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Frankreich: Intrigen und Panik in "Sarkoland"

Es geht eigentlich nur um den Kandidaten für den Bürgermeisterposten in einem Pariser Vorort. Der wurde nun abgesägt. Dahinter steht jedoch der Sohn von Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Und wieder einmal vermischen die Sarkozys Privatleben und Politik.

Von Astrid Mayer

"Wie in einem monarchischen Hofstaat" gehe es derzeit an der französischen Staatsspitze zu, sagt die Opposition, und in der Partei des Präsidenten gärt es auch: Nicolas Sarkozy habe einen gravierenden Fehler gemacht, sagt ein Abgeordneter. Und das ausgerechnet in Sarkozys politischer Heimat, dem reichen Pariser Vorort Neuilly. Dort herrscht derzeit Panik, es geht um Intrigen, in die Sarkozys Sohn Jean verwickelt ist.

Nicolas Sarkozy wollte der Stadt bei den kommenden Kommunalwahlen einen Bürgermeister aufzwingen. Kurz nach seinem Regierungsantritt hatte er David Martinon zum Kandidaten erklären lassen, gegen den Willen seiner Parteifreunde. Er hatte ihm zur Unterstützung seinen Sohn Jean an die Seite gestellt. Martinons Hauptqualifikation bestand darin, ein Freund von Sarkozys damaliger Frau Cécilia zu sein. Als nun jedoch Umfragen ergaben, dass Martinon nicht gewählt werden würde, sagten sich seine Mitstreiter in einer spektakulären Aktion von ihm los - allen voran Jean Sarkozy.

Meuterei gegen Martinon

Wie ferngesteuert sei der Verratene danach durch Neuilly getaumelt, berichten Bewohner Neuillys. Die braven Bewohner der Stadt, in der Sarkozy fast 20 Jahre lang Bürgermeister war und wo er bei der Präsidentschaftswahl 85 Prozent erzielte, kennen das: Sarkozy hat Ähnliches mit einem Parteikollegen gemacht, um 1982 dort Bürgermeister zu werden. Die eigentliche Überraschung ist aber das Verhalten der Neuillyaner. Sie, die Getreuen, haben gemeutert gegen einen Kandidaten von Sarkozys Gnaden.

Dass Martinon so panikartig abgesägt wurde, wird als Zeichen höchster Nervosität gewertet: In einem Monat sind in Frankreich Kommunalwahlen - der Regierungspartei droht eine kräftige Watsche der Wähler. Die Beliebtheitswerte von Staatspräsident Nicolas Sarkozy sind im Keller. Und jetzt die Affäre um Martinon. Die ewige Vermischung von Privatleben und Politik.

Nicolas hatte seiner Cécilia damals einen Gefallen tun wollen. Dass bei Martinons erstem Auftritt in Neuilly die Parteigenossen "Martinon non, non" riefen, hatte Sarkozy nicht beeindruckt. Selbstherrlich war er davon ausgegangen, dass die Seinen diese Kröte schlucken würden. Sohn Jean sollte beim Verdauen helfen.

Die Rechnung ist nicht aufgegangen. Nur gut, dass Nicolas Sarkozy für die Rückzugsmanöver ebenfalls seinen Sohn einspannen konnte. Der stellte David Martinon nun kalt. Vater Sarkozy hielt sich zwar offiziell heraus, verfolgte aber die ganze Operation genau. Ein zu großer Prestigeverlust, ein zu klares Zeichen wäre es, wenn Sarkozys Partei UMP das Rathaus von Neuilly verlöre. Dort wohnen Sarkozys Freunde, einflussreiche Industrielle, Politiker, Leute aus dem Showbusiness. Die Créme de la Crème der französischen High Society, der sich Nicolas Sarkozy so verbunden fühlt.

Parteigenossen schmieren Honig um den Milchbart

Die offizielle Erklärung für Martinons Rausschmiss aus dem Sarkozy-Clan lautete "Uneinigkeit" - Anlass war aber ganz klar die Umfrage. Die anschließende Jagd auf David Martinon war bestellt vom Elysée-Palast Sarkozys und wurde von einem der dortigen Sprecher an die Tageszeitung "Figaro" weitergegeben.

Und schon schmieren die ersten UMP-Parteigenossen dem jungen Jean Sarkozy Honig um den (Milch)bart: Wie talentiert und engagiert der 22-Jährige doch gewesen sei - womöglich ein würdiger Kandidat. Die Reaktionen auf solche Sätze und Sarkozys Praktiken bringt der Liberale Francois Bayrou gut auf den Punkt: "Das ist ein Hofstaat, in dem Leute je nach Gunst des Herrschers nach Gunst des Herrschers aufsteigen oder stürzen", sagte Bayrou, der bei den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Jahr einen respektablen ersten Wahlgang hingelegt hatte.

Dass nicht einmal mehr Neuilly das Gebaren des Präsidenten ohne Murren mitmacht, lässt für die Kommunalwahlen Schlimmstes befürchten. "Hier würde sogar in Hamster gewählt, wenn er das Etikett "UMP trüge", hat einmal ein Stadtrat der winzigen sozialistischen Opposition über Neuilly gesagt. Nun, die Zeiten sind vorbei. Die konservativen Bürgermeister in Marseilles und Strasbourg fürchten um ihre Posten. Genau wie die von gut einem Dutzend weiteren größeren Städten.