Die erstochenen Eltern und der Ex-Freund

28. Januar 2013, 21:12 Uhr

Es war das tragische Ende einer großen Liebe: Ein 21-Jähriger tötet die Eltern seiner Ex-Freundin. Die 17-Jährige hilft ihm, die Leichen zu beseitigen. Der Täter steht nun in Landshut vor Gericht. Von Malte Arnsperger

Doppelmordprozess, Gericht Landhut, Notzing

Tatort Notzing. In diesem so friedlich wirkenden Einfamilienhaus erstach Matthias W. im März 2012 die Eltern seiner Ex-Freundin.

Im September 2009 stellen Freunde Clara R.* und Matthias W.* einander in einem Wirtshaus vor. Clara R. ist ein schlankes, großes Mädchen mit braunen Locken. Sie lebt in dem 1000-Einwohner-Ort Notzing nördlich von München mit ihren Eltern Lisa* und Georg R.* in einem weißgetünchten Eigenheim, zwei Stockwerke, großer Garten. Vater Georg arbeitete für die Motorradsparte für BMW, mit ihm und der Mutter geht sie regelmäßig auf Tour. Clara R. ist ein fröhliches, offenes Mädchen, war Mitglied in der örtlichen Faschingsgilde und ist beliebt bei ihrer Clique. Ihren ersten Freund trifft sie im Herbst 2009. Es ist Matthias W.

Der hagere Junge ist das genaue Gegenteil. Er ist schüchtern, ein Außenseiter, im Eishockey-Verein will niemand sein Freund sein, und in der Schule wird er wegen seiner großen Nase als Pinocchio verspottet. Er beendet die Hauptschule ohne qualifizierenden Abschluss, macht später eine Lehre als Anlagenmechaniker. Seine Schwester nennt ihn "blöden Hauptschüler". Mit ihr und seiner Mutter streitet sich Matthias W. oft und heftig, er würgt und schlägt sie. Im Oktober 2010 verprügelt Matthias W. seine Schwester so sehr, dass sie Anzeige erstattet. Für den Prozess untersucht ihn ein Landgerichtsarzt. Matthias W. erzählt dem Mediziner, er sei als Kind öfter von seinem Vater geschlagen worden. Zudem würden sich seine Eltern seit Jahren streiten und mittlerweile getrennt leben. Sein Selbstwertgefühl sei schnell "verunsicherbar". Der Gutachter stellt bei Matthias W. Reifeverzögerungen und eine eingeschränkte Frustrationstoleranz fest.

Schwierige Kindheit

Auch seine neue Flamme Clara R. wurde offenbar mehrfach von Matthias W. geschlagen. Trotzdem plant sie mit ihm schon nach kurzer Zeit ihre Zukunft. Sie verloben sich, sie hilft ihm beim Hausbau in Lengdorf. Matthias W., der einen erbitterten Scheidungskrieg zwischen seinen Eltern erlebt, fühlt sich bei Clara R. geborgen. Seiner Schwester soll er mal gesagt haben: "Ich bin mir bei ihr sicher, ich will sie heiraten. Es ist meine Frau des Lebens."

Matthias W. will das wesentlich jüngere Mädchen ganz für sich. Die beiden igeln sich tagelang in ihren Zimmern ein, Clara R. hat kaum noch Kontakt mit ihrer Clique. Ihre Eltern verbieten die Beziehung nicht, sind aber über den Freund ihrer Tochter gar nicht begeistert. Matthias W. berichtet nach dem Mord über sein Verhältnis zu Mutter Lisa R.: "Schlecht" sei es gewesen, "weil die Mutter ja mit der Beziehung nicht einverstanden war. Die Mutter hat immer wieder zu ihr gesagt, sie soll doch nicht so blöd sein und soll mit mir schlussmachen".

Leichen im Keller

Anfang März 2012 trennt sich Clara R. von Matthias W. Sie trifft sich wieder mit einer Freundin zum Eisessen und zum Tanzen, fährt mit einem Bekannten ins Autokino. Sie meldet sich bei Facebook an, am 11. März um 01:11 Uhr ändert sie in dem sozialen Netzwerk ihren Beziehungsstatus von "es ist kompliziert" in "Single".

Matthias W. ist traurig, sein Traum vom gemeinsamen Leben im Eigenheim ist zerstört. Und er ist wütend, vor allem auf die Mutter von Clara. Am Morgen des 30. März, einem Freitag, fährt er zu deren Haus. Er weiß, dass die Eltern nicht da sind. Matthias W. schlägt eine Kellerscheibe ein und wartet im Wohnzimmer. Um 8 Uhr läuten die Glocken der nahen Kirche, fast gleichzeitig kommt Georg R. zurück. Matthias W. stürzt sich mit einem Messer aus der Küche auf ihn, tötet ihn nach einem Gerangel mit mehreren Stichen. Matthias W. zieht die Leiche in den Keller, deckt sie mit Bettwäsche aus dem Gästezimmer zu. Dann nimmt er sich aus dem Waschraum Schwamm und Handtücher und fängt an, das Blut weg zu wischen. Gegen 10.30 Uhr betritt Lisa R. das Haus. Matthias W. wartet auf der Kellertreppe und ersticht auch sie. Die Leiche legt er neben den toten Georg.

Am Nachmittag kommt Clara R. von ihrer Ausbildungsstelle, einem Autohaus, nach Hause. Matthias W. sagt später in Vernehmungen, er habe das Mädchen in ihr Zimmer gebeten und ihr dort erzählt, was passiert ist. Clara R. sagt, ihr Ex-Freund habe sie mit dem Messer bedroht und in ihrem Zimmer mit Kabelbinder an einen Stuhl gefesselt. Tatsächlich finden die Ermittler Kabelbinder bei anderen weggeworfenen Tatutensilien.

Dann führt der Mörder Clara R. zu den Leichen ihrer Eltern. Sie sei schockiert gewesen und habe geweint, sagt Matthias W. nach der Festnahme. Er habe sie gefragt, ob er sie in den Arm nehmen solle und ob sie wieder mit ihm gehe. Ja, sei die Antwort gewesen.

Leichnam verkohlt, aber verbrennt nicht

Sie beschließen, die Leichen zu verbrennen. Das sei der Wunsch der Eltern gewesen, sagt Clara. Weil im Lancia der Mutter nicht genug Platz ist, fahren sie nur mit der Leiche von Georg R. im Kofferraum zu Matthias W.s Rohbau nach Lengdorf. Dort legen sie den toten Mann in den Pumpensumpf, stopfen Holz dazu, schütten mehrfach Spiritus und Benzin auf die Leiche. Nach zwei Stunden merken sie, dass der Körper verkohlt aber nicht verbrennt. Sie legen die Leiche wieder ins Auto und fahren zurück nach Notzing. Sie versuchen vergeblich, Georg R. bei einem Weiher zu vergraben. Gegen drei Uhr nachts fangen sie an, eine Grube im Garten des Tathauses auszuheben und legen beide Leichen hinein. Ein Zeitungsausträger beobachtet sie sogar dabei. Nach getaner Arbeit fallen Matthias W. und Clara R.um kurz nach 6 Uhr morgens in der Wohnung von Matthias W.s Mutter in Freising ins Bett.

Am Tag nach dem Mord stehen Matthias W. und Clara R. gegen 11 Uhr auf. Der junge Mann verkündet seiner Mutter, dass das Mädchen einziehen wolle. Die beiden kaufen beim Obi weiße Farbe und fahren zurück zum Tatort nach Notzing. Bis abends wischen und malern sie, um die Blutflecken zu entfernen. Zwischendurch ruft Claras Bruder an und fragt nach den Eltern. Mit der Ausrede, die seien verreist, wimmelt ihn seine Schwester ab. Nach den Malerarbeiten geht sie mit Matthias W. beim Chinesen in Freising essen. Sie schauen fern, gehen ins Bett, schlafen miteinander.

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