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2. Januar 2008, 13:15 Uhr

Das Asphalt-Dschungelbuch

Einst schrieb Rudyard Kippling in Bombay das Dschungelbuch. Heute heißt die Stadt Mumbai und ist eine Megacity. Doch die Menschen haben den Dschungel - und auch seine Tiere, nicht verdrängt, und sorgen für manche Probleme. Von Swantje Strieder, Mumbai

Zoom

Das klassische Dschungelbuch in der Verfilmung nach Disney. Heute leben die wilden Tiere in Moglis Welt© Buena Vista/DDP

Wilde Tiere in einer 19-Millionen-Megacity? Gibt’s nicht, werden Sie sagen. Ist ziemlich lange her, seit Rudyard Kipling hier in einem romantischen Holzhaus in Bombay, wie es damals hieß, sein Dschungelbuch schrieb. Heute könnte er ein Asphaltdschungel-Buch schreiben!

Als sich die siebenjährige Praktisha Kamadi gegen sieben Uhr abends zum Pipimachen ins Gebüsch vor die Hütte ihrer Eltern hockte, wurde sie von einem Leoparden angefallen. Kaum hörte ihre Mutter Drupada ihre Schreie, stürzte sie sich mutig mit bloßen Händen auf das verdutzte Raubtier, das die Flucht ergriff. Mutter und Tochter wurden mit glücklicherweise leichten Kratzwunden im Hospital von Thane, Nord-Mumbai, behandelt.

Leopard lauert am Bankautomat

Wo Mensch und Tier sich auf immer engerem Raum begegnen, kann man tatsächlich Zusammenstöße der dritten Art erleben. Shirkan, den Tiger, gibt es in Mumbai nicht mehr, seine angeblichen Pfotenabdrücke gehören ins Reich der Chimäre, aber Bagheera, der Leopard, streift noch immer durch den Sanjay-Gandhi-National-Park, Mumbais Wasserreservoir und einzige grüne Lunge. Allen Wilddieben und Felljägern zum Trotz. "Unsere ca. 22 wilden Leoparden sind keine Man-Eater," beruhigte Wildhüter V.P. Patil, "nur, wenn so ein Raubtier ein kleines Kind nachts im Gebüsch rascheln hört, kann er es leicht für ein Beutetier halten." Gefährlich wird’s, weil sich immer mehr Leute am Rande oder sogar illegal direkt im Wildpark ansiedeln.

Was allerdings einen seiner sonst eher scheuen Schützlinge dazu getrieben hatte, am hellichten Tag einen Bankautomaten im Vorort Thane zu belauern und die armen Kunden bei ihren Transaktionen anzufauchen, konnte der Forst-Experte auch nicht klären. Der Leopard wurde betäubt und von seinem Geld-Spielzeug fortgebracht, in einen Zoo.

Mörderische Affenbanden

Das Sprichwort "vom wilden Affen gebissen" kann man in indischen Städten wörtlich nehmen. Die eleganten Hanuman-Languren, Meerkatzen, die sich im Urwald mit Weltrekord-Sprüngen von Baumwipfel zu Baumwipfel hangeln, haben die Zivilisation zu schätzen gelernt. So sitzen sie in Scharen vor manchen Tempeln, wo sie von den gläubigen Hindus so gut gefüttert werden, dass sie kaum noch vom Erdboden abheben können.

Aber sie sind hübsch und harmlos gegen ihre dreisten Vettern, die Rhesusaffen, die sich als Freibeuter in den Außenbezirken Mumbais oder New Dehlis herumtreiben. Kürzlich fiel der stellvertretende Bürgermeister von Dehli S S Bajwa nach einem Angriff von einer Herde Affen vom Balkon seines Hauses und erlag seinen Verletzungen. Da man die Tiere nicht töten sondern nur im Land "strafversetzen" darf, aber kein Bundesland Affen haben will, wird nicht einmal die Hauptstadt New-Dehli ihrer Plage Herr. Trotz einer Verfassungsbeschwerde.

Kein Ungeziefer, sondern tote Verwandte

Einige Tierarten sind besonders heilig. Deshalb regt sich hier niemand auf, wenn die Kühe, die bei mir um die Ecke auf dem Müllplatz weiden, sich hinterher an der belebten Kreuzung zum Verdauungsschlaf niederlegen. Auch Ratten haben in meiner Megastadt ein ideales Biotop gefunden. Wenn ein besonders fettes Exemplar durch unseren Innenhof, ja sogar durch unser Stammlokal wuselt, darf ich nichts sagen: Es könnte ja meine wiedergeborene Großmutter sein. Und die tausend Tauben, die am Chowpatty, Mumbais berühmten Stadtstrand von den Liebespärchen gefüttert werden, bringen vielleicht sogar Glück- und der Stadt noch ein bisschen mehr Dreck.

Noch bin ich in meinem Vorort von Vogelgezwitscher, manchmal auch Gekrächze der Krähen umgeben. Papageienschwärme fliegen durch die Palmen, Raubvögel schweben mit der Leichtigkeit des Seins über den Strand. Sperlinge gehören auch hier zu den bedrohten Arten. Aber Hans und Franz, unser zahmes Spatzenpaar, nisten über der Waschmaschine und ziehen gerade erfolgreich Nachwuchs auf. Wir sind fast so stolz auf die zwei, als ob es ein bedrohtes Seeadlerpaar sei.

Wildlebende Bestattungsunternehmer

Viele Vogelarten sind dem Umweltstress der Megacity nicht mehr gewachsen. Bis vor ein paar Jahren kreisten tausende von Geiern über dem Hochhaushimmel, jetzt ist die gefiederte Gesundheitspolizei fast ausgestorben. Wissenschaftler fanden heraus, dass die Aasfresser an Diclofenac, einem gebräuchlichen Rheumatikum und Schmerzmittel und anderen Medikamentenrückständen in Tierkadavern und Menschenleichen eingegangen sind.

Eine Katastrophe vor allem für die Religionsgemeinschaft der Parsen, der Geschäftselite Mumbais. Da die Parsen der Lehre Zarathustras anhängen, dass die sterblichen Überreste nicht die Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft beschmutzen dürfen, legen sie ihre Toten traditionell auf den Dakhmas, den Türmen des Schweigens ab, wo die Geier früherer Tage in wenigen Stunden die Leichen verschlangen. Die Scharen von Krähen, Mumbais Müllpicker par Excellence, sind kein Ersatz für sie. Heute müssen Sonnenkollektoren und Chemikalien den einst so vornehmen religiösen Job der Geier erledigen.

Rosa gefiederte Hühnchen

Neulich sah ich einen Schwarm von großen rosaroten Vögeln mit schwarzen Schwingen über’s Meer zu den Sümpfen im Norden der City fliegen. Es waren die ersten Flamingos, die von Dezember bis März hier nisten. Von den allermeisten Menschen hier werden die seltenen Wasservögel so begeistert empfangen wie bei uns die Störche. Leider auch von Wilderern. Gerade haben zwei Naturschützer die Vogelkiller bei ihrem Werk gefilmt: Tagelöhner aus den Salinen, die sich mit dem Vogelmord von bis zu acht Flamingos pro Tag ein Zubrot verdienen.

Flamingofleisch kostet etwa 70 cent pro Kilo auf dem Schwarzmarkt, Hühnchen ist dagegen nicht unter einem Euro zu haben. Die zwei Übeltäter wurden zwar von der Polizei verhört, aber dann entlassen. Die aufmerksamen Naturschützer bekamen jedoch Drohanrufe von irgendwelchen Hintermännern: "Zieht eure Anzeige zurück und versaut uns nicht das Geschäft! Sonst geht’s euren pretty Flamingos erst recht an den Kragen!"

Von Swantje Strieder, Mumbai
KOMMENTARE (4 von 4)
 
JoeausderHeide (02.01.2008, 13:27 Uhr)
Tollwut schon wieder ignoriert?
Schon wieder kein Wort ueber die wahre toedliche Gefahr in den Megacities: Bisse von tollwuetigen und streunenden Hunden.
Jedes Jahr sterben mehr als 40,000 Menschen (die Dunkelziffer duerfte gut und gern das 5-fache (!) betragen) in Indien durch Tollwut. Das ist der wahre Killer, da die S-Bahn wohl nicht in dieser Groessenordnung mordet.
Schreiben sie mal darueber!
Aurum (13.12.2007, 13:39 Uhr)
Aufstrebendes Land?
Wohl nur wenn es um Rüstungsgüter geht. Indien ist nicht 3., sondern 4. Welt. Zustände wie in der Steinzeit! Die Gleise noch von den Engländern, daß Kastensystem aus der Steinzeit. Dazu die Bevölkerungsexplosion, da Verhütung ein Fremdwort zu seien scheint. So hart wie es klingen mag, aber besser, man vermerkt diese Unfälle als Spätabtreibung.
Dialogus (13.12.2007, 12:34 Uhr)
Schade,
dass der Fortschritt immer auf Leichen gebaut wird...
Aber mal eine Frage
@katzmann1
Wie soll denn da ein Kontrolleur im Zug die Tickets kontrollieren? Wenn es so brechend voll ist? Ich kann mir das schwer vorstellen...
Danke.
katzmann1 (13.12.2007, 10:41 Uhr)
Gefaehrliche Zuege
Als Inder kann ich bestaetigen, dass Frau Strieder Recht hat.
Ausserdem gibt es in diesen Zuegen Bettler, Taschendiebe, Prostituierte und zahlreiche Pendler, die ohne Tickets fahren.
Es ist oft vorgekommen, dass Abteile bei der Fahrt wegen eines Kurzschlusses in Flammen aufgehen. Die Passagiere muessen herausspringen und werden von Zuegen von der Gegenrichtung angefahren. Es gibt zahlreiche Toten in solchen Situationen, besonders Frauen und Kinder. Einfach schrecklich !
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