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6. August 2010, 19:25 Uhr

London ist die schlimmste Fahrrad-Stadt der Welt

Zum Radfahren ist London denkbar ungeeignet: Taxifahrer hassen Zweiräder, Busse verstopfen die Straßen und Radfahrwege sind rar. stern-Korrespondentin Cornelia Fuchs wagt sich trotzdem auf dem Fahrrad durch die britische Hauptstadt.

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Londons berühmtester Radfahrer: Bürgermeister Boris Johnson© Geoff Caddick/AFP

Fahrradfahren in London ist ein bisschen wie Bungee-Springen: Entweder man traut sich, oder man traut sich nicht. Wer sich nicht traut, hat wahrscheinlich die besser ausgebildeten Überlebensinstinkte. Ich habe mich getraut und bislang ist alles gut gegangen.

Denn Fahrradfahren in London hat wenig zu tun mit der lockeren Fortbewegung auf zwei Rädern in Städten wie Hamburg, Paris oder gar Amsterdam. Wer in der britischen Hauptstadt aufs Fahrrad steigt, begibt sich in einen Überlebenskampf - gegen Doppeldecker-Busse, schwarze Taxis (deren Fahrer besonders bekannt sind für ihren Haß auf Zweiräder), andere Fahrradfahrer und vor allem Lastwagen.

Bürgermeister knapp einer Katastrophe entkommen

Bürgermeister Boris Johnson, Maskottchen aller Londoner Radler, entkam im vergangenen Jahr nur knapp einer Katastrophe: Ein Lastwagen raste auf ihn und weitere Radfahrer zu, riss dabei mit der offenen Ladeklappe ein parkendes Auto Richtung Bürgersteig und katapultierte das Stadtoberhaupt fast vom Rad. Eine Überwachungskamera zeichnete zufällig auf, wie Johnson anschließend etwas verstört die Zerstörung betrachtet.Mit den Händen wuschelt er sich dabei hilflos durch die blonden Haare.

Dieser Zwischenfall hielt ihn aber nicht davon ab, London zur Fahrradstadt zu erklären. Folge: Seit dem 30. Juli stehen 6000 Leihfahrräder an 400 Stationen für jedermann zur Verfügung, mehr sollen dazu kommen. Zudem wurden die Markierungen für Fahrrad-"Highways" auf die Straßen gepinselt, sie sollen Pendler aus allen Richtungen ins Zentrum führen. Doch all dies ändert nichts am Hauptproblem: London ist wohl die für Fahrradverkehr am schlechtesten geeignete Stadt überhaupt.

Enge Radwege, ignorante Autofahrer

Die Straßen sind schon für die Doppeldeckerbusse zu klein, ganz zu schweigen von den Millionen Autos, die sich jeden Tag mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von elf Stundenkilometern durch die Innenstadt quälen. Für Fahrradwege ist in den meisten Fällen überhaupt kein Platz.

Und die, die es gibt, werden von fahrenden und parkenden Autos komplett ignoriert oder sind so eng, dass sogar der schmalste Lenker über die Außenränder herausragt, wie der "Guardian" auf Leserfotos anschaulich dokumentiert. Wer in London Rad fahren will, sollte und muss die ganze Fahrspur in Beschlag nehmen - das rät sogar die Polizei. Es gilt, besser vor einem dicken Lkw herzufahren und die Beschimpfungen des Fahrers aushalten, als beim Abbiegen von ihm ins Geländer gedrückt zu werden.

Wozu die Polizei natürlich nicht rät, sind Regelverstöße. Aber sogar der Bürgermeister ist schon beim Fahren über eine rote Ampel erwischt worden. Die lasche Haltung gegenüber der Straßenverkehrsordnung liegt nicht nur an der Ungeduld der Radler - es ist eine reine Überlebensstrategie. In London verunglücken überproportional viele Frauen auf dem Rad, weil sie sich zu gesetzestreu verhalten. Und etwa beim Abbiegen überrollt werden. Wer aber schon bei Rot losfährt, entkommt dem bedrohlichen Verkehr.

Abenteuer Radfahren

Warum radele ich also trotzdem (übrigens das erste Mal in meinem Leben mit Fahrradhelm)? Weil es das einzig vernünftige Fortbewegungsmittel in dieser Stadt ist. Die U-Bahn ist vor allem im Sommer unerträglich stickig, heiß und überfüllt. Mit dem Auto ist man zu langsam, die Busse stecken ebenfalls im Stau. Und zu Fuß sind viele Strecken dann doch zu lang. Bleibt also das Fahrrad.

Je mehr ich fahre, desto mehr werde ich zur lebenden Stadtkarte: Das Geheimnis des angenehmen Radelns liegt darin, Wege zu finden, die weit weg von Busrouten und verstopften Kreuzungen liegen. Das bringt natürlich viele zusätzlich erstrampelte Kilometer mit sich, weil der Weg nun nicht mehr über direkte Zubringerstraßen geht, sondern im Zweifel über dutzende ineinander verschachtelte Straßen. Erhöht allerdings auch die Chancen, neue, nette Pubs zu entdecken.

Was ich noch nicht entschieden habe, ist allerdings, ob ich zukünftig weiter mit dem eigenen Fahrrad unterwegs sein werde oder doch mit den Leihfahrrädern. Fürs Leihen spricht, dass ich U-Bahn und Fahrrad kombinieren kann.

Dagegen spricht, dass ich zwangsweise als lebende Leinwand für die Barclays-Bank unterwegs bin - alle Fahrräder tragen das Hellblau der Bank, sie hat 25 Millionen Pfund ausgegeben, damit sie stadtweit auf 6000 Fahrrädern ihr Logo verteilen kann.

Und noch ein Tipp für alle, die beim nächsten Besuch in London das Fahrradfahren ausprobieren wollen: Die Oxford Street sollte man unter allen Umständen meiden. Sie wird nicht ohne Grund Doppeldecker-Highway genannt.

Leihräder in London Wer immer noch Lust hat, sich bei seinem nächsten London-Besuch aufs Fahrrad zu schwingen, kann sich hier für Leihräder registrieren und weitere Information bekommen.
Im Laufe des Jahres können die Räder auch ohne Anmeldung mit einer Kreditkarte direkt an den Stationen ausgeliehen werden.

Cornelia Fuchs, London
 
 
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