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Maria G. gegen die Mafia – Kronzeugin bricht ihr Schweigen

Sie wuchs in Schwaben auf, heiratete einen Mafioso, arbeitete selbst für die ’Ndrangheta. Dann stieg sie aus. Maria G., 35, Mutter von fünf Kindern, wurde Kronzeugin. Die Geschichte einer mutigen Frau.

Von Margherita Bettoni und Wigbert Löer

Maria G. in einem Wald bei Stuttgart. Sie lebt nun wieder in Deutschland.

Maria G. in einem Wald bei Stuttgart. Sie lebt nun wieder in Deutschland.

Kurz vor halb drei an einem Februartag, eine in einem Dorf zwischen Weinbergen, wenige Kilometer von Stuttgart entfernt, nahe der kleinen Stadt, in der sie jetzt wohnt. Sie lernte laufen in dieser Stadt, zog fort und kehrte mehrfach zurück. Mit zwölf Jahren, um zu arbeiten; später mit ihrem Mann, frisch verheiratet und noch nicht volljährig. Und nun, vor einem Jahr, als geschiedene, gejagte Frau.

Schwäbisch ist wenig an Maria G. Ihre Eltern stammen aus Italien, der Vater aus Rossano in der Region Kalabrien, gelegen an der Sohle der italienischen Stiefelspitze. Der Heimat der Mafia, der ’.

Maria G., 35 Jahre alt, Mutter von fünf Kindern, war Kronzeugin gegen diese ’Ndrangheta. Sie hat ausgesagt bei den italienischen Ermittlern und in großen Prozessen vor italienischen Gerichten. Nur eine Handvoll Frauen hat sich das bislang getraut, zwei wurden ermordet.

Die Bäckerei in dem Dorf hat eine Sitzecke. Maria bestellt Cappuccino und Apfelkuchen. Sie setzt sich, eine schmale Frau in Jeans und Pulli. Mit tiefer, etwas rauchiger Stimme beginnt sie zu erzählen.


Maria, warum sind Sie Kronzeugin gegen die ’Ndrangheta geworden?

Ich wollte den Verhältnissen entkommen, in die ich als Jugendliche geraten war. Und vor allem wollte ich meinen Kindern ein neues Leben bieten, ein anderes Leben.

Eine Kronzeugin riskiert, von der ermordet zu werden. Haben Sie keine Angst?

Doch, aber ich war auch schon vorher in Gefahr. Weil ich mich von meinem Mann getrennt hatte, der Mitglied der Mafia ist. Dafür musste er mir „eine Aktion machen“. So nennt man das bei der ’Ndrangheta, wenn jemand umgebracht wird. Mein Mann versuchte das auch, mehrfach. Es gab auch Brandanschläge auf mein Auto und auf meine Wohnung, mehr als zehnmal, manchmal im Abstand weniger Wochen. Ich dachte mir damals, gefährdeter kann dein Leben eh nicht werden, und wenn du aussagst, schaffst du vielleicht den Ausstieg.

Mit 35 liegt hinter Ihnen ein Leben, wie es sich die allermeisten Menschen in nicht vorstellen können. Gibt es einen Tag, der Ihr Schicksal bestimmt hat?

Ja. Der Tag, als ich in den Ferien einen Mann kennenlernte, am Strand von Rossano, in Süditalien. Ich war 16, der Typ 22. Er fragte mich und meine große Schwester, wo wir herkämen. Aus Deutschland, sagten wir, und dass wir früher auch ein paar Jahre in Rossano gewohnt hätten und unsere Eltern hier noch eine Wohnung hätten. Der Mann lud uns für den Abend auf eine Pizza ein. Wir sagten zu.

Damit war alles entschieden?

Wir sind abends hin, heimlich, unsere Mutter hätte das nie erlaubt. Wir aßen Pizza und ließen uns von dem Mann zurückbringen. Und das merkte meine Mutter.

Na und?

Sie regte sich fürchterlich auf, das sei eine große Schande. Am nächsten Tag wurde der Mann, den ich hier Pasquale nennen möchte, zu uns bestellt. Er hatte überhaupt kein Problem damit. Er sagte, er übernehme die Verantwortung. Dann zeigte er auf mich und sagte: "Ich will die da. Und ich nehme sie mir." Vielleicht hat meine Mutter genau das gehofft. Zumindest hatte sie vorher große Angst, die Nachbarn könnten getuschelt haben. Ich musste in Rossano bleiben.

Wegen einmal Pizza essen?

Ja. Meine Mutter hat die Mentalität Süditaliens komplett in sich. Und ich war es gewohnt, zu gehorchen. Ich denke, letztlich war es ihr recht, dass ich auf diese Weise früh unter die Haube kam.

Was meinen Sie damit?

Meine Mutter hat mit zehn Jahren angefangen zu arbeiten. Meine Eltern haben mich auch früh aus der Schule genommen, mit zwölf. Ich habe dann geputzt und in einer Fabrik in Backnang am Förderband gearbeitet, so unglaublich das klingt. Später habe ich Pommes frittiert im Schwimmbad. Eine Art Kinderarbeit, aber so war es eben. Meine Mutter ist nicht bösartig. Sie ist bestimmt von dieser Mentalität, die sagt, dass Frauen keine Bildung brauchen, aber früh einen Ernährer. Deswegen hat sie mich letztlich nicht vor dem Bösen geschützt.

Haben Ihre Eltern gewusst, dass Pasquale zur ’Ndrangheta gehört?

Zuerst nicht, später schon. Und da hätten sie mich rausholen müssen.

Wie hat Ihre Familie erkannt, dass Pasquale ein Mafioso ist?

Ein Freund von ihm brachte eines Tages einen Briefumschlag nach Rossano. Da war jede Menge Geld drin. Das habe ich dann meiner Mutter erzählt. Sie sagte: "Solange dein Mann Geld nach Hause bringt, braucht dich das nicht zu kümmern." Ich denke, meine Eltern wussten in dem Moment Bescheid. Wer in Kalabrien gelebt hat, kennt die ’Ndrangheta und auch die ’Ndrina, ihre Einheit vor Ort.

Sie waren damals nicht volljährig. Darf man da in Italien heiraten?

Meine Eltern mussten zustimmen. Auch das werfe ich ihnen vor, heute mehr als früher. Vielleicht hätte Pasquale ja noch von mir abgelassen.

Vielleicht hatten Ihre Eltern Angst vor der ’Ndrangheta.

Die kam später, nach der Hochzeit, als ich mit Pasquale nach Baden-Württemberg gezogen bin. Ich hatte gehofft, in Deutschland wäre ich ihm nicht so ausgeliefert. Falsch gedacht, es wurde eher schlimmer. Ich durfte nicht mehr allein rausgehen. Einmal hat er sogar meine Mutter geschlagen.

Was machte er in Deutschland?

Zunächst hat er für eine Baufirma gearbeitet, später reiste er oft nach Kalabrien. Er fuhr mit Autos hin und kehrte im Zug zurück. So etwas habe ich meinen Eltern erzählt und später auch, dass sich der ’Ndrangheta-Boss aus Rossano, Salvatore Morfò, in Baden-Württemberg versteckt hielt. Sie sagten: "Sag es niemandem, sonst bringen sie dich um!" Irgendwann stand trotzdem die Polizei in unserer Wohnung.

Was suchte die Polizei?

Waffen. Sie stand um 6.30 Uhr in unserem Schlafzimmer, Pasquale hatte sie da schon woanders verhaftet. Gefunden haben die Polizisten nichts in unserer Wohnung. Pasquale kam nach Stuttgart-Stammheim und wurde dann ausgeliefert. Ich musste alle zwei Wochen nach Kalabrien fahren und ihn im Gefängnis besuchen. Das wird so verlangt von der Frau eines Mafioso, wenn der Mann im Knast ist. Bald darauf bin ich mit meinem ersten Kind auch nach Rossano gezogen.

Die Mafia kennen Deutsche oft nur aus dem Kino. Was bekommt man mit, wenn man in Kalabrien lebt?

Wer dort aufwächst, weiß Bescheid. Jedes Kind weiß, wer Sohn von wem ist und mit wem man sich auf keinen Fall anlegen darf. Die ’Ndrangheta entscheidet, ob man ein Geschäft eröffnen darf und wie viel Schutzgeld zu zahlen ist. Sie kontrolliert alles. Wenn du mit jemandem einen Streit hast und die Carabinieri anrufst, kommen Leute von der ’Ndrina zu dir. Sie machen dir klar, dass du dich nicht an die Polizei zu wenden hast. Der Staat soll nicht präsent sein. Ihr Anspruch ist, dass sie die Ordnung garantieren.

Wenn wir nun über die ’Ndrina in Rossano sprechen – welche Bilder kommen Ihnen in den Kopf?

Ich sehe die ’Ndranghetista vor der Bar Guetos stehen, die Bosse Nicola Acri und Salvatore Morfò und ihre Helfer. Mit ihren Augen sagen sie, dass alles ihnen gehört. Man fühlt sich wie ein Putzlappen. Es gibt in Kalabrien eher selten Tote. Es traut sich ja kaum jemand, etwas gegen die Mafia zu tun. Jeder weiß, dass sie keine Gnade kennt. Der Kalabreser sagt: Was du schon längst vergessen hast, erinnere ich noch.

Reicht die Kontrolle bis in die Familien hinein?

Bei Pasquale war das auf jeden Fall so. Was er sagte, war Gesetz. Er entschied sogar, ob ich mein Handy nutzen durfte. Ich tat, was er sagte.

Weil er sonst gewütet hätte?

Pasquale wütete nicht, er blieb ruhig, wenn er mich verprügelte und überhaupt, wenn er Gewalt anwendete. Ich habe mal erlebt, wie er einen Mann und dessen Frau nach einem Streit angegangen ist. Vor einem Kindergarten in Rossano war das, nachmittags, das Paar saß im Auto. Er kam mit einem Benzinkanister, die beiden verschlossen das Auto von innen. Aber Pasquale stieg über die Motorhaube auf das Dach und goss das Benzin durch das offene Dachfenster auf sie. Dann zog er ein Feuerzeug. Es funktionierte nicht, aber für mein Empfinden war das versuchter Mord. Die Polizei nahm ihn mit. Aber abends war er wieder frei.

Woher kam diese Abgebrühtheit?

Die ’Ndrina hat sich um ihn schon als Teenager gekümmert, Salvatore Morfò und seine Männer haben ihn halb großgezogen. Pasquale sagte mal: "Ein Mensch, der jemanden umbringt, muss ruhig sein. Wir haben welche, die dafür Drogen nehmen. Aber ein wahrer Mann ist beim Morden klar im Kopf." Pasquale schwitzte nicht, er zeigte keine Regung. Auch nicht, als er das Paar im Auto mit Benzin überschüttete.


Der sizilianische Psychologe und Mafia-Experte Girolamo Lo Verso bezeichnet Mafiosi als zu Maschinen gemachte Menschen.

Ein ’Ndranghetista ist wie ein Roboter, ohne Herz. Und das ändert sich nicht. Ich habe Pasquale gesagt: "Du hast einen Stein anstatt eines Herzens." Er fühlt nicht einmal etwas für seine Kinder. Es geht um Geld und um Macht, ausschließlich. Ich als Frau hatte die Kinder zu ’Ndrangheta-Soldaten zu erziehen.

Was die Liebe betrifft, sagt Lo Verso, sei ein Mafioso quasi asexuell. Er brauche keine Nähe und Intimität.

Das stimmt wohl. Ein ’Ndranghetista heiratet, um zu zeigen, dass er ein Mann ist. Und er kriegt Kinder, um zu zeigen, dass er das kann. Ich schäme mich nicht, das zu sagen: Ich hatte mit Pasquale nie einen Orgasmus.

Warum haben Sie angefangen, für die Mafia zu arbeiten?

Ich hatte Pasquale immer wieder zur Hand gehen müssen. Als er mal wieder im Gefängnis saß, habe ich Kontakt zu seinen Bossen aufgenommen. Ich brauchte Geld, einen normalen Job hätte ich nicht gefunden in Rossano. Ich habe dann Drogen und Waffen geschmuggelt. Ich habe für die ’Ndrina auch Prostituierte zu Freiern gefahren, Frauen aus Rossano oder Nachbarorten. Ich wusste, dass es falsch war. Aber ich habe es verdrängt. Einmal musste ich mich selbst prostituieren. Darüber möchte ich nicht weiter reden.

Wie bezahlt die Mafia ihre Leute?

Es gibt kein festes Honorar, wenn Sie das meinen. Man erhält so viel, wie die Bosse einem geben wollen. Ich bekam mal 50 und mal 200 Euro.

Sie haben sich dann von Pasquale getrennt. Wie reagierte er?

Er bedrohte mich, es kam zu den Brandanschlägen. Einmal schlich er sich tagsüber in meine Wohnung. Er hatte eine Zweieinhalb-Liter-Flasche Kloreiniger dabei, die füllte er in eine Schüssel in der Spüle. Er packte mich von hinten und versuchte mit aller Kraft, mein Gesicht in die Schüssel zu drücken. Er wollte mich verätzen und damit vor seinen Leuten seine Ehre wiederherstellen. Ich konnte ihn so fest vors Knie treten, dass er mich losließ. Dann bin ich rausgelaufen und zur nächsten Polizeistation.

Die Beamten wussten dann also von der Gewalt und Ihrem Mann. Haben die Sie daraufhin angeworben als Informantin?

Wissen Sie, man kann nicht vielen Polizisten vertrauen in Kalabrien. Einem habe ich mich aber geöffnet. So wurde ich eine Art Spitzel.

Was haben Sie der Polizei verraten?

Was Pasquale mir über die Jahre erzählt hatte, was ich mit ihm erlebt habe und was ich selbst für die ’Ndrina tat. Ein paarmal war ich sogar verkabelt, da konnte die Polizei mithören. Durch meine Tipps wurde Kokain beschlagnahmt. Aber dann bekam ich wieder ein Kind, von meinem heutigen Mann. Den hatte ich kennengelernt, er hatte selbst für die ’Ndrangheta arbeiten müssen. Ich konnte dann nicht mehr für die Mafiosi arbeiten. Es ging alles nicht mehr, wir als Familie hatten keine Perspektive. Ich wollte ein anderes Leben und entschied, Kronzeugin zu werden.

Kronzeugin – das klingt, als hätte man Ihnen eine neue Identität gegeben und Sie weit weggebracht, in ein großes Haus, in Sicherheit.

Ich hatte vor allem gehofft, im Zeugenschutz könnte ich mich in die Gesellschaft integrieren. Die Wirklichkeit sah so aus, dass wir jahrelang immer wieder umziehen mussten. Außerdem fehlte es an Geld, wir bekamen 1600 Euro pro Monat. Mit fünf Kindern in Norditalien reicht das nicht.

Wie oft haben Sie bei Mafia-Prozessen ausgesagt?

Etwa zehnmal.

Wie lief das ab?

Die Carabinieri holten mich einen Tag vor dem Prozess ab. Wir fuhren runter nach Kalabrien und schliefen in einem Hotel. Die Carabinieri bewachten nachts mein Zimmer. Am nächsten Morgen fuhren wir zum Prozess. Dort sollte ich alle meine Aussagen, die ich bei der Polizei gemacht hatte, wiederholen. Die Hintergründe, die Hierarchien, das war wichtig. Ich sollte den Richtern die Strukturen erklären. Ich trug eine kugelsichere Weste. Mein Kopf allerdings war völlig ungeschützt.

Und im Gerichtssaal?

Der in Castrovillari war eine Art oberirdischer Bunker. Dort hatte ich schon das Gefühl, dass der Staat stärker ist als die Mafia. Die Angeklagten saßen hinter Gittern, einige waren per Video aus Gefängnissen zugeschaltet. Ich kannte fast alle.

Hatte die ’Ndrangheta im Gerichtssaal ihren Schrecken verloren?

Nein. Es gab ja keine Garantie, dass ein Angeklagter nach meiner Aussage auch verurteilt wurde. Ich schaute diese Leute an, ich sah ihre Verwandten auf den Zuschauerbänken, ihre Frauen, die Cousins und Cousinen. Natürlich habe ich da wieder Angst bekommen. Einmal musste ich vor lauter Panik alle paar Minuten auf Toilette.

Manche Angeklagte wurden später in höherer Instanz freigesprochen oder mussten nur kurz hinter Gitter. Was bedeutet das für Sie?

Das ist schwer zu akzeptieren. Die können sich frei bewegen, weil sie teure Anwälte haben und weil es nicht nur Richter gibt, die standhaft bleiben. Ich kann nie mehr nach Kalabrien reisen, um noch einmal meine Oma zu sehen.

Fühlten Sie sich während des Alltags im Zeugenschutz sicher?

Sie waren mir sicher nicht immer auf den Fersen, aber am Ende haben sie mich gefunden. Das war in der Toskana, in Lucca, Anfang 2016. An meinem Auto steckte ein Bild der Madonna aus meiner Kirche in Rossano. Das hinterlässt die ’Ndrangheta, um einen Mord anzukündigen oder um sich zu einem Mord zu bekennen.

Und dann?

Am selben Abend habe ich mich mit meinem heutigen Mann zusammengesetzt. Er war früher auch in der ’Ndrina in Rossano und hat ebenfalls gegen die Mafia ausgesagt. Er konnte die Situation einschätzen. Wir haben überlegt. Gegen das Programm sprach, dass es uns keine Sicherheit mehr geben konnte. Gegen das Programm sprachen auch die ständigen Umzüge. Ich kann mich erinnern, dass meine jüngere Tochter an einem Tag ganz stolz mit einer Handarbeit nach Hause kam. Sie sagte: "Mama, das sind gute Menschen hier. Bitte lass uns hierbleiben." Ich musste mich beherrschen, um nicht loszuheulen – man hatte uns gerade den nächsten Wohnort mitgeteilt. Wir haben noch an jenem Abend entschieden, dass nur Deutschland die Lösung sein kann. Tags drauf sind wir dann offiziell aus dem Zeugenschutzprogramm ausgetreten.

Waren Sie bestürzt, dass der italienische Staat Sie letztlich nicht gut genug schützen konnte?

Ja, sogar sehr. Aber es ist nun mal so: Die Mafia hat den Staat infiltriert, er wird sie niemals ausrotten können. Ich bin nun froh, wieder in Deutschland zu sein.

Warum?

Ich habe nette Deutsche kennengelernt, Menschen, die mir helfen wollen. Insbesondere meiner älteren Tochter geht es hier besser. Sie ist 14 und sitzt im Rollstuhl, wegen einer frühen Hirnschädigung. Mein Exmann hatte mir während der Schwangerschaft mehrfach in den Bauch getreten. Hier in Deutschland habe ich nun sogar ein automatisiertes Bett für sie bekommen. Sie kann jetzt selbst aufstehen.

Ist die Mafia für Sie weit weg, jetzt, in Baden-Württemberg?

Hier gibt es auch viele Kalabresen, mehr möchte ich dazu nicht sagen. Ich bin auch schon bedroht worden. Einmal, als ich vom Einkaufen kam, rief mich jemand an und sagte mir: "Du warst ja gerade einkaufen."

Passiert so etwas öfter?

Das war, als man mich wieder mal als Zeugin geladen hatte, einige Wochen vor einem Prozess in Italien.

Eine Drohung Ihres Exmanns?

Antwort: Nein, die Stimme war mir nicht bekannt. Pasquale wohnt allerdings auch in der Gegend, seit ein paar Jahren schon, ein paar Städte weiter. Er lebt hier offenbar frei und unbescholten. Unglaublich eigentlich. Der hat so viel Schlimmes getan.

Warum sind Sie nicht in ein anderes Land gezogen? Oder in eine andere Ecke Deutschlands?

Ich bin in Baden-Württemberg geboren und zum Teil groß geworden. Ich kenne mich hier ein bisschen aus. Und die ’Ndrangheta ist doch sowieso weltweit organisiert. Wenn die wollen, finden sie mich, egal, wo. Auch Pasquale weiß, wo ich wohne, denke ich. Irgendwann wird einer vor mir stehen, da mache ich mir keine Illusionen. Im Moment, sagt die Polizei, will die ’Ndrangheta hier nicht auffallen.

Wie ist heute das Verhältnis zu Ihrer Mutter?

Schwierig. Sie lebt ja auch hier, mein Vater ebenfalls. Ich versuche, einen engen Kontakt zu vermeiden.

Man könnte denken, Sie fühlen sich um Ihr Leben betrogen. Andererseits haben Sie heute fünf Kinder und einen neuen Mann.

Ich habe viele Fehler gemacht. Und ich habe nach wie vor am Ende des Monats oft kein Geld mehr. Aber ohne meine Kinder würde ich nicht mehr leben. Ohne sie hätte ich das alles nicht durchgestanden. Ich bin so wahnsinnig stolz auf sie. Sie sind ehrlich und offen. Sie sind keine Kriminellen.

Kennen Ihre Kinder Ihre Lebensgeschichte?

Nur mein Ältester, der ist 18, er hat auch schon selbst in einem Prozess ausgesagt. Die vier anderen kennen die ’Ndrangheta nicht. Sie hören zu Hause auch nichts über Waffen und Drogen. Sie sind ganz normale Kinder. Das ist viel.


Die Beitrag entstand aus einer Recherche-Kooperstion zwischen stern, RTL und dem Recherchenetzwerk Correctiv.

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