"Enttäuschung im 'Wir sind Papst'-Land"

12. Februar 2013, 10:03 Uhr

Wird Benedikt XVI. als großer Papst in die Geschichte eingehen oder wird ihm der desolate Zustand der katholischen Kirche zur Last gelegt werden? Die Pressestimmen aus dem In- und Ausland.

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Die Rücktrittsankündigung des Papstes ruft in der Presse unterschiedliche Reaktionen hervor©

Ist die Rücktrittsentscheidung des Papstes ein Zeichen von Mut, oder stiehlt er sich aus der Verantwortung? In der deutschen und internationalen Presse wird die Ankündigung von Benedikt XVI., sein Amt zum 28. Februar aufzugeben, unterschiedlich aufgenommen. Während einige Journalisten den Rücktritt als Chance bewerten, monieren andere den desolaten Zustand der katholischen Kirche, die der Pontifex hinterlässt.

"Süddeutsche Zeitung": "Kirche war selten so reformbedürftig"
"Es ist Größe und Tragik zugleich: Nur mit seinem Rücktritt sprengt Benedikt die Ketten der Tradition, überall sonst hat er an diese Ketten nicht gerührt, da und dort hat er sie sogar verstärkt; nur dieses eine Mal wächst er über sich, über sein Herkommen, sein traditionelles Verständnis von Kirche hinaus (...) Ecclesia semper reformanda, Kirche ist immer reformbedürftig; so heißt ein Satz, der oft Augustinus, oft Martin Luther zugeschrieben wird. Einerlei. Wenn es zu ihrem Wesen gehört, sich ständig zu erneuern, hat sie das wesentlich lange vergessen. Die Kirche war selten so reformbedürftig wie am Ende des Pontifikats Benedikts."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Introvertierter, scheuer Gelehrter"
"Dem christlichen Denker und Religionsphilosophen blieb es wichtig, während seines Pontifikats seine Interpretation von Leben und Lehre Jesu zu schreiben. (...) Die Stürme der Massenbegeisterung, die der Papst bei seinen Reisen erlebte, waren mehr das Ergebnis von Amtscharisma und lebendiger Erinnerung an seinen Vorgänger, als dass sie der introvertierte, scheue deutsche Gelehrte auf dem Papstthron selbst geweckt hätte. Ratzingers Bedeutung als Theologe ist über jeden Zweifel erhaben. Als Oberhaupt der Kirche hat er, der seine Rolle als Papst des Übergangs sah, sich in die Pflicht nehmen lassen. Zu seiner Vorstellung von Pflichterfüllung gehört dann auch, dass er in einer Zeit schwerer Prüfungen für die Kirche und andauernder Kritik an ihren Würdenträgern die Verantwortung in jüngere Hände legen will."

"Libération" (Frankreich): "Ein seltsamer Beruf"
"Woran mag ein Papst denken? Es ist ein seltsamer Beruf im 21. Jahrhundert. Er lebt in einem Zwergstaat, einem Fürstentum, und übt eine Macht aus, von der Machiavelli im 16. Jahrhundert sagte, sie sei eine Ausnahme in der Vielfalt der Formen politischer Macht. Woran mag ein Papst denken in seinen seltsamen Kleidern und seinem eigens für ihn konstruierten Fahrzeug, ein Papst, der fließend Latein spricht und gleichzeitig ein Twitter-Konto hat, um zeitgemäß zu sein? Man wird niemals wissen, ob Benedikt XVI. der körperlichen oder der metaphysischen Erschöpfung nachgegeben hat. Ob sein Körper nicht mehr die erforderliche Kraft für das Amt aufbringt. Oder ob die Seele nicht mehr glaubt, ob durch die unausweichliche Verweltlichung Zweifel entstanden sind, was vielleicht auch einem Papst passieren kann."

"Stuttgarter Zeitung": "Mut garantiert Anerkennung"
"Für seine sehr einsame, kirchenhistorisch fast einzigartige Entscheidung wird Papst Benedikt XVI. Mut gebraucht haben, der ihm umgekehrt noch einmal hohe Anerkennung garantiert. Die katholische Kirche könnte diesen Akt als Zeichen verstehen: mit einer quasi revolutionären, souveränen Geste gibt das Oberhaupt zu verstehen, dass Vernunft und Glauben sehr wohl auf einen Nenner gehen. Nur derart reformiert und belebt wird die katholische Kirche im Auftrag von Jesus Christus im 21. Jahrhundert ankommen können, ohne sich mit der Zeit gemein machen zu müssen."

"Frankfurter Rundschau": "Zutiefst verunsicherte Kirche"
"Er hinterlässt eine Kirche, die zutiefst verunsichert und geschwächt ist, die sich den Vorwurf machen lassen muss, in Fragen der Sexualmoral und der gesellschaftlichen Liberalisierung keinen Millimeter vorangekommen zu sein. Es ist bezeichnend, dass Benedikt stattdessen die Remissionierung der westlichen Länder ein zentrales Anliegen war. Für die Anliegen der Gläubigen in jenen Ländern, in denen die Kirche noch Kraft hat, in denen sie junge Leute anzusprechen vermag, hatte der deutsche Papst dagegen kaum ein Gespür."

"The Times" (Großbritannien): "Nachfolger aus Afrika wünschenswert"

"In der sozialen Ethik hat der Papst es abgelehnt, die Lehren der Kirche über die Verteilung von Kondomen zu erneuern, um die Verbreitung von Aids zu verhindern. Durch diese Haltung wird menschliches Leid fortgesetzt, besonders in südlichen Ländern. Aus diesen Gründen wäre es wünschenswert, wenn der Nachfolger Benedikts beispielsweise aus Afrika käme. Das Pontifikat von Benedikt erscheint wie die Zwischenregierung eines Führers der Christenheit, dessen intellektuelle Fähigkeiten seine körperliche Stärke weit in den Schatten stellten. Wenn der neue Papst die Energie von Johannes Paul II. und den Reformgeist von Johannes XXIII. mitbrächte, könnte er eine Neuzeit für die Kirche und ihre moralische Autorität einleiten."

"Tagesspiegel": "Kirchenpolitik verstand dieser Papst"
"So gelang es dem Mann, der sich doch einen höchst politischen Namen als Papst gab - Benedikt als Friedensstifter und Europa-Förderer - dann nie, das Wesen der Politik zu fassen. Weltlicher Politik. Er geriet bei der Ablehnung der Homosexuellen-Ehe sogar in die Niederungen der italienischen Innenpolitik. Kirchenpolitik allerdings verstand dieser Papst sehr wohl, und nicht zuletzt, sie zu betreiben. (...) Lenkende Hand der Kirche bereits zu der Zeit, hart und durchsetzungsstark an den über Jahrtausende exerzierten Regeln festhaltend; konservativ und traditionell und leider abgewandt von dem, was ihn als jungen Konzilstheologen vielleicht einmal beseelt haben mag."

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