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"Ich bin doch keine Massenmörderin!"

Auf ihrer Station starben während der Nazi-Zeit 159 Menschen. Ob es zum Prozess gegen Dr. Rosemarie Albrecht kommt, ist zweifelhaft: Die 89-Jährige, in der DDR Vorzeige-Ärztin, kann sich auf alte Seilschaften verlassen.

Selma Albrecht starb einen qualvollen Tod. Ihre Peiniger stachen ihr in den Rückenmarkskanal, pumpten Luft ins Hirnwasser. Anschließend vergifteten sie die junge Frau langsam mit Schlafmitteln. Selma Albrecht aus Naumburg an der Saale war 34, als sie starb. Sie hinterließ ihren Mann Hans und den siebenjährigen Sohn Gerhard. Ihr Tod wurde nie gesühnt.

Wenn die emeritierte Medizinprofessorin Dr. Rosemarie Albrecht aus dem Wohnzimmerfenster ihrer Villa sieht, blickt sie auf mächtige Bäume in ihrem Garten. Lange ist es her, dass die Äste der Kastanie, des Nussbaums und der Akazie gestutzt wurden. Rosemarie Albrecht lässt sie wachsen, wie die Natur es will. "Wenn ich sterbe, werden meine Bäume bestimmt gefällt", sagt die 89-Jährige. Im Aquarium brummt die Wasserpumpe. Auf der Fensterbank stehen Alpenveilchen in akkurater Reihe. Albrecht wirkt zerbrechlich. Sie hört schwer, beim Gehen stützt sie sich auf einen Stock. Ihr Lächeln ist das einer reizenden alten Dame.

Karriere in zwei Diktaturen

Albrecht war eine international angesehene Kapazität auf dem Gebiet der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (HNO). Sie hat in zwei Diktaturen Karriere gemacht: im Nationalsozialismus und im Sozialismus. In der DDR brachte sie es zur Dekanin der Medizinischen Fakultät der Universität Jena, war Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Rosemarie Albrecht wurde in der DDR mit Preisen überhäuft und als "Verdienter Arzt des Volkes" geehrt.

Die Staatsanwaltschaft Gera hält Rosemarie Albrecht für eine Mörderin. Die Ermittler haben Anklage gegen die Ärztin erhoben, weil sie im April 1941 ihre Patientin Selma Albrecht in der thüringischen Landesanstalt Stadtroda für "medizinische Übungen" missbraucht und vergiftet haben soll. 159 Menschen sind damals auf der Station von Rosemarie Albrecht ums Leben gekommen, darunter elf Kinder. Die Staatsanwaltschaft konnte 125 Krankenakten sicherstellen. In den meisten Fällen sind die Akten lückenhaft. Wie bei Melitta Opfermann, die 1940 in Stadtroda überraschend ums Leben gekommen war. Ihre Enkelin Renate Beck hofft, den Tod ihrer Großmutter noch aufklären zu können - wohl vergebens.

Denn nur die Krankenakte Selma Albrecht trägt vor allem eine Handschrift - die von Rosemarie Albrecht. Drei Gutachter - ein Psychiater, ein Internist und ein Pharmakologe - sind sich einig, dass die Patientin mit hoher Wahrscheinlichkeit vergiftet worden ist. Ob der Ärztin je der Prozess gemacht wird, ist fraglich. Das Landgericht Gera hat noch nicht entschieden, ob das Verfahren eröffnet wird.

Der Fall Albrecht ist die Geschichte einer deutschen Nachkriegskarriere. Ein Lehrstück über das Wegsehen, das Schweigen, über alte Seilschaften und darüber, wie zögerlich noch heute gegen mutmaßliche NS-Täter ermittelt wird.

Wege kreuzen sich in Stadtroda

In Stadtroda kreuzen sich 1941 die Wege zweier Frauen, die bis auf den Nachnamen nichts gemein haben. Die 25-jährige Assistenzärztin Rosemarie Albrecht leitet die Frauenabteilung mit 200 Betten, ihre erste Stelle. Obwohl die junge Ärztin das Studium mit der Note "sehr gut" bestanden hat, muss sie sich bewähren. Ihre Mutter ist Japanerin, Rosemarie Albrecht damit "nicht arischer Abstammung". Sie darf hier nur arbeiten, weil sie "kein störend fremdartiges Aussehen" hat und die Klinik durch den Krieg in Personalnot geraten ist.

Am 12. März 1941 kommt die Patientin Selma Albrecht auf die Station. Sie "macht einen sehr läppischen, schwachsinnigen Eindruck", notiert die Assistenzärztin. Die Frau fällt auf die Knie, faltet die Hände und redet wirres Zeug: "In der Schule bin ich einmal sitzengeblieben. Der Lehrer hat mich immer geschlagen. Ich bin Syphilis gewesen, das war Gehirnerschütterung." Die Patientin spuckt auf den Boden. Speichel, sagt sie, sei ihr "Sorgenwasser".

Selma Albrecht hat es schwer gehabt im Leben. In der Schule litt sie unter Lese- und Schreibschwäche. Sie arbeitete als Magd auf einem Bauernhof, stürzte in eine Bodenluke, blieb tagelang bewusstlos. Danach war sie arbeitsunfähig. Sie heiratete, wurde schwanger, infizierte sich mit Syphilis. In der Nervenklinik Jena diagnostizieren die Ärzte eine "Geistesstörung" - ausgelöst durch die Geschlechtskrankheit. Für eine schizophrene Psychose aber finden sie "keinen Anhalt". Assistenzärztin Albrecht hingegen glaubt, dass die Patientin unter Schizophrenie leide. Selma Albrecht spuckt die Medikamente aus, schreit: "Gift, ich soll sterben." Vergiftungsängste sind typisch für Schizophrene - sie gelten allerdings nur als ein Symptom von vielen.

In der NS-Zeit ist Schizophrenie eine verhängnisvolle Diagnose. Nach dem Gesetz zur Verhütung des erbkranken Nachwuchses ist die Nervenkrankheit meldepflichtig. Offiziell droht den Patienten die Zwangssterilisierung. Inoffiziell werden seit 1940 auf Hitlers Weisung in deutschen Krankenhäusern Patienten ermordet - vergast, vergiftet, man lässt sie verhungern oder missbraucht sie für medizinische Versuche. Etwa 200 000 psychisch kranke und behinderte Menschen werden bis 1945 im Rahmen der "Euthanasie" ("Schöner Tod") als "nutzlose Esser" und "unwertes Leben" getötet. Im Fall Selma Albrecht geschieht etwas Ungewöhnliches: Das Gesundheitsamt Naumburg bittet die Klinik zu prüfen, "ob die Diagnose Schizophrenie als gesichert erscheinen kann". Schließlich sei die Patientin mehrfach untersucht worden - immer mit dem Ergebnis, dass ihre Geistesstörung auf die Syphilis zurückzuführen sei.

Tagebuch eines langsamen Dahinsiechens

Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft entwirft Rosemarie Albrecht den Antwortbrief für Klinikchef Gerhard Kloos. Der bestätigt die Diagnose und liefert die Patientin so der Zwangssterilisierung aus. Assistenzärztin Albrecht soll das Gerichtsgutachten schreiben.

Selma Albrecht wird mit Schlaf-, Beruhigungs-, Herz- und Narkosemitteln ruhig gestellt. Eine Mischung mit gefährlicher Wirkung, wie die Gutachter später feststellen. Die Dosis ist teilweise um das Dreifache zu hoch. Säuberlich führt Rosemarie Albrecht Buch über das langsame Dahinsiechen ihrer Patientin: "In wenigen Tagen stark abgemagert (…) Jetzt sehr hinfällig, tobt trotzdem, sowie sie wach wird."

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft verrät die Krankenakte nicht nur, dass Selma Albrecht langsam vergiftet worden ist. Die Patientin muss nach Überzeugung der Ermittler auch als "Objekt für medizinische Übungen" herhalten. Der Rückenmarkskanal wird punktiert, Hirnwasser entnommen. Anschließend presst man Luft hinein. Ein Eingriff, für den es nach Meinung von Gutachtern keinen medizinischen Grund gibt. Selma Albrecht fiebert, ihre Körpertemperatur steigt auf 39,9 Grad. "Eingriff gut überstanden", hält Dr. Albrecht in der Akte fest. Obwohl die Patientin geisteskrank ist, scheint sie zu begreifen, was mit ihr geschieht. "Ich werde verhext", schreit sie nach der Tortur.

Am 10. April 1941 schreibt Klinikdirektor Kloos dem Ehemann und kündigt den Tod von Selma Albrecht an. "Zu unserem Bedauern müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass sich das Befinden Ihrer Ehefrau wesentlich verschlechtert hat. Nach ärztlichem Ermessen wird wohl mit dem Schlimmsten zu rechnen sein." Die Patientin sei "unbeschreiblich laut" und "eigentlich nicht mehr tragbar", protokolliert Assistenzärztin Albrecht. Selma Albrecht bekommt das Schlafmittel Veronal, wird mit einer Sonde ernährt. Es geht ihr zusehends schlechter. "Verlangt Wasser; wird es ihr gereicht, lässt sie es aus dem Mundwinkel laufen, stöhnt: 'Gift'". Die Patientin bekommt einen eitrigen Abszess am Knie, den die Ärztin behandelt.

Am 19. April besucht der Ehemann die Patientin. "Nimmt von ihm nichts an, stöhnt: Gift", heißt es in der Akte. Am nächsten Morgen ist Selma Albrecht tot. Sie stirbt an Hitlers 52. Geburtstag. "Exitus, 5.30 Uhr", notiert Dr. Albrecht. "Versagen von Herz und Kreislauf". Klinikdirektor Kloos ist mit seiner Assistenzärztin sehr zufrieden. Als Rosemarie Albrecht im Juli versetzt werden soll, wehrt er sich. "Wenn Frl. Dr. Albrecht hier gegen eine fachlich noch unausgebildete Ersatzkraft ausgetauscht werden würde, so käme ich dadurch in untragbare Schwierigkeiten."

Im Mai 1942 verlässt Rosemarie Albrecht die Klinik dennoch. Sie wird dienstverpflichtet, muss an die HNO-Klinik in Jena. Kloos gibt ihr ein sehr gutes Zeugnis mit auf den Weg: "Fräulein Dr. Albrecht vereinigt in sich eine weit über dem Durchschnitt stehende, vielseitige Intelligenz mit großer Arbeitskraft", schreibt er. "Mit außergewöhnlichem Fleiß versorgte sie hier ein Tätigkeitsgebiet, das früher auf 3 Ärzte verteilt war. Auf ihren Abteilungen hielt sie straffe Ordnung." Besonders lobt er Albrecht für die "große Anzahl von teilweise recht schwierigen psychiatrischen Gutachten", die sie für "Erbgesundheitsgerichte" erstellt habe. Die Nazi-Sondergerichte entschieden auf Grundlage ärztlicher Gutachten, wer als erbkrank galt und zwangssterilisiert wurde. Rosemarie Albrecht wird zur HNO-Fachärztin ausgebildet.

SED-Paradebeispiel für die gelungene Emanzipation

Nach dem Krieg bleibt sie in der Ostzone, habilitiert 1948. Albrecht entwickelt eine neue Technik für die Operation des Innenohrs, wird 1953 mit dem Titel "Verdienter Arzt des Volkes" geehrt. Die SED präsentiert sie als Paradebeispiel für die gelungene Emanzipation der Frau im Arbeiter-und-Bauern-Staat. Ihre Karriere gilt als Beweis, dass man in der DDR auch ohne Parteibuch viel erreichen kann. Sie wird Professorin an der Medizinischen Akademie in Erfurt, steigt zur Chefin der HNO-Klinik auf, geht 1957 zurück nach Jena an die Universität und wird Direktorin des HNO-Krankenhauses.

Während Albrecht an ihrer akademischen Karriere feilt, ermittelt die Staatsanwaltschaft Göttingen von 1962 an gegen ihren ehemaligen Chef Gerhard Kloos wegen Mordes. Der Psychiater soll an der Tötung von mindestens 100 Kindern beteiligt gewesen sein. Er wird juristisch nie belangt. Kloos hat im Westen Karriere gemacht, ist inzwischen Direktor des Landeskrankenhauses Göttingen, lehrt an der Universität, schreibt Bücher. Die SED will den Aufstieg des mutmaßlichen Euthanasie-Mörders für die Propaganda gegen die Bundesrepublik ausschlachten. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) ermittelt in Stadtroda. Auf dem Dachboden der Klinik findet die Stasi Anfang 1965 alte Krankenakten - darunter die von Selma Albrecht. Unter der Register-Nr. X/63/65 legt das MfS einen "Operativvorgang" an. Codewort: "Ausmerzer".

Unterdessen wird Rosemarie Albrecht für das Amt der Dekanin vorgeschlagen. Vielleicht will sie sich vor ihrer Wahl von ihrem Ex-Chef distanzieren und zeigen, dass sie eine gute Antifaschistin ist. Am 6. März 1965 unterschreibt sie einen Protestaufruf gegen die in der Bundesrepublik geplante Verjährung von Nazi-Verbrechen: "Zwanzig Jahre lang wurden Prozesse verschleppt, die Spuren verwischt. Kriegs- und Naziverbrecher wurden mit hohen und höchsten Ämtern betraut." Die Ironie des Schicksals will es, dass die Stasi drei Tage später Hinweise darauf findet, dass die bekannte Ärztin in Euthanasie-Morde verwickelt sein könnte. "Bezeichnend ist, dass ein großer Teil der Patienten, die aus anderen Abteilungen zu der Albrecht gelegt wurden, nach kurzer Zeit verstarben", notiert ein MfS-Mitarbeiter in einem geheimen Vermerk.

Karriere auf dem Höhepunkt

Kurz darauf wird Rosemarie Albrecht zur Dekanin gewählt. Die Stasi kommt zu einer brisanten Erkenntnis: "Die Aufdeckung der vermutlichen Euthanasie-Verbrechen in Stadtroda bedeutet, dass die (…) national anerkannte und international bekannte Dr. Albrecht in das Untersuchungsverfahren einbezogen werden muß." Das MfS stellt die Ermittlungen ein: Die "Auswertung" könnte "ein unseren gesellschaftlichen Verhältnissen widersprechendes Ergebnis" zu Tage fördern. Die Akte wird mit Sperrvermerk weggeschlossen. Ein Jahr später erreicht die Karriere der Rosemarie Albrecht ihren Höhepunkt. Die Professorin wird Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Die bedeutendste Wissenschaftseinrichtung der DDR untersteht direkt dem Ministerrat. "Frau Prof. Albrecht besitzt die Eigenschaften einer außergewöhnlichen, absolut integren Persönlichkeit", schwärmt der Laudator.

Bevor die Professorin 1975 in den Ruhestand geht, heftet die DDR-Regierung ihr noch den "Vaterländischen Verdienstorden" an die Bluse. Fortan lebt Rosemarie Albrecht zurückgezogen in ihrer Villa, widmet sich dem großen Garten. Sie ist nicht verheiratet, hat aber einen Adoptivsohn. Nach der Wende plaudert die Medizinerin im Jenaer "Erzählcafé" mit jungen Leuten über ihre DDR-Vergangenheit. Die Akte "Ausmerzer" liegt bei der Außenstelle der Gauck-Behörde in Gera. Die Unterlagen sind seit 1994 mehrfach eingesehen worden - unter anderem von der Medizinhistorikerin Dr. Renate Renner aus Stadtroda.

Die Ärztin wird 1996 stutzig, als sie den Namen Albrecht sieht und fragt, ob weitere Ermittlungen geplant seien. Behördenmitarbeiter versichern, dass der Vorgang an die Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen nach Ludwigsburg gemeldet werde. Noch heute behauptet die Gauck-Behörde, die Ludwigsburger Nazi-Jäger hätten die Akte Mitte der 90er Jahre eingesehen. Doch es gibt darüber in Ludwigsburg weder eine Karteikarte noch einen Vermerk. Nichts geschieht.

Im März 2000 stößt der Redakteur Frank Döbert von der "Ostthüringer Zeitung" auf den Vorgang "Ausmerzer". Döbert ist "fassungslos, wie viele Leute die Akte gesehen haben, ohne dass jemand etwas unternommen hat". Er zeigt die Akte Jürgen Haschke, dem Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen in Thüringen, und bringt ihn dazu, Anzeige zu erstatten. Die Justiz nimmt sich Zeit. Viel Zeit. Fast vier Jahre dauert es, bis die Staatsanwaltschaft Gera im Januar 2004 Anklage erhebt. Dass die Ermittler auf eine biologische Lösung des Falles gehofft haben, weist Raimund Sauter, damals Chef der Staatsanwaltschaft, zurück. "Die Ermittlungen waren extrem aufwendig", sagt er. Sauter, der den Ruf eines resoluten Chefs genießt, war monatelang in Ost-Timor und im Kosovo. Erst nach seiner Rückkehr kommt Druck hinter die Ermittlungen.

Sauter ist es auch, der die Anklage schreibt. "Frau Albrecht war für diese Patientin verantwortlich. Selbst wenn jemand anders die Medikamente verordnet und verabreicht hat, hätte sie einschreiten müssen, statt das langsame Sterben der Frau nur schriftlich festzuhalten." Dass Rosemarie Albrecht eine ahnungslose Assistenzärztin war, glaubt Sauter nicht. "Die Wirkung der Mittel war in den Lehrbüchern nachzulesen. Sie gehörten zum Grundwissen eines Studenten."

"Rufmord in allen Facetten"

Rosemarie Albrecht bestreitet die Tat. "Nicht ein einziger Mensch" sei während ihrer Zeit in Stadtroda getötet worden, sagt sie, ihr Zeigefinger fährt in die Höhe. "159 Tote, ich bin doch keine Massenmörderin." Ihre Stimme wird schrill. Anwalt Dieter Johannes Keller springt ihr bei. "Das, was meiner Mandantin angetan wird, ist Rufmord in allen Facetten." Albrecht fährt ihm über den Mund, sie kann sich selbst verteidigen. Plötzlich ist diese kleine, zerbrechlich wirkende Frau wieder ganz die resolute Ärztin, gewohnt, das Heft in der Hand zu halten. "Ich war das Dackelchen vom Chef. Ich hatte nichts zu melden. Ich habe keine Diagnose gestellt und auch keine Medikamente verabreicht." Jedem Satz folgt ein Handkantenschlag durch die Luft. Die Oberpflegerin G. habe das "Regiment auf der Station geführt". G. ist tot. Einen Moment lang ist es still im Zimmer. Rosemarie Albrecht atmet schwer. "Ich will nicht als Massenmörderin beerdigt werden", sagt sie dann. An Selma Albrecht erinnert sich die Professorin nicht. "Ich durfte nur die Krankenakten führen. Aber mir wurde gesagt, was ich da reinzuschreiben hatte." Dass die Medikamente zu hoch dosiert waren, habe sie nicht erkennen können. "Ich hatte keine Erfahrung." Und die guten Zeugnisse habe ihr Chef aus "reiner Gefälligkeit" geschrieben.

Auf die Gefälligkeiten von Kollegen kann sich Albrecht bis heute verlassen. Professor Eggert Beleites - Präsident der Thüringer Ärztekammer und Mitglied der Ethikkommission der Bundesärztekammer - besorgte seiner ehemaligen Ausbilderin einen zweiten Anwalt. Nachdem Anklage gegen Albrecht erhoben worden war, gab Beleites bei dem Jenaer Psychiater Dr. Sebastian Lemke ein neues Gutachten in Auftrag. Lemke zweifelt jetzt die Todesursache an, behauptet, Selma Albrecht sollte nur zwangssterilisiert, nicht aber ermordet werden. Dabei gibt es zahllose Euthanasie-Opfer, die erst sterilisiert und danach umgebracht worden sind - wie die berühmte Malerin Elfriede Lohse-Wächtler. Das Landgericht Gera reagierte prompt - will ein fünftes Gutachten einholen. Damit verzögert sich die Entscheidung, ob die Anklage zur Hauptverhandlung zugelassen wird, auf unbestimmte Zeit. Lemke sei "ernst zu nehmen" und "unabhängig", sagt Reinhard Maul, Vizepräsident des Landgerichts.

Lemke ist offenbar alles andere als unbefangen. Er arbeitet an der Psychiatrischen Klinik in Jena, die zur Uni-Klinik gehört, an der Rosemarie Albrecht Dekanin war. Frühere Kommilitonen erinnern sich, dass Lemke als Student in den Vorlesungen von Rosemarie Albrecht saß. Lemkes Vater hat eine braune Vergangenheit, die der Sohn in einem Aufsatz über die Geschichte der Nervenklinik verschweigt: Rudolf Lemke war Richter am Erbgesundheitsobergericht in Jena, für das auch Rosemarie Albrecht Gutachten geschrieben haben soll. Als Vizepräsident Maul vom stern damit konfrontiert wird, reagiert er überrascht. "Das wussten wir nicht", gibt er zu. "Aber es gibt ja auch keine Sippenhaft."

Beleites und Lemke sind nicht die einzigen Kollegen, auf die sich Rosemarie Albrecht verlassen kann. Kürzlich haben 22 Mediziner einen Solidaritätsaufruf für die Ärztin unterzeichnet - unter ihnen Erich Häßler, früher Ordinarius an der Uni Jena. Häßler ist 105 Jahre alt und Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde. Zur NS-Zeit war er Referent des Rassenpolitischen Amtes in Leipzig und Mitautor eines 1939 erschienenen Lehrbuches über Kinderpflege. Juden, heißt es darin, seien "wurzelloses Parasitentum".

"Viele Ärzte haben sich gegenseitig gedeckt"

Den renommierten Euthanasie-Forscher Ernst Klee ("Deutsche Medizin im Dritten Reich") wundert das alles nicht. "Die deutsche Justiz hat Euthanasie-Mörder nur in den seltensten Fällen verfolgt", sagt er. "Viele Ärzte haben sich gegenseitig gedeckt und trotz ihrer Vergangenheit Karriere gemacht - während die Opfer als 'unter der Tierstufe stehend' verspottet und vergessen wurden."

Auf dem Klinikgelände in Stadtroda erinnert ein Gedenkstein an die "Patienten dieses Krankenhauses, die (…) den Tötungsaktionen unter der NS-Herrschaft zum Opfer fielen". Davor vertrocknet in einem Tontopf Heidekraut. Hinter der Klinik liegt ein alter Friedhof. Überwuchert, verwittert.

Wo Selma Albrecht beerdigt ist, weiß niemand. Vielleicht will es auch niemand mehr wissen.

Kerstin Schneider/print

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