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30. Dezember 2007, 18:00 Uhr

Gestatten: Der neue deutsche Spießer

Der Schmähbegriff galt bislang Kleingärtnern, Briefmarkensammlern, Hosenträger-Trägern. Höchste Zeit, das zu ändern, sagt unser Autor. Und präsentiert eine frische Typologie des Biedersinns. Von Wolfgang Röhl

Setzt man sich aber in einen versifften Starbucks-Laden wie den am Kölner Hauptbahnhof und packt den Laptop aus, macht man sich endgültig zum Affen© Gerhard Haderer

"Ach, ist das schön hier! Ich glaube, es hat sich gar nichts verändert" (Gila von Weitershausen zu Heinz Reincke in "Heimatgeschichten", ARD)

Er sitzt im Starbucks-Coffeeshop am Kölner Hauptbahnhof, Fensterplatz. Hat den Laptop aufgeklappt und das Bluetooth-Mikro am Ohr. Dass der mittelgroße Cappuccino stolze 3,40 Euro kostet, stört ihn nicht. Er glaubt wirklich, dass das gutmenschelnde US-Unternehmen den Kaffeebauern "Spitzenpreise" zahle - so dessen Credo. Ihn irritiert nicht, dass die Sessel voller Flecken und die Tische unabgeräumt sind und der Boden mit Strohhalmen übersät ist. Die Starbucks-Kette ist einfach angesagt, speziell für Leute aus seiner, der IT-Generation.

Er wird beim Bestellen nach seinem Vornamen gefragt und mit diesem aufgerufen, wenn der Kaffee gebrüht ist. Cool. Er könnte sein Getränk auch in einem Pappbecher kaufen und damit auf der Straße rumlaufen; auf diese Art publizierend, dass er keine Minute zu verlieren hat, unheimlich beschäftigt, wie er ist. Wow! Die albernstmögliche Art zu gehen Abends geht er am Stock. Und zwar durch den Stadtpark. Das nennt sich Nordic Walking und verspricht "die Aktivierung der Arm- und Rückenmuskulatur". Diese albernstmögliche Art zu gehen ist unter Deutschen ebenso beliebt wie der Coffee-to-go-Quatsch. Ein Not leidender finnischer Hersteller von Langlaufstöcken hat vor Jahren den Modesport erschaffen, der seinen Anhängern bestenfalls nicht schadet. Alle walken sie jetzt nordic. Am liebsten auf dem Jakobsweg, seit Hape Kerkeling (über zwei Millionen Auflage mit "Ich bin dann mal weg") ihn als spirituellen Joggingpfad entdeckte. Der Hit? Mit einem Coffee to go auf dem Jakobsweg nordicwalken. Leider etwas schwierig.

Gestatten: Hier kommt der NDS, der Neue Deutsche Spießer. Sieht nicht mehr ganz so aus wie Alfred Tetzlaff, Wolfgang Menges unvergessenes Kult-Ekel aus dem Fernsehen den Siebziger. Passt aber in die Definition. Laut Brockhaus ist der Spießer ein "engstirniger Mensch, der sich an überlebten Anschauungen und moralischen Grundsätzen orientiert, Neuerungen und Fortschritte ablehnt und seinen sozialen Status verteidigt". Der Mainstream-Mensch eben, immer im Kielwasser seines Szenedampfers. Der Typus stirbt nie. Man kann ihn überall entdecken.

Wärmestube für Stalinisten

Auf dem Rosa-Luxemburg-Kongress in Berlin zum Beispiel, einer Wärmestube für Stalinisten und Linksextreme. Stasi-Rentner, die Schlipse zu schwarzen Lederjacken tragen, umarmen den Genossen Egon Krenz. Der ehemalige SED-Bonze trägt Bauch und eine Joppe drüber, die er bei Takko gekauft haben mag. Palästinenserfeudelträger sind da, kurzhaarige Toskana- Frauen mit 200-Euro-Schals, ein paar Punker-Würstchen mit schlecht gefärbten Haaren sowie der zerfurchte Schauspieler Rolf Becker, der im Plenum mit angenehmer Stimme Freiheit für Christian Klar und den amerikanischen Polizistenmörder Mumia Abu-Jamal fordert. Es gibt neue Darlings im Kasperletheater der Ultralinken, wie Venezuelas Populisten Chávez, und alte Idole wie die Schlächter Saddam und Milosevic. Die üblichen Schinken von Marx, Engels, Lenin und Luxemburg gilben auf den Büchertischen. Bush ist Satan, Merkel Luzifer. Der wohlige Mief des Antiamerikanismus wabert durch die Hallen der Berliner TU.

Am DDR -Nostalgiebedarfstand verkauft einer im quietschblauen FDJ-Polyesterhemd Trabbi-Modelle. Komische Farben hatten die Kisten, oder? "Wir kamen ja an die juten Farben uffm Weltmarkt nicht ran, wa", sagt das Blauhemd. "Da hatte ja der Ami die Krallen drauf, wa. Det war ja wie heute noch in Kuba, wa." Er führt auch T-Shirts mit Marx und Engels, DDR-Filme, Plastikeierbecher und Ata-Scheuerpulver, lauter lustige Zwerge für die Vorgärten der Systemveränderer.

Sehnsucht nach der Welt vor 1989

Am nächsten Tag Latschdemo auf der Frankfurter Allee. Auf den Bannern die Parole: "Karl und Rosa, unsere Zukunft". Aus Blechlautsprechern scheppert das Einheitsfrontlied. Geduldig warten rund 1000 Menschen, vereint in ihrer Sehnsucht nach der Welt vor 1989, am "Happy Grillo"-Imbiss auf den Marschbefehl zum Grab von Karl und Rosa. Durchsage: "Wir müssen Geduld haben, Genossen. Die Polizei hat die Ampeln noch nicht durchgeschaltet." Da zittern sie aber, die morschen Knochen des Spätkapitalismus.

Der Ur-Spießer war leicht zu erkennen. Er trug Kaiserbart. Ein Muss für jeden Untertan war das einst, dieses zackige, haarige W über der Oberlippe, wie es das Eitelpaket Wilhelm II. trug. Im Lübecker Buddenbrookhaus konnte man den Bart jüngst in einer Ausstellung bewundern, die Untertanen sui generis gewidmet war. Dem Nach-unten-Treter und Nach-oben-Buckler, dem urdeutschen Spießer. Heinrich Mann hat ihn als Diederich Heßling in seinem 1918 erschienenen Roman "Der Untertan" verewigt. Peters mimte den Spießer in allen Varianten Werner Peters spielte die Figur 1951 in der Defa-Verfilmung von Wolfgang Staudte. Von der Rolle seines Lebens kam er nie mehr runter. Jahrzehntelang mimte Peters den Spießer in allen Varianten, den kleinbürgerlichen, bigotten Dreckskerl, für jede Denunziation, jede Schleimerei gut. Amüsiert, aber unberührt spazieren Besucher durch die Ausstellung. Sie enthält auch eine Gute Stube aus der Kaiserzeit, den in dunkles Holz gefassten Spießerhimmel der Altvorderen. Ach, Staub der Geschichte. Untertanen der wilhelminischen Art hat die Bundesrepublik, deren Bürger sich bei jeder echten oder vermeintlichen Benachteiligung auf den langen Marsch durch die Gerichtsinstanzen machen, wohl kaum mehr.

Frage an den Kurator: Warum legt das Ganze, abgesehen von einem "Stromberg"-Video, nicht den Finger auf den zeitgenössischen Spießer? "Haben wir überlegt", sagt Michael Grisko. "Wollten die Besucher aber nicht verschrecken." Spießer ist seit rund 100 Jahren ein deutscher Kampfbegriff (siehe Kasten Seite 82). In anderen Sprachen gibt es ihn so nicht. Dem französischen "Bourgeois", dem englischen "Square" oder dem schweizerischen "Bünzli" fehlt der Charakter der Schwerstbeleidigung, und die Worte werden auch nicht häufig verwendet. Hierzulande schleudert jeder jedem, dessen Einstellung ihm nicht passt, ein vernichtendes "Spießer!" entgegen.

Unter Spießer-Generalverdacht

Spießer sind immer die anderen. Spießig nennen 15-Jährige ihre Eltern, die es nicht so gut finden, dass ihre Sprösslinge bis vier Uhr früh in der Drogendisco rumhängen. Als spießig gelten Menschen, die die Polizei rufen, weil sie von ihren Nachbarn unablässig mit Heavy-Metal-Lärm gefoltert werden. Unter Spießer-Generalverdacht stehen von jeher Beamte, Hausmeister, Campingplatzwarte, Opelfahrer, Förster, Kleingärtner, Bausparer, Dauercamper, Züchter von Kaninchen der Rasse "Deutscher Riese", Briefmarkensammler, Hosenträger-Träger, Besitzer von Wandteppichen mit röhrenden Hirschen und sprudelnden Bergbächen (Türken). Der klassische Spießer läuft in weißen Socken und durchbrochenen Sandalen rum. Ja doch, den gibt es noch. In jedem Urlaubsort.

Gern schmäht die Linke Andersdenkende als Spießer, mit dem Zusatz "kleine braune". Der Spießerbegriff ist politisch geladen. Reinhard Mey, dem die Rasenmähwut seiner spießigen Sylter Nachbarn auf den Keks ging, ernannte sie flugs zu "Gartennazis". Was Stefan Raab unvergessen so bereimte: "Ich schau mir grad 'nen Porno an und kann kein einziges Wort verstehn, denn im Garten nebenan fängt ein Nazi an zu mähn. Ihr glaubt wohl, mit mir könnt ihr's machen, doch bald ist es zu spät, denn ab 5.45 Uhr wird zurückgemäht." Keine Frage, Spießer stehen nach landläufiger Meinung rechts. Obwohl per Definition ("Engstirnigkeit") unser größter lebender Spießer ja ein Linker ist. Der Literaturnobelpreisträger betrommelt seine Mitbürger seit Dezennien mit seinem gusseisernen Moralismus. Dennoch hat sich irgendwie ein konservatives Image des Spießers eingeschliffen.

"Linke Spießer"

Als die 68er, mit dem Spießervorwurf besonders freigebig, in die Jahre und die Institutionen kamen, wurden sie auf einmal als "linke Spießer" gebrandmarkt, so in einem Song des Anarchobarden Rio Reiser. Auch der notorisch Unangepasste kann ein verkappter Spießer sein. Wie Sven Regeners Romanheld "Herr Lehmann", der ums Verrecken nicht will, dass sich in seinem Kreuzberger Nischenidyll irgendetwas verändert. Auch nicht durch Petitessen wie die Wiedervereinigung.

"Neuerdings gibt es sogar den Begriff 'Aufklärungsspießer'", hat der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze festgestellt. Wie bitte? "So nennen Fundamentalisten Leute, die nicht wollen, dass unsere Gesellschaft hinter die Maxime der Aufklärung zurückfällt, etwa aus falscher Toleranz gegenüber Muslimen."

Das weite Feld der Spießigkeit

Verdammt weites Feld, diese Spießigkeit. Gut, dass da ein paar traute Landmarken aus dem Boden ragen. Die Gartengemeinschaft Wolfskuhle in Hamburg- Moorfleet zum Beispiel. Hier gibt es noch Wasserwart, Kassierer und Kolonieobmann; Lärmverbote von 13 bis 15 Uhr und von 19 bis 9 Uhr (sonn- und feiertags ganztägig) und acht Pflichtstunden Gemeinschaftsarbeit, die gefälligst pünktlich abzuleisten sind ("letzte Gemeinschaftsarbeiten können beim Obmann während der Sprechzeit nachgefragt werden"). Die Hecken sind auf Kante geschnitten. Unkraut hat keine Chance. Spießig? Vielleicht.

Sichelt hier der Nazi? Quatsch. Der typische Hamburger Kleingärtner wählt SPD. Herr R. aus dem Landkreis Bad Kreuznach wählt sicher grün, wenn überhaupt. Er hat zwölf Wertstoffeimer im Garten und außerdem einen an der Waffel, finden manche in seinem Dorf. R. ist "ökologischer Bauberater", Spezialgebiet Lehmtechnik.

Zero Mülltoleranz

Er und seine Frau stellen auch naturbelassenes Holzspielzeug her. Vor allem aber trennen sie Müll, dass es kracht. Bei Glühbirnen etwa sortieren sie Metall, Glas und die Brösel des mineralischen Klebers auseinander. Die Mission von R. und seiner Familie heißt: Zero Mülltoleranz. Alles wird wiederverwertet. Und zwar totaler und radikaler, als es sich selbst Deutsche - zu 91 Prozent hoch motivierte Mülltrenner - vorstellen können. Das Leben des Herrn R. kreist um Müllvermeidung. In den Achtzigern hat er komplett die Alternativund Friedensbewegung inklusive Anti- AKW- und Startbahn-West-Protest durchlaufen, und das ist das Ergebnis. Er möchte "alles für die kommenden Generationen tun" und hat es zum Helden des "Greenpeace Magazins" gebracht. Da ihm die Behörden die völlige Mülllosigkeit nicht abkaufen und ihm eine Restmülltonne aufzwingen wollen, prozessiert der "Müllrebell" seit Jahren gegen den Landkreis.

Seine Homepage steckt voller Aktenmüll. Er leiste Widerstand "gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen kommender Generationen", glaubt R. Mit wem würde man eher mal ein Bier trinken, mit einem aus der Gartengemeinschaft oder mit dem Totaltrenner? Eben.

Spießigkeit eine Farbe: Grün

"Ist Ihnen eigentlich schon einmal aufgefallen, dass es nichts Bürgerlicheres gibt als Ökologie?", fragt der junge Autor Christian Rickens in seinem Buch "Die neuen Spießer". Und zitiert Weisheiten aus der Ökoszene: "Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geliehen", "Geld kann man nicht essen". Wie sehr sie doch Kalendersprüchen der 50er-Jahre-Eltern ähneln, nach denen Geld nicht glücklich mache, nichts so schwer zu ertragen sei wie eine Reihe von guten Tagen und so fort. Wenn die instinktive Abwehr von Veränderungen und Innovationen spießig ist, dann hat Spießigkeit eine Farbe: Grün. Fragen Sie mal Leute, die pro Genforschung sind.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 48/2008

Wie der Schmäh entstand Im Mittelalter bezeichnete der Begriff Spießbürger Stadtbewohner, die sich nur Spieße als Verteidigungswaffen leisten konnten - im Gegensatz zu den hochgerüsteten adeligen Reiterheeren. Spieße waren im Kampf anfangs sehr effektiv, wurden mit dem Aufkommen von Schusswaffen aber anachronistisch.

Der negativ besetzte Spießerbegriff, wie wir ihn kennen, kam erst zu Beginn des 20 Jahrhunderts auf, als Schmähbegriff des Adels gegen das Bürgertum. Später setzten linke und "progressive" Kreise "spießig" mit konservativ, kleinkariert und rückschrittlich gleich.

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