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Kopfwelten: Risikozone Schule

Auf den Amoklauf von Ansbach folgten die üblichen Forderungen: Lehrer sollten aufmerksamer sein, Eltern beschützender erziehen. Die Gründe, die jemanden zum Täter machen, sind aber komplexer.

Von Frank Ochmann

Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes hatte gleich einen Verbesserungsvorschlag, nachdem Mitte September 2009 der 18-jährige Georg R. im bayerischen Ansbach mit Axt, Messern und Brandsätzen bewaffnet in sein Gymnasium gestürmt war. Dort hatte er das angerichtet, was bei uns zumeist als "Amoklauf" bezeichnet wird. Alarmknöpfe fürs Lehrerpult müssten her, meinte Hans-Peter Meidinger. Zwei am besten. Einer für gewöhnliche Brände, ein anderer für Amok.

Aber warum schlagen jugendliche Gewalttäter wie die aus Ansbach, Winnenden oder Erfurt durchweg in Schulen zu, nicht aber im Sportverein oder an Tankstellen, in Rathäusern, Kirchen oder Einkaufszentren? Zufall?

Was im Deutschen mit dem Begriff "Amoklauf" eher vernebelt als beschrieben wird, heißt in der Fachliteratur meist "school shooting" oder "school rampage shooting", also Schulschießerei oder Schulschießerei, die mit einem Wutausbruch verbunden ist. Tatsächlich gehört zu solchen Taten zumindest vom äußeren Eindruck her ein Element des Haltlosen, des Ausrastens. Dass dem aber zumeist lange Phasen der Vorbereitung vorausgehen, zeigt deutlich, wie wenig solche Schießereien einfach nur einem Kontrollverlust oder plötzlichem Irrewerden entspringen. Vielmehr staut sich da etwas an, verfestigen sich gedankliche und gefühlsmäßige Strukturen, die dann irgendwann einen Kopf "scharf" machen wie eine Bombe.

Lassen sich also soziale Verhältnisse wie entlang einer chemischen Rezeptur zusammenrühren, bis es sicher und wiederholbar knallt? Wären die oft herangezogenen Gewaltvideos oder Fluchten in virtuelle Computerwelten der Kern des Problems, müsste es jeden Tag mindestens ein Dutzend Mal knallen. Nicht nur bei uns, sondern überall da, wo das Internet über Breitbandanschlüsse verfügbar ist und Jugendliche mit wachsender Erregung vor sich hin daddeln und ballern. Tut es aber nicht.

Und was ist mit der ebenfalls oft herangezogenen Traumatisierung? Werden alle oder wenigstens so gut wie alle "Amokläufer" zuvor aufs Schlimmste geprügelt, missbraucht und isoliert? Selbst wenn es so wäre: Warum richten dann nicht alle, die so Schreckliches erlebt haben, ein Blutbad an? Und - ein weiterer Grund, der oft angeführt wird - warum verüben nicht alle Waffenbesitzer ein Massaker, wenn es doch angeblich die Waffe ist, die zur Gewalt verleitet?

Die meisten Täter kamen aus intakten Familien

Peter Langman, Psychologe und klinischer Direktor des Forschungszentrums der vor über hundert Jahren gegründeten Kinderhilfsorganisation "KidsPeace", ist einer der weltweit führenden Experten für Angriffe auf Schulen wie den von Ansbach. In einer vor kurzem erschienenen detaillierten Analyse von zehn jugendlichen "Amokläufern" im Alter von 11 bis 23 Jahren, die von 1997 bis 2007 in den USA zuschlugen und die ausgewählt wurden, weil über sie besonders viele und in sich nicht widersprüchliche Informationen existieren, kommt Langman zu folgendem Resultat:

Von den zehn Tätern waren drei psychisch traumatisiert. Sie waren körperlich oder sexuell oder auch in beiderlei Hinsicht missbraucht worden und hatten mindestens einen Elternteil, der kriminell geworden war und/oder Drogen konsumierte.

Bei fünf Tätern diagnostiziert Langman eine schwere psychotische Störung. Alle stammen aus intakten Familien, in denen kein Elternteil Drogen nahm, kriminell geworden war oder sich an den Kindern vergangen hatte. Die psychischen Besonderheiten der Täter umfassten Schizophrenie oder schizoide Persönlichkeitsstörungen, paranoide Wahnvorstellungen und das Hören von inneren Stimmen.

Zwei der Täter schließlich zeigten ein typisches psychopathisches (oder wie es hierzulande auch heißt: soziopathisches) Persönlichkeitsbild mit ausgeprägtem Narzissmus, sadistischen Neigungen und einem auffallenden Mangel an Mitgefühl und moralischen Affekten, die man als "Gewissen" bezeichnen könnte. Auch diese beiden Jugendlichen kamen aus intakten Familien.

An dieser Analyse ist zumindest eines bemerkenswert: Wohl nur bei dreien der zehn untersuchten Jugendlichen hätte ein besseres Elternhaus und eine unterstützende, liebende Umgebung womöglich die Tat verhindert. Die anderen erfuhren zuhause Zuwendung und lebten in Verhältnissen, in denen eine Sozialisierung normalerweise gelingen müsste. Sie gelang nicht. Und das offenbar, weil die besondere Persönlichkeit des späteren Täters das nicht zuließ.

Mangelt es tatsächlich an Aufmerksamkeit?

Arbeiten wie die von Langman machen deutlich, wie genau man hinsehen muss, wenn man auch nur halbwegs einschätzen will, was zu einer Bluttat beigetragen haben könnte. Vielleicht besteht beim Täter von Ansbach, der überlebt hat, die äußerst seltene Gelegenheit, solche Einsichten auch noch im Nachhinein zu gewinnen. Doch selbst dann, wenn man mögliche psychische Störungen mit ins Kalkül zieht, bleibt das Phänomen, dass es auch in Ansbach wieder eine Schule, dass es Lehrer und Mitschüler getroffen hat.

Dort bemüht man sich, so schnell wie möglich "zur Normalität zurückzufinden", wie es in verschiedenen Erklärungen Tage nach der Tat hieß. Aber was ist diese "Normalität"? Sind die "normalen" Verhältnisse schon deshalb ohne Bedeutung für die Tat, weil zumindest eine Mehrzahl der um sich schießenden und schlagenden Jugendlichen unter schweren psychischen Störungen leiden könnte?

Das allerwichtigste sei jetzt eine "Kultur des Hinschauens und Hinhörens" zu fördern. Da waren sich die Pädagogenverbände mit vielen anderen Kommentatoren einig. Denn es fehle offenbar an gegenseitiger Aufmerksamkeit in der Schule. Durch die aber hätten solche Bluttaten womöglich verhindert werden können. Das klingt zunächst vernünftig und fand auch viel Beifall. Doch wie kann es an einem Ort an Aufmerksamkeit fehlen, an dem Menschen Tag für Tag beobachtet und beurteilt werden wie sonst an keinem anderen, vielleicht einmal abgesehen von Gefängnissen und Kasernen?

Das eigentliche Problem, so scheint es, ist nicht die mangelnde Aufmerksamkeit, sondern das genaue Gegenteil: Wer zur Schule geht, wird andauernd beobachtet, kontrolliert und bewertet. Und das gleich in zweifacher Hinsicht. Nicht nur "vertikal" von Seiten der Lehrer, sondern auch "horizontal" von den anderen, den Mitschülern und Altersgenossen. Geht es bei den einen um Disziplin, Auffassungsgabe und Leistung, steht bei den anderen im Mittelpunkt, wie "konform" einer ist und wo er oder sie in der sozialen Hackordnung stehen. Das ist im außerschulischen Leben natürlich nicht viel anders. Doch an kaum einer anderen Stelle trifft einen jungen - und auch im Kopf noch reifenden - Menschen die Frage, wer er ist und wo er im sozialen Gefüge steht, so konzentriert und oft wohl auch so gnadenlos.

Viele kommen damit irgendwie oder sogar ganz gut zurecht. Sie finden ihre Clique, haben hinreichend Unterstützung von zuhause und dazu genügend stabile psychische Voraussetzungen, die es ihnen erlauben, ihren Weg zu gehen. Und die andern? Für sie kann die Schule der Ort schlimmster Demütigung werden. Weil er mit solchen Analysen wohl schon rechnete, erklärte Manfred Kraus, der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes vorbeugend, es sei "schäbig", aus Ansbach oder Winnenden oder Erfurt Kapital für Angriffe auf das leistungsorientierte Schulwesen schlagen zu wollen. Die Frage aber, warum es einem jungen Kopf gut tun soll, gleichsam in einem sozialen Druckkochtopf erwachsen werden zu müssen, beantwortet das nicht.

Literatur:

Fuchs, W. 2009: Lehrerverband warnt vor Patentrezepten und vor einem ideologischen Missbrauch von "Ansbach", Presseerklärung des Deutschen Lehrerverbandes vom 18.9.

Henry, S. 2009: School Violence Beyond Columbine - A Complex Problem in Need of an Interdisciplinary Analysis, American Behavioral Scientist 52, 1246-1265

Hertzfeld, E. 2009: DPhV-Vorsitzender plädiert nach erneutem Amoklauf für regelmäßiges verstärktes Sicherheitstraining an Schulen, Pressemitteilung des Deutschen Philologenverbandes vom 18.9.

Langman, P. 2009: Rampage school shooters: A typology, Aggression and Violent Behavior 14, 79-86

Langman, P. 2009: Why Kids Kill - Inside the Minds of School Shooters, New York: Palgrave Macmillan, deutsch: Amok im Kopf - Warum Schüler töten, Weinheim: Beltz

Lutz, M. & Kuhn, P. 2009: Philologenverband fordert Alarmknöpfe in Schulen, Welt online, 18.9., 16:52 Uhr