Sex so viel Mann will - für 70 Euro. Über solche Angebote in "Flatrate-Bordellen" wird heftig gestritten. Nun wehren sich die Huren und sprechen sich für die Sex-Pauschale aus. stern.de sprach mit einer Prostituierten-Vertreterin über Ausbeutung, Moral und Sex ohne Kondome.

Damen des Flatrate-Bordells "Pussy-Club" in Fellbach bei Stuttgart räkeln sich vor dem Logo des Freudenhauses© Bernd Weiflbrod/DPA
Der Anlass war das Kesseltreiben gegen die Frauen und das Gewerbe, das sich in Süddeutschland abspielt. Hier wird auf Kosten der Frauen Unrecht begangen und Politik betrieben. Die Gegner und Politiker handeln über ihre Köpfe hinweg und stellen sie als kleine Dummerchen hin. Das muss aufhören.
Diskutieren gerne. Aber es wird eine Kampagne betrieben, die sich gegen die Prostitution richtet. Dahinter steht die Absicht, das Prostitutionsgesetz zu Fall zu bringen und diese Bordelle zu schließen.
Von den Gegnern wird ja behauptet, dass die Frauen für alles zur Verfügung stehen müssen und nicht frei wählen dürfen. Aber die Leute, die so etwas behaupten, haben sich scheinbar nicht genügend über die Arbeitsbedingungen dort informiert. Da wird völlig unsachlich diskutiert.
Ausbeutung gibt es überall. Das Flatrate-Bordell wirbt zwar damit, dass der Mann alle seine sexuellen Bedürfnisse befriedigt bekommt. Aber wenn man auf der Website weiter liest, steht genau drin, welche Frau welche Praktiken anbietet. Natürlich kann der Mann alle Frauen ansprechen. Aber er muss sich mit ihnen einigen.
Das ist falsch. Der Mann bekommt alles, aber nicht von jeder Frau.
Das sehe ich nicht so. Die Polizei war in dem Bordell und fand keinen Verstoß gegen die sexuelle Selbstbestimmung.Und nun wollen die Gegner eine Verschärfung der Strafrechtsparagrafen. In den Verträgen der Frauen steht drin, dass sie nur das machen müssen, was sie anbieten wollen.
Dass kann ich durch meine Besuche und Gespräche in dem Bordell nicht bestätigen. Natürlich besteht ein Interesse daran, mit möglichst vielen Freiern viel Geld zu machen.
Wenn Sie glauben, dass man so einen Betrieb führen kann, indem man Angst und Schrecken verbreitet, wie in manchen Billig-Supermärkten, dann täuschen Sie sich. Wenn eine Frau sagt, ich will dort nicht arbeiten, dann geht sie.
... das mag sein, dass das schwer vorstellbar ist, weil in der Öffentlichkeit das Bild herrscht, in dieser Branche gibt es immer nur Gewalt und Brutalität. Dem ist aber nicht so.
Ich habe eine Studie gemacht und das Gegenteil zu meinen Ergebnissen ist bisher noch nicht bewiesen: Demnach kommen die Ärmsten der Armen nicht auf die Idee, in ein fremdes Land zu gehen, um zu arbeiten. In diesen Bordellen sind durchaus Frauen mit Bildungshintergrund tätig, die auch schon in anderen Jobs gearbeitet haben und sich nun dafür entschieden haben, in der Prostitution mehr zu verdienen.
Sex ohne Kondom wurde schon immer angeboten. Es gibt in der Prostitution immer Frauen, und auch Männer, die das machen. Ich persönlich halte das für riskant. Aber manche Leute leben riskant.
Ja, kein Zwang.
Das sind alles nur Behauptungen. Ich kann das nicht bestätigen. Und die Polizei hat auch nichts gefunden.
Für mich ist Prostitution nichts unmoralisches...
Ich finde diese Form der Arbeitsbedingungen nicht unmoralisch. Laut Prostitutionsgesetz sollen die Frauen die Möglichkeit haben, Verträge mit den Bordellbetreibern einzugehen. Jetzt macht das ein Betreiber und dann schreien die Prostitutionsgegner Sodom und Gomorra.
Der Idealfall wäre eine abhängige Beschäftigung mit regelmäßigem Einkommen. Aber das geht gesetzlich nicht.
Ich entscheide nicht über gut oder böse. Die Frauen haben das Recht für sich selber zu entscheiden. Und wenn sie dort arbeiten wollen, kann man ihnen nicht ihren Arbeitsplatz madig machen und damit drohen, ihnen diesen wegzunehmen. Überall wird um jeden Arbeitsplatz gekämpft und hier zieht man ihn den Frauen unter dem Arsch weg.
Wir leben in einem Wirtschaftsystem, wo Ausbeutung immanent ist. Übrigens: Um zweihundert Euro zu verdienen brauchen die Frauen in den anderen Bordellen 13 Kunden. In den Flatrate-Bordellen rund 8,5 Kunden. Wenn mehr Freier kommen, dann verdienen sie weniger pro Stunde, das ist klar.
Meine Meinung spielt keine Rolle. Es steht uns nicht zu darüber zu urteilen, was unmoralisch ist und was nicht.
Wir wollen, dass Prostituierte nicht mehr diskriminiert werden. Wir wollen, dass Prostitution als ein normaler Beruf anerkannt wird. Egal, wo die Frauen arbeiten. Und wir wollen, das Prostituierte die gleichen Rechte haben wie alle anderen Menschen auch.
Dona Carmen und die Flatrate-Bordelle Anfang Juni hatte in Fellbach bei Stuttgart das Bordell "Pussy Club" ("Alles für 70 Euro") eröffnet. Ähnliche Clubs gibt es in Heidelberg, Berlin und Wuppertal. Menschenrechtsorganisationen, Politiker und Kirchenverbände verurteilen das Angebot als menschenverachtend und wollen dagegen vorgehen. Die Stadt Heidelberg erwirkte inzwischen die Schließung des örtlichen Flatrate-Bordells.
Der Prostituierten-Verein "Dona Carmen" schaltete Anzeigen in "Süddeutscher Zeitung" und "Frankfurter Rundschau" und lud führende Politiker und Kirchenvertreter zu einer Diskussion ein.
Juanita Rosina Henning ist Mitbegründerin des Vereins, der sich versteht als Prostituiertenselbsthilfeorganisation versteht und vorgibt, für die sozialen und politischen Anliegen von Prostituierten einzutreten. Der Verein finanziert sich nach eigenen Angaben ausschließlich durch Spenden, vor allem von Seiten der Prostituierten. Zwar gilt Dona Carmen als Verein mit radikalen Ansichten, aber auch andere Huren-Organisationen teilen die dessen Standpunkt in Sachen Flatrate-Bordelle. In einem offenen Brief wendet an Kanzlerin Angela Merkel heißt es: "Insgesamt steuert die Debatte in eine Richtung, die zu einer Kriminalisierung der Sexarbeit und zu ihrer Verdrängung in Grauzonen mit erhöhter Vulnerabilität zurückkehrt." Allerdings äußern die Verfasser des Briefs auch Kritik an der Sex-Flatrate, weil sie suggeriere, dass alle Variationen sexueller Dienstleistungen so oft und so lange, wie der Kunde will, geleistet werden.