beschreiben einen auffällig großen Mann, schwarz gekleidet mit Maske.