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"Wasser ist sehr, sehr vergesslich"

Ab ins kühle Nass. Wasser erfrischt, Wasser gibt aber auch viele Rätsel auf. Esoteriker und Wissenschaftler streiten sich seit Jahrzehnten. Kann Wasser Musik hören? Kommuniziert Wasser? Hat Wasser eigentlich ein Gedächtnis?

Von Sylvie-Sophie Schindler

  Streitobjekt Wassertropfen: "Hitler"-Zettel lassen Kristalle verkümmern

Streitobjekt Wassertropfen: "Hitler"-Zettel lassen Kristalle verkümmern

In der Wüste trinken Käfer das Wasser, das auf ihren Körpern kondensiert. Kängururatten überleben trotz Trinkwassermangel, indem sie sich in Erdlöchern aufhalten, wo die Feuchtigkeit sehr hoch ist. Der Mensch ist da weniger Überlebenskünstler. Während er rund 40 Tage überleben könnte, ohne feste Nahrung zu sich zu nehmen, wäre er ohne Wasser nach etwa vier Tagen tot. So unspektakulär, wie der farb- und geruchslose Stoff aus unseren Wasserhähnen fließt, und so selbstverständlich wie wir in diesen Tagen bei glühender Sommerhitze ins kühle Nass springen - ohne Wasser wäre kein Leben auf der Erde denkbar. H2O, zwei Teile Wasserstoff, ein Teil Sauerstoff, ist das häufigste Molekül auf diesem Planeten - und gleichzeitig das rätselhafteste.

Wasser steht auf Beethoven-Sinfonien

Die Mythen wuchern heute mehr denn je, vor allem in der Esoterik-Ecke. Bizarr, was man Wasser so alles zutraut. Zum Beispiel, dass Wasser sehr gerne Beethoven-Sinfonien höre. Behauptet wird das von Masaru Emoto. Seine Thesen sind inzwischen Klassiker und bescherten dem japanischen Alternativmediziner Bestseller und Millionen. Emoto beschallte Wasser unter anderem mit klassischer Musik und mit Heavy-Metal-Klängen. Nachdem das Wasser "zugehört" hatte, fror er es ein und fotografierte die Eiskristalle. Das Ergebnis: Wasser, das Heavy-Metal-Musik ausgesetzt worden war, war zu keiner Kristallisation mehr fähig, nach Beethoven-Sinfonien formten sich wunderschöne Kristalle.

Damit nicht genug: Laut Emoto kann Wasser auch lesen. Halte man einen Zettel mit dem Wort "Hitler" vor ein Wasserglas, ergäben sich beim Gefrieren nur kümmerliche Kristalle. "Liest" das Wasser aber den Namen der japanischen Gottheit Amaterasu Omikami, entwickelten sich hübsche Kristallformen. Emoto-Anhänger sind überzeugt: hier wurde erstmals der Beweis geliefert, dass Wasser denken und fühlen kann.

Wissenschaftlern sträuben sich die Haare

Aus Sicht der Wissenschaftler haarsträubende Behauptungen. Thomas Elsässer, Forscher am Max-Born-Institut in Berlin Adlershof, sagt: "Emoto ist durch seine Sprüche reich geworden, aber seine Ergebnisse sind nicht reproduzierbar." Würde man denselben Versuch zweimal machen, käme etwas völlig Unterschiedliches raus.

Auch Bernd Kröplin, Professor für Luft- und Raumfahrt an der Universität Stuttgart, steht im Kreuzfeuer der Kritik. "Wasser besitzt die Fähigkeit, mit anderen Flüssigkeiten zu kommunizieren und auf menschliche Gefühle zu reagieren", behauptet er. Zum Beweis legt Kröplin Tropfenbilder vor - Wassertropfen, getrocknet auf Mikroskopträgern. Versuchsaufbau: ein verdunstender Wassertropfen liegt auf einem Glasträger. Ein zweiter Tropfen wird wenige Millimeter daneben gesetzt. Was passiert? "Plötzlich entstehen Turbulenzen, Mikrotröpfchen spritzen ab", sagt Kröplin, "vorausgesetzt, es ist Wasser, das miteinander kommunizieren kann."

Dass die Tropfenreihen je nach Experimentator systematisch anders aussehen, begründet Kröplin so: "Jeder Mensch besteht ja aus über 70 Prozent aus Wasser. Korrespondiert mein Körperwasser mit dem Wasser, das ich gerade untersuche, wird das Bild unter dem Mikroskop von meinem Körperwasser beeinflusst." Führe ein anderer dieselbe Untersuchung durch, werde dessen Körperwasser, das eine andere Ordnungsstruktur habe, mit dem Wasser anders kommunizieren. Beliebige Reproduzierbarkeit? Auch hier Fehlanzeige.

Umstrittene Erinnerungen an gelöste Salze

Wasser hat ein Erinnerungsvermögen - auch diese These findet viele Anhänger. Doch was ist überhaupt dran am so genannten Memory-Effekt? 1988 behauptete erstmals der Immunologe Jacques Benveniste, Wasser könne die Information von Molekülen speichern, mit denen es einmal Kontakt hatte. Forscher wie unter anderem der Nobelpreisträger Georges Charpak entdeckten hingegen Unregelmäßigkeiten. Benveniste wurde des Betrugs verdächtigt.

  Homöopathische Medikamente: Zweifel am Memory-Effekt

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Der Schweizer Chemiker Louis Rey wagte 2003 einen erneuten Vorstoß. An einer homöopathisch verdünnten Eisprobe registrierte er einen schwachen Photonen-Lichtblitz. Vermutlich ausgelöst durch eine Wasserstoffbrückenbindung, das die Erinnerung an ein ursprünglich gelöstes Salz gespeichert hatte. Sein Ergebnis konnte bis heute nicht verifiziert werden.

Lässt sich Wasser beeinflussen?

Dass Wasser die molekularen Abdrücke des Wirkstoffs speichert, steht für Homöopathen außer Frage - weltweit werden Menschen mit den Medikamenten erfolgreich therapiert. Die Wirkstoffe homöopathischer Medikamente werden so stark verdünnt, dass kein Molekül des Wirkstoffs mehr darin enthalten sein dürfte. Wozu auch? Ein in Wasser gelöstes Medikament könne Wassermoleküle derart beeinflussen, dass die Lösung auch ohne Wirkstoff helfe. Forscher Thomas Elsässer hält dagegen: "Die Behauptung, dass Wasser molekulare Abdrücke speichern könne, ist nicht haltbar. Alle Experimente, die dazu durchgeführt wurden, sind entweder fehlerhaft oder nicht reproduzierbar."

Wolle man überhaupt von einem Gedächtnis des Wassers sprechen, so müsste man sich laut Elsässer damit abfinden, "dass Wasser sehr, sehr vergesslich ist". Elsässer und sein Forschungsteam haben die Bindungen von Wassermolekülen - so genannte Wasserstoffbrücken - in flüssigem Wasser untersucht und festgestellt: Sie ändern sich ruckzuck - innerhalb einer Pikosekunde, das ist ein Millionstel einer Millionstel Sekunde. Zu rasch, um Informationen etwa von einmal gelösten Wirkstoffen dauerhaft in den Molekülbindungen zu speichern.

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