Der Fall um den "Engel mit den Eisaugen" geht in die letzte Runde. Ein Gericht in Perugia wird sich entscheiden müssen: Ist die Amanda Knox Justizopfer oder kaltblütige Mörderin? Von Anke Helle

Amanda Knox - statt bunter T-Shirts trägt sie nun konservative Blusen© Pietro Crocchioni/EPA/DPA
Durch die große Türe, vorbei an den Tischen der Staatsanwaltschaft bis zum Platz ganz vorne rechts, direkt neben ihren Anwälten. Wie oft Amanda Knox diesen Weg in den letzten vier Jahren zurückgelegt hat, weiß sie vermutlich selbst nicht mehr - hunderte, wahrscheinlich eher tausende Male. Immer begleitet vom Surren und Klicken der Kameras. Das begehrte Motiv hat sich in dieser Zeit gewandelt: Statt bunte T-Shirts trägt die Amerikanerin heute konservative Blusen. Das früher charmante Lächeln, wirkt längst gequält, die Schritte bis zu ihrem Platz, wie ein Kraftakt.
Nach vier Jahren hinter Gittern ist vom einstigen Engelsgesicht nicht mehr viel übrig. Auch ihr Charakter habe sich verändert, sagt Vater Curt Knox: "Sie hat den Glauben an das Gute verloren." Er hoffte, dass seine Tochter am kommenden Montag das letzte Mal ihren einsamen Weg beschreiten muss. Dann wird das Gericht erneut darüber urteilen, ob die heute 24-Jährige gemeinsam mit ihrem Ex-Freund Raffaele Sollecito ihre englische Mitbewohnerin umgebracht hat.
Sicher ist: Das Urteil im Mordfall Meredith Kercher wird kein einfaches sein. Es gibt kein Geständnis, keine eindeutigen Beweise, stattdessen nur unzählige Indizien, die Verteidigung und Anklage jeweils zu ihren Gunsten auslegen. Am Ende werden Richter und Jury vor allem eine Frage für sich beantworten müssen. Wer ist Amanda Knox? Ist die Amerikanerin "so natürlich, schlicht und rein wie Wasser und Seife", wie ihre Verteidiger behaupten? Oder steckt hinter ihrem Engelsgesicht doch eine "dämonische, satanische, diabolische Teufelin" wie sie die Nebenanklage beschreibt? Madonna oder Mörderin? Freispruch oder lebenslänglich?
Fast vier Jahre sind seit dem Mord an der englischen Austauschstudentin Meredith Kercher vergangen: Am Morgen des zweiten November 2007 wird ihre Leiche in einer Studenten-WG im italienischen Perugia gefunden. Die 21-Jährige wurde sexuell missbraucht, gewürgt und erstochen. Auf und in ihrem Körper findet die Spurensicherung DNA von Rudy Guede, einem stadtbekannten Kleinkriminellen. Zwei Wochen nach der Tat wird er in Mainz auf der Flucht gefasst. Fall gelöst? Nur scheinbar.
Denn die Polizei hat längst zwei andere Hauptverdächtige im Visier. Amanda Knox, die amerikanische Mitbewohnerin des Mordopfers, und ihren Freund Raffele Sollecito. Die Begründung: Die beiden hätten sich bei den Befragungen merkwürdig verhalten und zunehmend in Widersprüche verwickelt. Nach 14 Stunden Verhör, ohne Anwalt und Übersetzer, bringt Amanda Knox ihren Chef, den Barbesitzer Patrick Lumumba, als möglichen Täter ins Spiel. Doch der hat ein Alibi. Nennt die Amerikanerin den Namen eines Unschuldigen, um den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen? Oder wurde sie von der Polizei unter Druck gesetzt, wie es später heißt?
Für die Ermittler ist der Fall klar: Gemeinsam mit Rudy Guede haben sich Amanda und Raffaele zu einer Sexorgie verabredet und unter der Einwirkung von Haschisch versucht, Meredith Kercher in ihr Spielchen zu involvieren. Als sich die Engländerin dagegen wehrte, habe Amanda zugestochen. Wieso ein frisch verliebtes Pärchen aus gutem Hause sich mit einem ihnen quasi unbekannten Dealer zu einer Sexorgie verabredet haben sollte, dafür hat die Staatsanwaltschaft keine Erklärung. Dafür verweist sie auf angebliche DNA-Spuren des Paars: Von Raffaele am BH-Verschluss des Opfers und von Amanda auf der vermeintlichen Mordwaffe. Auch einen Augenzeugen präsentieren die Ermittler, der die beiden am Mordabend in der Nähe des Tatorts gesehen haben will.
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