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Die Unversöhnlichen

Beim Quds-Marsch in Berlin trafen pro-palästinensische Demonstranten auf Israel-Freunde. Die Bilanz: wütende Wortgefechte, zwei Festnahmen - und vereinzelt antisemitische Ausfälle.

Von Mareike Enghusen

Gemeinsam gegen Israel: 1200 pro-palästinensische Demonstranten versammelten sich am Freitag zum jährlichen Al-Quds-Tag in Berlin

Gemeinsam gegen Israel: 1200 pro-palästinensische Demonstranten versammelten sich am Freitag zum jährlichen Al-Quds-Tag in Berlin

"Zionisten trinken Blut!", steht auf dem Schild, und: "Tote Kinder landen bei McDonald's". Juden, die Christenkinder schlachten und ihr Blut schlürfen - ein altes antisemitisches Klischee. Am Freitag, auf der pro-palästinensischen Al-Quds-Demonstration, wird es wiederbelebt. Auf der anderen Seite des Schilds: ein durchgestrichener Davidstern. Der Mann, der das Schild hält, hat helles Stoppelhaar und trägt ein weißes T-Shirt, darauf steht "Deutschland", in Frakturschrift.

Viel ist diskutiert worden über die jüngsten antisemitischen Ausfälle auf israelfeindlichen Demonstrationen; und viele fürchteten, es würde an diesem Freitag wieder passieren, auf der pro-palästinensischen Al-Quds-Demo, die jedes Jahr in Berlin stattfindet. Schon nach wenigen Minuten scheint die Furcht bestätigt: Ja - dieser Mann, dieses Schild ist judenfeindlich, zweifellos. Die gute Nachricht: Er ist der Einzige, der seinen Judenhass so offen zur Schau trägt. Und die Polizei wird sein Schild später konfiszieren.

Rund 1200 Demonstranten haben sich an diesem Freitagnachmittag am Adenauerplatz versammelt, viele junge Männer mit türkischem und arabischem Hintergrund, aber auch etliche Frauen, mit und ohne Kopftuch, viele haben kleine Kinder dabei. Über der Menschenmenge ragen Palästina-Fahnen in den grau verhangenen Himmel, dazu die syrische Flagge, vereinzelt die gelbe Fahne der Hisbollah, der libanesischen radikal-islamistischen Miliz.

Die Mär vom Blut trinkenden Juden - ein altes antisemitisches Motiv. Das Plakat wurde später von der Polizei konfisziert

Die Mär vom Blut trinkenden Juden - ein altes antisemitisches Motiv. Das Plakat wurde später von der Polizei konfisziert

Bloß kein böses Wort gegen Juden, warnen die Veranstalter

Die Organisatoren, das wird schnell klar, folgen einer ausgefeilten Medienstrategie. Auf keinen Fall wollen sie das Bild ihres Protests beschmutzt sehen durch antisemitische Ausfälle. "Bitte kontrolliert eure Emotionen", ruft der Veranstalter Jürgen Grassmann durch sein Megafon. "Ihr wisst, dass die Öffentlichkeit von den Medien kontrolliert wird." Nicht einmal "Allahu Akbar", "Gott ist groß", sollen die Demonstranten rufen, "das kommt nicht gut an", denn es ist mittlerweile ein Schlachtruf.

Ansonsten sind die Organisatoren selbst nicht zimperlich bei ihrer Wortwahl. Der Aktivist Christoph Hörstel verkündet, Israels Vorgehen in Gaza sei "ein Massaker, ein Massenmord." Über den jüdischen Staat sagt er: "Dieser Staat ist ein Un-Staat. Und wenn ein Staat ein Problem ist, dann kann er nicht Teil der Lösung sein." Klare Ansage. Nur kein böses Wort gegen Juden bitte, daran appellieren die Sprecher immer wieder. Zumal in ihren Reihen selbst Juden mitmarschieren: eine kleine Gruppe ultra-orthodoxer Juden von der Sekte Neturei Karta. Deren Mitglieder lehnen die Existenz Israels ab, weil sie glauben, dass erst mit der Ankunft des Messias ein jüdischer Staat gegründet werden darf. Beim Protest gehen sie ganz vorn. "Die sind unser Schutzschild", ruft Veranstalter Grassmann. Ein Schutzschild vor dem Antisemitismus-Vorwurf.

Um hässliche Szenen zu verhindern, haben die Organisatoren sogar eigene Ordnungskräfte mitgebracht. Sie sollen die eigenen Leute im Zaum halten. Die meiste Zeit gelingt das.

"Israel vergasen", sollen einzelne Demonstranten gerufen haben

Aber nicht immer. Einmal, als der Zug über den Kurfürstendamm zieht, skandieren ein paar Dutzend Demonstranten "Israel vergasen", wird der Tagesspiegel später melden. Andere Demonstranten weisen sie zurecht. "Wir wissen darüber nichts, sonst wären wir eingeschritten", sagt der Sprecher der Berliner Polizei.

Hat die muslimische Gemeinde in Berlin ein Problem mit Antisemitismus? In der Menge geht ein älterer Herr mit weißem Turban, er stellt sich als Imam einer Moschee im Wedding vor und verneint entschieden. "Das ist ein Politikum, mehr nicht. Es gibt keine religiöse Feindschaft. Der Islam schreibt vor, dass wir die Propheten der Christen und Juden achten." Und die antisemitischen Ausfälle? "Wir können nicht jeden Einzelnen im Zaum halten. Warum kümmert sich nicht die Polizei darum?"

Ja, warum nicht? Das haben viele gefragt in den vergangenen Tagen. Inzwischen ist die Polizei vorbereitet. Tausend Beamte sind an diesem Freitag im Einsatz. Sie schirmen den Protestzug ab und stellen sich wie eine Wand zwischen die pro-palästinensischen Demonstranten und die Israel-Unterstützer.

"Ich fühle mich bedroht", sagt eine junge Israelin

Denn auch die haben sich organisiert: Rund 700 Israel-Unterstützer, aufgeteilt auf zwei Kundgebungen: eine antifaschistische am Adenauerplatz, eine bürgerliche am Georg-Grosz-Platz. Der Nahost-Konflikt spaltet - nicht nur Palästinenser und Israelis.

Am Georg-Grosz-Platz stehen Mitglieder der jüdischen Gemeinde neben iranischen Oppositionellen, dazu linke Aktivisten, Grüne, ein paar Männer mit Deutschlandfahnen. "Das ist die Fahne des Widerstands vom 20. Juli", sagt einer von ihnen in Anspielung auf das missglückte Hitler-Attentat von 1944. Auch heute sei die Zeit wieder reif für Widerstand: gegen Brüssel, gegen die EU. Ein paar Meter weiter murmelt eine linke Aktivistin: "Mir ist das sehr unangenehm."

Auch Israelis sind gekommen. Rotem ist eine von ihnen, 27 Jahre, langes schwarzes Haar, kräftiger Lidstrich. Seit September wohnt sie in Berlin, die Stadt gilt als hip unter jungen Israelis. Zumindest galt sie es - bis junge Männer "Jude, Jude, feiges Schwein" über den Ku'damm brüllten. "Ich fühle mich bedroht", sagt sie. "Vorher hatte ich in Deutschland nie das Gefühl, ich müsse meine Identität verstecken. Aber jetzt trage ich keinen Davidstern mehr." Yves Arievick, 25, in Berlin aufgewachsen, der Vater Israeli, sagt: "Ich habe kein Problem mit Israel-Kritik. Aber wie kann man solche antisemitischen Parolen in Deutschland zulassen?"

"Ihr habt damals die Juden vergast, jetzt wollt ihr das auf unsere Kosten wieder gut machen!"

Dann nähert sich der Al-Quds-Zug. "Zionisten sind Faschisten! ", brüllen die Demonstranten. "Lang lebe Israel!", schallt es zurück. Einzelne Demonstranten schlüpfen zwischen den Polizisten hindurch. Einer von ihnen beginnt ein Wortgefecht mit den Israel-Freunden. "Ihr habt damals die Juden vergast, jetzt wollt ihr das auf unsere Kosten wieder gut machen!" Journalisten und Neugierige drängen sich um die Streitenden, strecken ihnen Smartphones und Mikrofone entgegen - eskaliert hier und jetzt die Situation? "Mit Hamas kann man nicht diskutieren!", ruft einer der Israel-Unterstützer. "Hamas sind Terroristen!" - "Nein, ihr seid die Terroristen!" Eine Frau ruft: "Der Scheiß-Islam muss auch mal raus aus Deutschland!"

Es ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen sich Israel-Gegner und -Unterstützer nahe kommen. Die meiste Zeit hat die Polizei die Situation im Griff. Zwei Festnahmen meldet sie am Abend: Ein Al-Quds-Demonstrant habe versucht, einen Gegendemonstranten anzugreifen. Außerdem hatten Beamte in der Menge einen bekannten Kriminellen entdeckt. Ansonsten sei der Protest "überwiegend friedlich geblieben", bilanzierte Polizeisprecher Stefan Redlich.

Wenigstens eine gute Nachricht von diesem vergifteten Streit.

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