Es scheint, Nicolas Sarkozy habe mal wieder in die Presselandschaft eingegriffen - und Maurice Siné, einen der bekanntesten Karikaturisten Frankreichs, vor die Tür setzen lassen. Falsch gedacht, sagt der Zeichner im stern.de-Interview, die Presse mache längst auch so, was Sarkozy will.

Er hat gut Lachen: Der französische Präsident Nicolas Sarkozy kann dem Zeichner Maurice Siné zufolge auf einen vorauseilenden Gehorsam von Frankreichs Presse bauen© Horacio Villalobos/DPA
Ein Text, der Furore macht: "Jean Sarkozy hat gerade erklärt, er wolle zum Judentum konvertieren, bevor er seine Verlobte, eine Jüdin und Erbin der Gründer der Elektronikkette Dary, ehelicht. Er wird es weit bringen, der Kleine!"
Das sind die Zeilen von Karikaturist Maurice Siné in der französischen Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo". Sinés Erklärung für den Spott über den Präsidenten-Sohn: Er hatte damit sagen wollen, dass "Jean alles tun würde, um eine reiche Frau zu heiraten, in dem Fall ist sie nun mal Jüdin". So hatte sein Chef Philippe Val das Ganze jedoch nicht verstanden - oder nicht verstehen wollen?
Nachdem Siné eine abgedruckte Entschuldigung für seinen "Faux-Pas" verweigerte, wurde ihm gekündigt. Die Begründung Vals dafür gegenüber dem Internet-Portal rue89.fr: "Die Familie Sarkozy wird gegen uns klagen. Sie ziehen es nicht nur in Betracht: Sie werden es tun." Die Anklage der Sarkozys, so Val, laute auf "Antisemitismus".
Siné ein Antisemit? Unwahrscheinlich - ist er doch der Ex-Mann einer Jüdin und Vater zweier Kinder mit ihr. Viel wahrscheinlich, so Siné im stern.de-Interview, sei eine neue Unterwürfigkeit der französischen Medien.
Ich glaube schon. Jedenfalls war das der Vorwand, unter dem Philippe Val, der Chefredakteur von Charlie Hebdo, mich gefeuert hat.
Es hieß zwar, er hätte Val öfter mit einer Klage gedroht - meinen Quellen zufolge hat sich Val das alles aber nur ausgedacht. Die Fehde zwischen ihm und mir dauert schon Jahre. Nur haben wir uns vorher immer nur per Artikel gestritten.
Indirekt schon. Val hat sich selbst zum Sprecher des Präsidenten gemacht.
Genau. Sarkozy hat eine unglaubliche Macht über die Presse. Schließlich hat er dafür gesorgt, dass Alain Genestar, Chef des Boulevard-Blatts "Paris Match", gefeuert wird. Der hatte den Fehler gemacht, die Ex-Präsidenten-Gattin Cécilia mit ihrem Liebhaber Richard Attias abzubilden. Sobald Sarkozy etwas nicht gefällt, macht er einen Anruf und, zack, derjenige sitzt auf der Straße.
Ja, und es wird von Tag zu Tag schlimmer. Die Menschen haben einfach Angst um ihre Jobs.
Mit Zensur hatte ich schon immer zu kämpfen - und ich bin seit 1953 im Geschäft. Nur hatte ich früher mit Charles de Gaulle zu tun, mit der Armee oder auch der Polizei. Neu ist, dass ich gegen meinen eigenen Chef kämpfe, der meine Redefreiheit beschränken will.
Meiner Meinung nach kritisiert nur eine Zeitung die französischen Politikern offen: "Le Canard Enchaîné". Vorher gehörte auch "Charlie Hebdo" dazu. Diese Zeiten sind wohl jetzt vorbei.
Ich habe nie an den Humor unseres Landes geglaubt.
Ich habe viele Angebote von Leuten, die meine Texte und Zeichnungen abdrucken wollen. Vielleicht mache ich auch mein eigenes Blog.
Nicht mit Val als Chef. Aber meine Kollegen und ich versuchen, ihn von seinem Posten zu verjagen. Es haben sowieso schon viele Leser ihr Abonnement bei der Zeitung gekündigt. "Charlie Hebdo" kann auch ohne Philippe Val existieren.
Zur Person Maurice Siné ist gebürtiger Pariser. 1952 hat er seine erste Zeichnung in der französischen Presse veröffentlicht - im Magazin "France Dimanche". Bei "Charlie Hebdo" hatte er seine Rubrik "Siné sème sa zone" mit Unterbrechungen seit 1981.