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7. März 2010, 12:47 Uhr

"Kinderfreie Zone" im Café sorgt für Streit

Schreiender Nachwuchs, Gewusel rund um die Tische - Kinder im Café können manchmal anstrengend sein. Um die Nerven der Gäste zu schonen, hat ein Berliner Gastronom in seinen Räumen eine "kinderfreie Zone" eingerichtet. Doch längst nicht alle Kunden sind begeistert.

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Kinder müssen draußen bleiben: Im Berliner "Café Niesen" sollen Erwachsene auch einmal ungestört reden können© Marcel Mettelsiefen/DPA

Kinderlachen schallt durch das kleine "Café Niesen" im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Bauklötze klappern, zwei Jungen spielen Fangen. Mittendrin einige Mütter, die ihre Babys stillen. Ein typischer Nachmittag in dem Ecklokal, das als sehr kinderfreundlich gilt - jedenfalls bisher. Denn seit Jahresbeginn gibt es hier eine "kinderfreie Zone" oder, freundlicher ausgedrückt, ein Séparée, das nur Erwachsenen offensteht. Doch um den kleinen Ruheraum ist jetzt ein Streit entbrannt.

"Das ist eines der Symbole dafür, dass sich Deutschland in eine kinderentwöhnte Gesellschaft entwickelt", sagt der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers. Und auch die Berliner Parteien fühlen sich von dem Angebot auf den Plan gerufen. So hält die SPD die Abtrennung für "eine geschmacklose Aktion".

Dabei sollen die etwa acht Stühle und die Polstersitzecke im kinderreichen Berliner Szene-Viertel Prenzlauer Berg nur ein Rückzugsort für gestresste Eltern, Pärchen und Zeitungsleser sein. Nadja Willner (33) kommt regelmäßig ins Café. In das Nebenzimmer würde sie sich nicht setzen. "Das hat so was von Raucherraum." Separierung jeder Art finde sie "etwas gruselig".

"Kinder machen keinen Lärm"

Sandra Merseburger sitzt dagegen gerne dort. "Wenn hier in den Stoßzeiten 20 kleine Kinder rumrennen, gehe ich rüber - das ist besser, als wenn die ganze Zeit Schreialarm angesagt ist", sagt die kinderlose 36-Jährige. Doch Kinderschutzbund-Chef Hilgers bleibt dabei: "Kinder machen keinen Lärm, sie drücken ihre Lebensfreude aus. Das sollte Musik in den Ohren der Gesellschaft sein", sagt er.

Wenn jemand in Prenzlauer Berg ausgegrenzt werde, dann seien das bestimmt nicht die Kinder, sondern die Paare ohne Nachwuchs und die Singles, findet Olivia Kraußer. "Man fühlt sich echt als Minderheit hier." Als sie vom Angebot hörte, dachte sie, alle Kinderlosen würden hierher verbannt, sagt die 33-Jährige und lacht. Die schnullerfreie Zone findet sie in Ordnung. "Es ist einfach eine Erweiterung des Cafés." Eine Kinderecke gebe es schließlich auch, warum also keine Erwachsenenecke?

Das sieht der Mitinhaber des Cafés, Klaus Schulte, genauso. Die Aufregung ärgert ihn. Immer wieder hätten sich Gäste über die herumwuselnden Kinder beschwert. Die Idee sei von Eltern selbst gekommen, "damit sie mal in Ruhe ihr Süppchen essen können". Dies sei weder diskriminierend, noch ein Affront gegen Kinder, beteuert der 49 Jahre alte Vater einer vierjährigen Tochter.

Mütter reagierten "hysterisch"

Bei aller Kinderliebe: "Es gibt doch definitiv mal den Moment, wenn man entnervt ist von dem Geschrei", sagt Schulte. Einige Mütter hätten "hysterisch" reagiert und sich demonstrativ mit ihrem Nachwuchs in das stille Zimmer hineingesetzt. Das seien aber Einzelfälle gewesen, betont Schulte.

Auch der junge Vater Christian Schmitz ist begeistert. "Kinderfreie Zone? Cool!" Hier könnten sich die Singlefrauen dem sozialen Druck entziehen. Immer wieder höre er von kinderlosen Freundinnen, die sich zwischen den vielen Müttern in ihrem Kiez wie ein Fremdkörper vorkommen: "Du hast keinen Kinderwagen dabei, bist nicht schwanger, hast keinen Mann - was macht du dann in Prenzlauer Berg?"

Christine Cornelius/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 45)
 
botoxia (08.03.2010, 12:16 Uhr)
Liebe Eltern.
Ihr liebt eure Kinder und stilisiert sie zum Mittelpunkt eures Denkens und Lebens. Gut. Warum mutet ihr aber dann euren armen Kindern zu, in einer Umgebung zu spielen, die für Kinder nichts zum spielen zu bieten hat? Warum zwingt ihr eure Kinder in langweilige Cafe´s? Warum macht ihr an euren freien Nachmittagen nicht Ausflüge in den Park, auf den Spielplatz, ins Schwimmbad, ins Kindertheater, zu Freunden, also zu irgendeinem Ort, an dem sich eure Kinder kindgerecht entfalten können? Warum seid ihr denn da plötzlich so egoistisch dem eigenen Kaffeedurst und Faulheitswunsch nachzugeben und eure Kinder in Cafe´s schleifen? Und dann auch noch aufregen, dass es Leute gibt, die soooo egoistisch sind, dass sie in einem Cafe´ nur einen klitzekleinen Raum mit Ruhe vor tobenden und unweigerlich irgendwann heulenden Kindern haben möchten.
giangastone (08.03.2010, 11:47 Uhr)
"Kinderfreie" Logik brandgefährlich
talbot.two (07.03.2010, 22:26 Uhr),elllen (07.03.2010, 22:41 Uhr); Für Ruhezeiten und Rückzugsräumehabe ich vollstes Verständnis. Dafür, dass Kinder das Problem sein sollen aber nicht. Vielleicht kommt dann irgendeiner, der sich "bedroht fühlt", auf die Idee, in BERLIN -KEUZBERG in Cafés Rückzugsräume für Deutsche einzurichten. Die "Mechanik" dieser Logik ist eben brandgefährlich und mE sehr germanisch.
elllen (07.03.2010, 22:41 Uhr)
Um das nochmal zu bemerken...
die Situation im Prenzlauer Berg hat nichts mit Bundesdurchschnitt zu tun. Es ist ein Baby-Boom-Bezirk mit überdurchnittlichen Geburtenraten. Da wird im Cafe (oder auf der Straße) gestillt und das ohne blöde Blicke. Da sind überall Kinder, die Infrastruktur ist extrem kinderfreundlich, in den Restaurants und überall sonst sind die Kinder, man kann sie überall mit hinnehmen. Die Kinder werden hier überall mit einkalkuliert, sie sind gewiss nicht am Rande. Man ist darauf eingestellt. Man könnte weitaus eher auf die Idee kommen, dass man im Prenzlauer Berg ohne Kind zur Randgruppe gehört.
Es scheint doch eher der Tonfall, welcher für Unmut sorgt. In der Bahn gibt es solche Zonen nun auch, und mit etwas Rücksicht, setzt man sich mit seinem Kind in einen solchen Bereich eben nicht.
talbot.two (07.03.2010, 22:26 Uhr)
Ein wenig mehr Empathie
@ giangastone:
Hört sich ja wirklich nett an mit dem Analogieschluss, aber Verbote oder Regelungen sind nun mal auch Teil unserer Gesellschaft, ebenso wie Kinder. Auch "Zonenregelungen" sind Bestandteil unseres Alltags (Raucherfreie-Zone, Umweltzonen für KFZ und im weitesten Sinne sogar die 2-Klassen-Gesellschaft im Bereich der Krankenversorgung). Dadurch werden Bedürfnisse der Gesellschaft gedeckt; gibt es genug Bedarf an "kinderfreien" oder "Ruhezonen" kann man den Bedarf der Leuten nicht einfach ignorieren!!
Ich hab in Südamerika in Kinderheimen gearbeitet und wenn ich ehrlich bin gab es da auch Zeiten in denen ich froh war mal nur von Erwachsenen umgeben zu sein. Macht mich das zu einem Kinderhasser? Wohl kaum!
Natürlich liebe ich meine Kinder, aber ich kann durchaus auch nachvollziehen, dass andere Menschen meine Kinder anders sehen und an ihrer "Lebenslust" nicht teilhaben wollen. Das nennt man Empathie und würde allen Seiten besser stehen, als sich immer gleich gegenseitig vorzuverurteilen!
Mein Appell: Eltern und die, die es noch werden wollen, nehmt Rücksicht auf die gegenseitigen Bedürfnisse, denn sie haben beide ihre Berechtigung!
giangastone (07.03.2010, 21:45 Uhr)
Diskriminierung
Kinderlärm ist natürlich (auch) Lärm. Soweit korrekt. Prüfen wir doch einfach mit Hilfe des ANALOGIESCHLUSSES aus der Philiosophie, ob solch ein Vorgehen in Ordnung ist: Was würde man wohl sagen, wenn: an diesem Raum NICHT FÜR RENTNER oder NICHT FÜR SCHWULE oder NICHT FÜR FRAUEN oder NICHT FÜR AUSLÄNDER stehen würde? Übelst, oder? Warum dann aber eine kinderfreie Zone?
Falls es tatsächlich nur um Ruhe geht, hilft auch das Schild RUHERAUM. Dann wäre darauf hingewiesen, dass auch Erwachsene nicht wild drauflosschnattern und der gestresste Kaffeetrinker sich entspannen kann. Darum scheint es den Betreibern aber nicht zu gehen.
nasowas (07.03.2010, 20:40 Uhr)
kinderfeindliches Land
es muss sich keiner Wunder, dass die Gesellschaft in Deutschland immer mehr veraltet und nicht einmal mehr "Bestandsschutz" betrieben wird, sprich Geburten gleich Sterbefälle. In diesem Land wird das Kinder-Kriegen und vor allen Dingen das Kinder-Haben zur Farce. Wer mal über den Tellerrand hinausschaut, wird sehen, dass es es anderen Gesellschaften durchaus möglich ist, ein Umfeld zu schaffen, in dem Kinder willkommen und gerne gesehen sind. In diesem Land macht es allerdings keinen Spass, da der Tenor offensichtlich der ist, dass Kinderkriegen Privatvergnügen ist und gefälligst auch als solches zu betreiben, sprich ohne dass es der Nächste etwas davon mitbekommt. Schade!
elllen (07.03.2010, 19:59 Uhr)
"kinderentwöhnte Gesellschaft" im Prenzlauer Berg??
Absolut lächerlich! Hier sind die Kinder an der Macht. Herr Hilgers scheint den speziellen Fall etwas falsch zu verstehen. Hier sind alle Lokale von Kindern bevölkert und in der Regel auch ohne jegliche Einschränkungen. Das Menschen aber auch einmal ohne den Wusel ins Cafe wollen, zum Beispiel zum Lesen, Reden oder Arbeiten, ist doch legitim und sicherlich auch von vielen Eltern akzeptiert. Natürlich machen Kinder Lärm. Und natürlich ist das Leben am besten wenn jeder auf seine Kosten kommt. Dazu gehört auch: gemütlich im Cafe. Ich (natürlich mit Kind im Prenzlauer Berg) habe nicht das geringste Problem damit. Sondern Verständnis.
joschitura (07.03.2010, 18:29 Uhr)
Das Problem
Ach Herr Hilgers, Kinder machen keinen Lärm ? Lärm ist meßbar in db - und was manche Kinder absondern, entspricht der Lautstärke eines startenden Jets. Aber um einen Spruch, der ursprünglich auf Hunde und Hundebesitzer gemünzt war, zu paraphrasieren, meine ich, das Problem sind nicht die Kinder, sondern die Eltern. Die bringen ihrem Nachwuchs nämlich nicht mehr das bei, was man in einem fernen Jahrhundert "Manieren" nannte. Da rennen die lieben Kleinen durch die Gegend und niemand wehrt ihnen. In den kinderfreundlichen USA dürfen Kinder übrigens weder in der Einkaufsmall noch im Freibad rennen:
Don´t run ! ist dort einer der meistgehörten Sätze. Und zwar weil sie sich verletzen könnten.
Hanneh (07.03.2010, 18:04 Uhr)
Kinder gehören dazu
Heinz Hilgers hat Recht.
Kinder als Zukunft unserer Gesellschaft sollten auch im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses stehen.
Das tun Kinder in unserer jetzigen Gesellschaft jedoch nicht.
Wer sich für ein Kind entscheidet, muss erhebliche finanzielle Einbußen in Kauf nehmen. Darüber hinaus machen Eltern häufig die Erfahrung mit Kindern unerwünscht zu sein. Kinder stören die Mittagsruhe, das Ambiente in Restaurantes, etc.
Die Selbstverständlichkeit, dass Kinder zur Gesellschaft gehören und ein wichtiger Bestandteil sind, geht immer mehr verloren. Kinder müssen einerseits wieder einen normalen Stellenwert erhalten, andererseits benötigen sie aber auch eine viel größere Aufmerksamkeit.
Kinder sind liebenswert und wir Erwachsenen können so viel von ihnen lernen.
barry1111 (07.03.2010, 17:59 Uhr)
Angst vor Verantwortung
Häufug haben junge Eltern Angst sich bei ihren kndern durch zu setzten. Ungezügeltes Benehmen in der Öffentlichkeit wird mit Freiheit verwechselt.
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